DOCUMENTA 14

 

Drei Tage lang ist die Documenta Fachbesuchern und Journalisten vorbehalten. Morgen, am Samstag wird die Fünf-Jahres-Großausstellung eröffnet. Restauratoren sind auf der weltberühmten Schau unentbehrlich. Tilmann Daiber und Eckehard Kneer sind wieder für die diesjährige Documenta tätig. Unsere Berlin-Korrespondentin Uta Baier sprach mit ihnen.

 

 

Auf der Liste der documenta-Mitarbeiter stehen neben vielen Kuratoren auch drei Restauratoren: ein griechischer, der für die Athener Station verantwortlich ist und zwei deutsche: Ekkehard Kneer aus Berlin und Tilman Daiber aus Stuttgart. Beide arbeiten schon das fünfte Mal für die documenta. Uta Baier hat mit ihnen über ihre Aufgaben und ihre Faszination für die Kasseler Weltkunstausstellung gesprochen.

 

Warum arbeiten Sie als Restauratoren für die documenta?

Ekkehard Kneer: Eine documenta ist immer eine großartige Veranstaltung, die einen großen persönlichen Input verlangt. Deshalb sind wir sehr froh, wieder dabei zu sein. Und wir können unsere Erfahrungen, die wir bei vergangenen documenta-Ausstellungen gesammelt haben, einbringen.

Tilman Daiber: Das kann ich nur unterschreiben. Man entwickelt eine große Verbundenheit mit dieser Veranstaltung.

 

Ist Kassel für Sie eine besondere Herausforderung? Oder was gefällt Ihnen als Restauratoren an einer Mitarbeit bei dieser Art von Eventausstellung?

Tilman Daiber: Das Aufgabenfeld des Restaurators hat sich in den vergangen 20 Jahren sowieso gewandelt – es ist viel Ausstellungsbetreuung dazu gekommen. Das ist auch ein großer Teil unserer documenta-Arbeit. Außerdem gilt die documenta als wichtigste Ausstellung zeitgenössischer Kunst weltweit. Daran mitzuarbeiten ist sehr spannend und eine große Herausforderung.

 

Eine Herausforderung welcher Art?

Tilman Daiber: Wir haben ein Team von sechs Mitarbeitern die den etwa 700 Kunstwerken von mehr als 100 Künstlern an etwa 30 Spielorten einen guten Aufenthalt gewährleisten wollen. Das ist allein schon logistisch eine Herausforderung.

Ekkehard Kneer: Da sich das Meiste spontan vor Ort entscheidet, ist diese Dynamik des Ausstellungsaufbaus die Herausforderung – egal, ob das mit riesigen Kisten oder einem spontanen Fensterausbau zu tun hat.

 

Worin bestehen Ihre konkreten Aufgaben?

Ekkehard Kneer: Es gibt immer viele Neuproduktionen, die direkt für Kassel entstehen. In dem Moment, in dem die Konzepte stehen, kommen bei der Umsetzung dann Fragen an uns als Materialspezialisten. Da können wir mit unserem Wissen über die Geschichte der Materialien den einen oder anderen Tipp geben. Ansonsten kümmern wir uns erst wieder um die Werke, wenn sie fertig sind und wir Zustandsprotokolle erstellen. Eine Spezialität einer Ausstellung, wie es die documenta ist, sind Ausstellungsorte, die nicht den klassischen Museumsbedingungen entsprechen. Unsere Arbeit besteht daher nicht so sehr im klassischen Restaurieren, sondern umfasst eher die Beratung bei der Planung, bei der Aufstellung und beim konkreten Aufbau.

Tilman Daiber: Ist die Ausstellung eröffnet, geht es vor allem um die Pflege der Kunstwerke. Wir machen tägliche Pflegerundgänge.

 

In diesem Jahr ist auch Athen Ausstellungsort der documenta. Waren Sie auch in Athen?

Tilman Daiber: Nein, dort gibt es ein eigenes Team. Wir waren auf Standby, wenn etwas passiert wäre, aber das ist es nicht.

Ekkehard Kneer: Wir haben im Vorfeld unsere Erfahrungen kurz zusammengefasst und sie dem Team in Athen zur Verfügung gestellt. Dort hat man ja noch nie so eine große Ausstellung vorbereitet.

 

Sie sprachen schon davon, dass ein Großteil Ihrer Arbeit Ausstellungs- und Aufbaubegleitung ist. Inwiefern ist das eine andere Arbeit als für andere Ausstellungen?

Tilman Daiber: Es ist tatsächlich die Größe dieser Ausstellung, die die Arbeit besonders macht. Wenn man das einmal erlebt hat, schreckt einen nicht mehr viel.

 

Was waren bisher die größten Schäden, die sie während der Laufzeit einer Ausstellung zu beseitigen hatten?

Ekkehard Kneer: Jede documenta ist größer als ihre Vorgängerin und hat mehr Besucher. Da steigen Luftfeuchtigkeit und Staubbelastung. Bei unseren Rundgängen müssen wir Kunstwerke deshalb manchmal täglich von Staub befreien.

Außerdem habe ich eine weitere Entwicklung beobachtet: Immer häufiger wollen Künstlern den Besuchern Interaktionen mit den Kunstwerken ermöglichen. Da sie bisher jedoch eher Erfahrungen im wesentlich kleineren und geschützteren Galerieumfeld haben, gibt es häufiger mal Schäden. Schließlich „benutzen“ in Kassel Hunderttausende so ein Werk. Dass ein beschädigtes Kunstwerk dann für die Zeit der Restaurierung gesperrt ist, ist immer ärgerlich. Deshalb versuchen wir zusammen mit den Künstlern und den Kuratoren einen praktikablen Weg zu finden, damit Werke nicht so anfällig bei der Benutzung sind.

Tilman Daiber: Und natürlich gibt es auch Vandalismus. Vor allem bei den Außenskulpturen.

 

Es wird viel über die Verrohung der Sitten im öffentlichen Raum gesprochen. Wie sind Ihre Erfahrungen? Wie gehen die documenta-Besucher mit der Kunst um? Anders als vor zwanzig Jahren?

Tilman Daiber: Von der Hochachtung gegenüber Kunst spürt man leider eher weniger. So eine Ausstellung hat natürlich auch einen Eventcharakter, der viele verschiedene Besucher ansprechen soll und anspricht. Ein gewisses Unverständnis gegenüber zeitgenössischer Kunst begleitet mich seit vielen Jahren. Daran hat sich aus meiner Sicht nichts geändert.

Ekkehard Kneer: Verrohung der Sitten – nein. Aber ich habe den Eindruck, dass durch die vielen Touchscreens und virtuellen Realitäten, die Menschen heute permanent benutzen, die Lust, etwas zu berühren, gestiegen ist. Ob das mit fehlenden taktilen Erfahrungen oder mit der Gewohnheit, auf den Bildschirmen alles berühren zu können, zu tun hat, weiß ich nicht. Aber ich sehe schon, dass viele Besucher die Kunst berühren und anfassen.

 

Haben Sie eigentlich eine Lieblingsdocumenta?

Ekkehard Kneer: Meine erste documenta-Mitarbeit war 1992 bei der d 9. Das war sozusagen meine Initiation – nicht nur in Kassel sondern auch in die Welt der zeitgenössischen Kunst. Diese ersten Erfahrungen waren natürlich sehr prägend, da man beim ersten Mal mit viel größerer Aufmerksamkeit das Umfeld wahrnimmt.

Tilman Daiber: Meine erste war die documenta 10, die ich noch als Student erlebte und die prägend war. Ich muss aber sagen, dass ich die letzte, die d13 wegen ihrer Kunstauswahl und dem zeitgenössischen Geist, der dort herrschte, sehr bemerkenswert fand.

 

In Kassel wie auch in Athen dauert die Documenta jeweils 100 Tage. In Athen ist die Documenta noch bis 16. Juli zu sehen. Einen Beitrag über diesjährige Documenta lesen Sie in der aktuellen Juli-Ausgabe der RESTAURO 4/2017.