Die Muse aus Magdeburg

Moritz von Schwind (1804–1871) war eine zentrale Künstlergestalt der deutschen Spätromantik. Er galt als eines der größten zeichnerischen Talente der Epoche. Zwei großformatige Kartons gehören zum Kernbestand der Grafischen Sammlung des Kulturhistorischen Museums Magdeburg, wurden nun restauriert und erstmals der Öffentlichkeit präsentiert

Die geflügelte Poesie (Abb. Detail) schreitet anmutig, die Leier im Arm und umgeben von Putten, über Wolken auf den Betrachter zu. Ihre Begleiter symbolisieren weitere Künste: Musik, Architektur, Malerei und Schauspiel. Der Erzengel Michael drückt dem besiegten Teufel, der aus den Wolken in die Hölle stürzt, eine Lanze auf die Brust. Michael, in leichter Rüstung, mit Helm, Schwert und Lanze, ist dem nackten Satan vollständig überlegen und blickt aus erhöhter Position herab. Der Schöpfer Moritz von Schwind (1804–1871) war eine zentrale Künstlergestalt der deutschen Spätromantik. Er galt als eine der größten zeichnerischen Begabungen der Epoche. Die beiden Kartons, die zum Kernbestand der Grafischen Sammlung des Kulturhistorischen Museums Magdeburg gehören, sind hervorragende zeichnerische Meisterwerke des Künstlers. Die „Poesie“ um 1860 diente wohl als Entwurf für ein Fresko. Das Motiv griff der Künstler mehrfach auf (u. a. im Gemälde „Die Muse der Poesie“, Frankfurt/Main Städel Museum Inv. Nr. 1298). Der „Erzengel Michael“ wurde in dem verlorenen Gemälde „Der heilige Michael“ von 1848 umgesetzt.

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Moritz von Schwind, „Die Poesie“, um 1860, 217 x 95 cm. Zustand nach der Restaurierung. Kulturhistorisches Museum Magdeburg. Foto: Hans-Wulf Kunze

 

So unterschiedlich Motive und Ausdruck der Kartons auch sind, in technischem Bestand und Zustand ähneln sie sich sehr. Auf braun grundiertes Papier wurde in Kohle und weißer Kreide gezeichnet und Schattierungen in Wischtechnik oder Schraffur angelegt, anschließend auf Gewebe aufkaschiert und auf Rahmen gespannt. Es finden sich Pentimenti und Andeutungen von Quadrierungen, die die Arbeitsweise des Künstlers sehr schön dokumentieren. Beide Gewebeträger haben über die Jahre ihre Spannung verloren. Daraus resultierten Verwellungen, die besonders bei der „Poesie“ sehr störend wirkten. Risse und Fehlstellen beider Kartons wurden in einer Reparaturphase, wohl im frühen 20. Jahrhundert überklebt und übermalt.

Das Stiftungsbündnis Kunst auf Lager ermöglichte die konservatorischen Maßnahmen

Die „Poesie“  wurde vollständig vom festen Holzrahmen abgenommen, leicht in kaltem Wasserdampf gefeuchtet, neu montiert und durch leichtes Schrumpfen bei der Trocknung gespannt. „Erzengel Michael“ konnte durch leichtes Auskeilen des Keilrahmens wieder gespannt werden. Die Retusche der „Poesie“ beschränkte sich auf die Anpassung heller Partien mit Flammruß- und Ockermischungen in Pastelltechnik. Die glänzenden Wachskittungen beim „Erzengel Michael“ und auch die Wasserflecken konnten jedoch nicht entfernt werden, ohne die Kohlezeichnung zu gefährden. Sie wurden dem Farbton der Grundierung in Gouachefarben und die Patina mit Pastellstiften angeglichen, damit sie in den Hintergrund treten, den Glanz verlieren und das Gesamtbild damit ruhiger wirkt. Anschließend konnten in den historischen Rahmen, mit Verglasung versehen, die lange vergessenen Kartons aus Mitteln der Kulturstiftung der Länder als Partner des Stiftungsbündnisses Kunst auf Lager wieder der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Erfahren Sie mehr über die Konservierung von Schwinds „Erzengel Michael“ in der RESTAURO 3/2018 – einer Spezialausgabe zu Paperrestaurierung, www.restauro.de/shop

Zum Autor:
Dipl.-Rest. (FH) Lars Herzog-Wodtke arbeitet als freiberuflicher Papier-Restaurator für Bibliotheken, Archive und Museen. Er ist einer von bundesweit nur sechs Experten auf dem Spezialgebiet der Großgrafiken wie Tapeten und Plakate. In Essen leitet er sein eigenes Atelier. Kontakt: herzog-wodtke@cityweb.de