15.06.2016

Museum

Einziger Tagesordnungspunkt: Syrien

von Heike Schlasse
Präsidentin der deutschen UNESCO-Kommission und Dr. Michael Hanssler

 

Auf dem internationalen Treffen zum Erhalt des Kulturerbes in Syrien diskutierten mehr als 230 syrische und internationale Experten vom 02. bis 04. Juni 2016 im Auswärtigen Amt in Berlin. RESTAURO sprach im Vorfeld der Tagung mit Prof. Dr. Verena Metze-Mangold, seit 2014 Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission und Dr. Michael Hanssler, Vorstandsvorsitzender der Gerda Henkel Stiftung über die vielfältigen internationalen Hilfsmaßnahmen.

Es sind national und international vielfältige Maßnahmen für den Kulturgüterschutz geplant bzw. schon umgesetzt. Die Ausbildung syrischer Fachkräfte und das sog. Damage Assessment sind nur zwei von vielen Beiträgen. Wie können diese Initiativen beim späteren Wiederaufbau konkret helfen?

Verena Metze-Mangold: In Deutschland gibt es beispielsweise das vom Deutschen Archäologischen Institut koordinierte Archaeological Heritage Network mit 20 Institutionen, die Deutsche UNESCO-Kommission ist Teil des Netzwerks. Wir hoffen, dass diese nationalen Expertisen dann auf internationaler Ebene vernetzt werden. Das Maß der Zerstörung soll daraus umfassend ablesbar und bewertbar werden, so dass ein Masterplan für den Wiederaufbau entwickelt werden kann. Dies setzt natürlich voraus, dass es keinen Krieg mehr gibt.

Michael Hanssler: Von zentraler Bedeutung für alle nationalen und internationalen Initiativen wird sein, sich auf die Perspektive der Betroffenen aus der Region zu verlassen, wenn wir über Prioritäten des Wiederaufbaus sprechen. Nicht wir hier am grünen Tisch in Berlin entscheiden, was vor Ort wichtig ist und was zuerst gemacht werden muss. Wir müssen auf die aus dem Land Kommenden hören und uns von ihren Ratschlägen leiten lassen. Im Rahme ihres Engagements engagiert sich die Gerda Henkel Stiftung mit konkreten Projekten nicht nur in der Flüchtlingshilfe, sondern auch mit Stipendien für syrische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Diese sind u.a. am Deutschen Archäologischen Institut, an den Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesit, und an derUniversität Cottbus tätig.

Zu Beginn des Expertentreffens gibt es ein Young Experts Forum, das von der Gerda Henkel Stiftung gefördert wird. Welche Erfahrungen haben Sie mit den „jungen Experten” gemacht?

Verena Metze-Mangold: Wir haben bereits im vergangenen Jahr eine sehr gute Erfahrung mit dem Young Experts Forum gemacht, da im Vorfeld der 39. Tagung des UNESCO-Welterbekomitees in Koblenz und Bonn stattfand. Ich selbst habe dieses Young Experts Forum begleitet und war über den Zusammenhalt der jungen Experten in meiner Seele berührt. Hier sind einander wildfremde Menschen aus allen Teilen der Welt und aus ganz unterschiedlichen Kulturen wirklich beseelt von dem gleichen Gedanken: Der Ausbildung und der internationalen Vernetzung zum Schutz des Welterbes.

Michael Hanssler: Am diesjährigen Young Experts Forum nehmen 23 mehrheitlich syrische Nachwuchswissenschaftler teil. Es ist ein schönes Zeichen, dass diese Veranstaltung hier in Berlin stattfinden kann. Viele der etablierten Archäologen, Stadtplaner und Architekten sind auf der Flucht, untergetaucht oder gar ums Leben gekommen. Die kommende Generation, die sich zum Young Experts Forum hier in Berlin trifft, wird die zukünftige Aufgabe des Wiederaufbaus im kulturellen Bereich ganz maßgeblich prägen.

„Steine vs. Menschen” – Wiederholt wird die scheinbare Unvereinbarkeit von humanitärer Hilfe und Kulturgüterschutz diskutiert. Wie geht die Gerda Henkel Stiftung damit um?

Michael Hanssler: Humanitäre Hilfe ist ganz klar wichtig und immer prioritär. Ich denke aber, dass es gelingen kann, beides in Projekten unter einen Hut zu bringen. Die Gerda Henkel Stiftung hat in diesem Zusammenhang mit Partnern aus Syrien und Jordanien in Flüchtlingslagern an der jordanisch-syrischen Grenze Projekte ins Leben gerufen, in denen junge Syrerinnen und Syrer in archäologischen Grabungsprojekten Beschäftigung finden. Mit dem sog. Damage Assessment, einer Komponente des Syrien Heritage Archive Projektes, wird zudem eine detaillierte Erfassung und Bewertung der Schäden am syrischen Kulturerbe möglich. Dem schließen sich die logistischen und technischen Planungen von Wiederaufbaumaßnahmen an, die gegenwärtig bereits angelaufen sind. Wissenschaftsförderung mit humanitären Maßnahmen zu verbinden – dafür stellt die Gerda Henkel Stiftung eine Million Euro Soforthilfe für Syrien und seine Nachbarländer bereit.

Im vergangenen Jahr hat die UNESCO eine Empfehlung an den UN-Sicherheitsrat verabschiedet, nach welcher der Kulturgüterschutz explizit in die Mandate von Friedensmissionen aufgenommen werden sollte. Sorgen internationale Soldaten mittlerweile für globalen Kulturgüterschutz?

Verena Metze-Mangold: Ich denke, das ist im Moment zuviel behauptet. Es gibt allerdings eine Initiative zwischen der UNESCO und Italien zum Einsatz von Expertenteams für das Kulturerbe in Konfliktregionen. Diese Taskforce (bestehend aus Polizei, Historikern und Restauratoren und angesiedelt am Turiner Campus der Vereinten Nationen- Anm. d.Red.) kann im Bedarfsfall angefordert werden. Doch noch gibt es eine gewisse Zurückhaltung, international bekannte Archäologen in Kriegsgebiete zu schicken. Es bleibt abzuwarten, ob man das „embedded” machen kann oder ob man die ersten Friedensschlüsse abwarten muss.

Ausgerichtet wurde die Tagung von der UNESCO und dem Auswärtigen Amt in Kooperation mit dem Deutschen Archäologischen Institut, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Gerda Henkel Stiftung und der Deutschen UNESCO-Kommission.

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