Künstlernachlass: Vom Ordnen, Vernichten und Vererben

 

Das Wort Restaurator kommt im ganzen Buch nur einmal vor. Und doch ist es durchaus ratsam für Restauratoren wie für alle anderen Kunstbetriebsmitarbeiter, „Das verlorene Bild“ von Frank Michael Zeidler zu lesen.

Zeidler, Künstler und Künstlerverbandsfunktionär, hat „[e]ine Aufforderung zur Reflexion über Künstlernachlässe“ geschrieben, die sich zwar vor allem an seine Kollegen, die Künstler, richtet, aber doch sehr eindrücklich beschreibt, welche Herausforderungen sich angesichts einer lebenslangen Kunstproduktion am Ende auftun. Dabei zeigt sich deutlich: Auch wenn diese Probleme zuerst einmal die der Künstler und ihrer Erben sind – letztendlich betreffen sie jeden im Kunstbetrieb.

Künstlernachlass
Frank Michael Zeidler: „Das verlorene Bild. Eine Aufforderung zur Reflexion über Künstlernachlässe“, 168 S., modo Verlag, 24,90 €. Foto: Modo Verlag Freiburg, 2016.

Zahl der Kunstwerke wächst

In Zeiten von Frieden, Wohlstand und Individualisierung wächst die Zahl der Künstler und der Kunstwerke rasant. Deshalb prophezeit Zeidler zu Recht, dass Nachlässe Museen, Galeristen, Restauratoren und Kunstwissenschaftler immer mehr beschäftigen werden. Auf eine Diskussion über die Notwendigkeit steigender Kunstproduktion und die damit einhergehende Qualitätsfrage lässt sich der Künstler Frank Michael Zeidler sehr bewusst nicht ein. Vielmehr erklärt er: „Es ist eine uneingeschränkte Tatsache, dass die Bereicherung der Gesellschaft durch mannigfache Belege der Kunst unangefochten im Raum steht (…).“ Und weiter: „Bei allen kritischen Anmerkungen zu dem Problem der Nachlässe von Künstlerinnen und Künstlern ist es immer wieder wichtig, auf die gesellschaftlich dringende Notwendigkeit von Kunstproduktionen hinzuweisen.“

Keine fertigen Lösungen

Man hätte dem Buch ein strafferes Redigat gewünscht, denn allzu viele von Zeidlers Gedanken, Aufrufen und Tipps kommen mehrfach und in Variationen vor. Allerdings zeigt sich an diesen Dopplungen das Tasten auf einem Gebiet, das noch weitgehend unbearbeitet ist. Zwar ist das Problem, einen künstlerischen Nachlass angemessen und würdig für die Nachwelt unterzubringen, nicht unbekannt, aber in seinen aktuellen Ausmaßen doch neu.

Fertige Lösungsmodelle hat Frank Michael Zeidler nicht, aber viele bedenkenswerte Überlegungen. Zum Beispiel diese: Auch ein geordneter Nachlass macht noch viel Arbeit. Im Museum ist ein Nachlass vor dem Vergessen keineswegs geschützt, schließlich gibt es Moden und immer neue Bewertungen. Stiftungen sind teuer. Erben sind nicht unbedingt fähig, im Sinne des Künstlers zu handeln – wenn sie das Erbe überhaupt annehmen. Auch die öffentliche Hand hat nur begrenzte Möglichkeiten. Digitalisierung von Kunstwerken ist keine Lösung für einen Nachlass.

Interpretationsrichtung vorgeben

Im Kern plädiert Zeidler dafür, das eigene künstlerische Werk zu ordnen, um der Nachwelt die Interpretationsrichtung zu geben, die man sich für sein Werk wünscht. Doch gleichzeitig soll der Künstler nicht erwarten, dass das auch funktioniert. Deshalb ist Gelassenheit der definitive und abschließende Rat: „Und was bleibt eigentlich, wenn man es ganz genau betrachten würde, von uns? Manchmal nur ein Sandkorn – und damit eine Wahrheit, die wir notgedrungen und dabei befreiend (sic!) lächelnd akzeptieren sollten.“