20.04.2020

Projekte

Dem Vergessen entgegentreten

von Martin Miersch
D. Sommer
D. Sommer

Viele jüdische Friedhöfe in Deutschland befinden sich in einem sehr schlechten Zustand. Mit einem Projekt sollen jetzt jüdische Friedhöfe in Bayern dokumentiert werden


Der Jüdische Friedhof an der Judenbastei ist einer der ältesten und der weitläufigsten in Bayern. Mit einem Projekt sollen jetzt jüdische Friedhöfe in Bayern dokumentiert werden Foto: Gemeinde Georgensmünd
Der Jüdische Friedhof an der Judenbastei ist einer der ältesten und der weitläufigsten in Bayern. Mit einem Projekt sollen jetzt jüdische Friedhöfe in Bayern dokumentiert werden Foto: Gemeinde Georgensmünd

Grabsteine sind nicht für die Ewigkeit. Sie verwittern und sind vom Zerfall bedroht. Was vielen Grabsteinen – überwiegend aus Buntsandstein – zusetzt, sind saurer Regen und schwefelhaltige Luft. Die Schwefelverbindungen bauen die für den Stein ‘lebensnotwendige’ Kieselsäure in den äußeren Partien ab, wodurch der innere Zusammenhalt des Steins verloren geht. Besonders betroffen sind auch jüdische Friedhöfe, da einerseits nach jüdischer Auffassung Grabmale dauerhaft erhalten werden sollen und andererseits sich viele jüdische Friedhöfe in Deutschland aufgrund der nationalsozialistischen Verfolgung in seinem sehr schlechten Zustand befinden. In Zeiten eines zunehmenden Antisemitismus und des gleichzeitigen Verfalls jüdischer Friedhöfe ist es nötig, ein Zeichen zu setzen und dem Vergessen entgegenzutreten.

Eine Lösung für dieses Dilemma kann die Digitalisierung bieten. Modellcharakter könnte insbesondere dem neuen Projekt zur „Dokumentation jüdischer Friedhöfe“ zukommen, das im Herbst 2019 in München vorgestellt wurde. Es soll dafür sorgen, dass dieser wertvolle Teil der jüdischen Geschichte erhalten bleibt und auch öffentlich zugänglich ist. Das Bayerische Kunstministerium, das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) und die sieben bayerischen Bezirke arbeiten hierbei Hand in Hand.

Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt. Es wird am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege durchgeführt, das als zentrale Schnittstelle für alle Beteiligten fungieren wird. Die Bezirksheimatpflegerinnen und -pfleger, die dieses Projekt initiiert hatten, sind wichtige Partner bei der Realisierung und fachlichen Begleitung. Der bayerische Kunstminister Bernd Sibler betonte: „Jüdische Friedhöfe sind ein wertvolles Zeugnis der jüdischen Kultur in unseren Regionen. Diese zu dokumentieren, bedeutet, unser kulturelles Erbe zu bewahren und sichtbar zu machen. Mit diesem Projekt können wir hierzu einen wichtigen Beitrag leisten.“, dem Verfall jüdischer Friedhöfe entgegenzutreten und eine breite Öffentlichkeit über diese wichtigen Zeugnisse der Geschichte zu informieren“. Generalkonservator Prof. Mathias Pfeil, Leiter des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege erklärte: „Allein in der Bayerischen Denkmalliste sind 106 jüdische Friedhöfe erfasst. Es handelt sich dabei um verwaiste, geschlossene, aber auch noch offene Friedhöfe. Diese Orte und damit auch die Geschichte der Verstorbenen dürfen nicht in Vergessenheit geraten, dafür setzen wir uns mit dem Projekt ‚Dokumentation jüdischer Friedhöfe in Bayern‘ ein.“ Im jüdischen Glauben gilt die Totenruhe als unantastbar. Anders als beispielsweise im christlichen Glauben bleiben Gräber und Grabmale dauerhaft erhalten und werden nicht nach Ablauf einer festgeschriebenen Zeit aufgelöst. Das bedeutet auch, dass jüdische Friedhöfe eine teils Jahrhunderte in die Vergangenheit reichende Quelle zum jüdischen Leben darstellen. Die Inschriften, deren Lesbarkeit im Lauf der Zeit immer weiter abnimmt, geben Auskunft zum Beispiel über Namen, Familienzugehörigkeit, Titel, den letzten Wohnort sowie das Sterbe- und in manchen Fällen auch das Begräbnisdatum des oder der Verstorbenen. Der voranschreitende Verfall einzelner Grabsteine, sogenannter Mazewa, bedroht diese wichtigen Kulturgüter. Ziel ist es, diesen Wissensschatz zur jüdischen Geschichte zu dokumentieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Durch vielfältiges bürgerschaftliches Engagement ist bereits viel erreicht worden. Jetzt geht es darum, die Informationen zu bündeln und fachlich zu unterstützen.

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