Ernst von Siemens Kunststiftung initiiert „Förderlinie für geflüchtete Wissenschaftler:innen an deutschen Museen“

Krieg in der Ukraine: Mit einem neuen Förderprogramm unterstützt die Ernst von Siemens Kunststiftung die Arbeit aus der Ukraine und aus Russland geflüchteter Wissenschaftler:innen in deutschen Museen. RESTAURO sprach mit Generalsekretär Dr. Martin Hoernes über schnelle Hilfe und die Furcht vor Plünderungen

RESTAURO: Die Ernst von Siemens Kunststiftung hat am 9. März eine „Förderlinie für geflüchtete Wissenschaftler:innen an deutschen Museen“ initiiert. Woher kommt das Geld?

Dr. Martin Hoernes: Das sind unsere Stiftungsmittel. Das Projekt ist uns wichtig und deshalb finanzieren wir es mit zwei Millionen Euro.

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Gibt es denn schon Museen, die nach dieser Förderung fragen?

Ja, seit einer Woche bekommen wir direkte Nachrichten und Anfragen von Museumsleuten aus der Ukraine.

Sie wollen auch russische Kunsthistoriker unterstützen, steht in ihrer Ankündigung.

Die intellektuelle und kunsthistorische Community aus Russland dürfte größtenteils mit ihren ukrainischen Kollegen leiden. Sie unterstützt sie sogar bei der Rettung von Kulturschätzen, denn auch sie wollen diesen Krieg nicht. Wenn jemand in Russland Krieg sagt, muss er das Land verlassen. Deshalb gilt diese Förderlinie für russische Wissenschaftler:innen genauso.

Sie fördern aber ausschließlich in Deutschland?

Die Förderung kann nur in Deutschland ausgezahlt werden. Wohin sollten wir jetzt auch Geld überweisen und wie können wir überprüfen, dass es auch bei den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ankommt?

Und Sie wissen, dass Flüchtende jetzt schon an deutsche Museen gehen?

Ich weiß jetzt schon von drei Kunsthistorikerinnen, dass sie nach Dresden gehen werden. Augsburger Museen haben angefragt, um zwei Ukrainerinnen Arbeit geben zu können. Wir sprechen natürlich mit den Museen, die einen osteuropäischen Fokus haben. Und die Museen sind mit Leuten im Gespräch, die flüchten müssen.

Mit der Förderung werden die Personalkosten finanziert?

Ja, für ein Jahr. Es ist eine Förderung, die der Einrichtung und den Geflüchteten zugute kommt. Das ist uns wichtig. Putin schafft es, dass das freie Europa mehr und besser zusammenarbeitet, weil die Guten sich vernetzen. Das wollen wir unterstützen.

Was war der direkte Auslöser für diese Idee?

So, wie es immer ist: Man möchte sofort helfen. Wir unterstützten bisher in Russland, im Puschkin-Museum in Moskau, ein wunderbares Projekt zur Restaurierung kriegsgeschädigter Skulpturen, die als Beutekunst aus dem Berliner Bodemuseum dorthin kamen. Das können wir leider jetzt nicht weiter finanzieren, denn das Museum ist ein staatliches Museum. Obwohl ich sicher bin, dass unsere dortigen Kollegen den Krieg in der Ukraine furchtbar finden, freie Meinungsäußerungen aber nicht mehr möglich sind. Aber wir wollen den Wissenschaftler:innen helfen, die deshalb die Ukraine und Russland verlassen müssen.

Und Sie glauben, das werden viele Kunsthistorikerinnen sein, denn Männer dürfen und wollen ja nicht fliehen?

Ja, ganz sicher! Ab kommender Woche habe ich eine Praktikantin in der Stiftung aus der Ukraine. Sie übersetzt jetzt schon unsere Internetseite, obwohl sie noch nicht da ist.

Das ist eine Geflüchtete?

Ja. Wir sind wirklich froh, dass wir helfen können.

Wenn die Wissenschaftler:innen in deutschen Museen arbeiten, was werden sie machen?

Im Idealfall machen die Leute thematisch ähnliche Sachen wie zu Hause, verlagern aber das Büro für einige Zeit an ein deutsches Museum.

Das betrifft nicht alle Museen.

Es werden sicher nicht alle Museen Anträge stellen können, sondern nur die, die schon einen Osteuropabezug haben und die entsprechenden Wissenschaftler:innen kennen. Diese Museen sind mit den Wissenschaftler:innen in Kontakt und sagen ihnen: kommt zu uns, wir stellen einen Antrag auf Förderung bei der Ernst von Siemens Kunststiftung. In der Reaktion auf diesen Krieg und diese wirklich mittelalterliche Barbarei ist es schön zu sehen, wie in Deutschland mit dieser entschlossenen Haltung, uns das nicht gefallen zu lassen, agiert wird.

Wissen Sie, ob die Museumsmitarbeiter:innen es schaffen, in der Ukraine Kunstwerke zu sichern?

Ich höre schon, dass Werke in Keller gebracht und gesichert werden. Aber die Sprengkraft heutiger Bomben ist viel größer als damals im Zweiten Weltkrieg. Und ich glaube: wer Menschen ermordet, für den sind Kunstwerke Plündergut.

Sie haben Erfahrung mit schneller, punktgenauer Förderung in einer Krise. Ihre Corona-Förderlinie lief perfekt, es gab sehr schnell Geld für unterschiedlichste Restaurierungsprojekte. Werden Sie jetzt etwas ändern am Vorgehen?

Nein. Die Corona-Förderlinie ist die Blaupause zu dem, was wir jetzt machen. Wir werden wieder Projekte unterstützen, die beiden Seiten – den Wissenschaftler:innen und den Museen – helfen.

Die Corona-Förderlinie, mit der Restaurierungsprojekte an Museen gefördert wurden, läuft jetzt aus?

Es werden noch Projekte für eine Viertelmillion Euro gefördert. Aber die Situation ist nun nicht mehr so hart. Die furchtbare Notsituation durch Corona ist vorbei, staatliche Hilfen greifen, Ausstellungen laufen wieder. Die Anträge werden weniger.

Wie viele Projekte wurden insgesamt gefördert, seit das Projekt Mitte März 2020 startete?

Mehr als 200 Projekte für die wir mehr als zwei Millionen Euro ausgegeben haben – das meiste Geld für Restaurierungen.

Das Interview führte Uta Baier. 

Für die Förderungen gelten die aktuellen Förderrichtlinien der Ernst von Siemens Kunststiftung.

Tipp: Die Ernst von Siemens Kunststiftung genehmigte gleich zu Beginn der Corona-Pandemie die Restaurierung von 40 Kunstwerken. Lesen Sie hier mehr.