08.03.2021

Kunststück Museum

Kartografischer Sonderfund: Die Königin Europa in Retz

von Martin Miersch
Die Retzer „Königin Europa“. Kolorierter Holzschnitt

Die Retzer „Königin Europa“. Kolorierter Holzschnitt

Im Museum Retz in Niederösterreich wurde ein Exemplar einer Karte von Johannes Putsch gefunden, die Europa als Frau darstellt. Sie gilt als Vorbild aller frühneuzeitlichen kartografischen Allegorien. Sollten Sie heute darum gebeten werden, eine Landkarte von Europa in Form einer Allegorie anzufertigen, wie würden Sie diese anlegen?

Die Retzer „Königin Europa“. Kolorierter Holzschnitt
Die Retzer „Königin Europa“. Kolorierter Holzschnitt, Augsburg 1534. Entwurf: Johannes Putsch (1516–1542), Ausführung: Jost Denecker (ca. 1485–1548). Foto: Museum Retz

Der Sonderfund im Museum Retz

Der Tiroler Johannes Putsch (1516-1542), seinen Zeitgenossen auch als Iohannes Bucius Aenicola bekannt, hatte hier sehr klare Vorstellungen, als er im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts eine Karte anfertigte, die den europäischen Kontinent in Gestalt einer Königin zeigt. In der Antike wurde Europa auf Fresken und in Vasenmalerei noch als Frau dargestellt und zwar im Zusammenhang mit dem Mythos von Zeus, der in Gestalt eines Stiers die phönizische Prinzessin Europa über das Mittelmeer entführte.

Im Mittelalter wurde der Kontinent – falls überhaupt anthropomorph und nicht abstrakt mit der heiligen Stadt Jerusalem in der Mitte – männlich dargestellt, etwa durch die drei Söhne Noahs oder auch die Heiligen Drei Könige. Erst Johannes Putsch ließ den Kontinent in den 1530er-Jahren erstmals selbstständig als Königin auftreten – und auch sprechen.

Allgemein gilt seine Karte als Vorbild aller folgenden frühneuzeitlichen kartographischen Erdteilallegorien, die im gesamten Heiligen Römischen Reich und auch darüber hinaus verbreitet waren. Europakarten erschienen als Abbildungen im Rahmen von Universalgeschichten und enzyklopädischen Werken, aber auch einzeln als Blätter gedruckt.

Im Depot des Stadtmuseums von Retz fand sich nun ein Exemplar der allerersten Königin Europa von Johannes Putsch. Zu verdanken haben die Retzer diesen Schatz ursprünglich Pater Ignaz Lamatsch (1797-1863), Bibliothekar und Archivar des örtlichen Dominikanerklosters, der die Karte 1838 zusammen mit anderen Gegenständen dem kurz zuvor gegründeten Museum Retz, einem der ältesten Stadtmuseen Niederösterreichs und Europas, gespendet hatte. Für die Anfertigung zeichnet sich am unteren rechten Bildrand Jobst Dennecker in Ausgsburg verantwortlich. Entworfen hat die Karte Johannes Putsch, dessen Familie aus dem heute bayrischen Donauwörth in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts nach Tirol eingewandert war. Johannes Putsch trat schon in jungen Jahren in die Dienste Ferdinands I.

Ferdinand stieg ab 1526/27 zum König von Böhmen, Kroatien und Ungarn auf und wurde 1531 – noch zu Lebzeiten seines Bruders Karl V. – zum römisch-deutschen König gewählt. So wird er auch in den drei Widmungen auf der Karte adressiert, während die Königin Europa selbst eben diese geopolitischen Tatsachen reflektiert: Ihr gekröntes Haupt liegt in Spanien, ihr Herz jedoch schlägt in Böhmen, dessen König Ferdinand war. Der Reichsapfel wurde durch die Insel Sizilien verkörpert, die der Großvater Ferdinands ab 1479 als König regiert hatte.

Besonderheiten der Karte

Die Retzer Karte weist zwei Besonderheiten auf: Mit dem Herstellungsdatum von 1534 handelt es sich einerseits um die älteste bekannte Karte dieser Form. Eine weitere Karte von Putsch befindet sich im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, allerdings ist diese etwas jünger (1537) und im Gegensatz zum Retzer Exemplar nicht koloriert. Die zweite Besonderheit stellt das Gedicht „Lamentatio Europae“ dar, das sich unter dem Kartenrand befindet und das Kaiser Karl V. sowie Ferdinand I. gewidmet ist. In dieser Klage zählt die “Königin Europa” vergangene und gegenwärtige Kriege auf und wendet sich hilfesuchend an die beiden Herrscher des Habsburgerreiches.

Die Lamentatio korrespondiert mit der Karte: So erscheint in Vers 21 Spanien als Europas Haupt, in Vers 22 Italien als ihre Rechte, die sich aufgrund der unaufhörlichen Kämpfe geschwächt senkt. Die “Klage Europas” unterstreicht auch einen Aspekt der Königin Europa, der wahrscheinlich schwieriger zu erfassen ist, wenn man nur die Karte allein betrachtet: Denn Europa tritt durchaus als Hüterin christlich-abendländischer Zucht und Sitte auf, als bedrängte Frau, die in ungestümer und bedrohlicher Weise von Freiern umworben und auch zum Kauf angeboten wird.

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