21.09.2021

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Das Klima im Blick behalten trotz Corona – Restaurierung und Klimakrise

von Martin Miersch

Die Zeit für eine nachhaltige Wende beim Klimaschutz wird knapp, denn die Erderwärmung ist bereits um 1,2 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau angestiegen. Trotz aller Rückschläge gehen jedoch viele Institutionen davon aus, dass 2021 ein gutes Jahr für einen effektiveren Klimaschutz ist. Sollten möglicherweise Strategien, die uns im Kampf gegen das Virus geholfen haben, auch bei der Bewältigung der Klimakrise nützlich sein?

Behutsame Reinigung eines Gemäldes am Institut für Konservierung und Restaurierung an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Foto: © Heidrun Henke

Klimawandel stellt Restaurierung und Kulturguterhaltung vor große Herausforderungen

Innovativ zeigte sich hierbei die Universität für Angewandte Kunst in Wien. Das Zentrale Künstlerische Fach (ZKF) als ein Baustein des Studiencurriculums Restaurierung musste hier infolge des Distance-Learnings bereits im Sommersemester 2020 ohne praktische Übungen in den Werkstätten auskommen. Die Restaurierung der Wiener Angewandten hat inzwischen allerdings die notwendig gewordene Umstellung des Lehrbetriebs genützt, um angehende Restaurator:innen auf die Bewältigung wichtiger gesellschaftlicher Herausforderungen vorzubereiten.

In Arbeitsgruppen haben die Studierenden anhand praktischer Beispiele Lösungen erarbeitet. Wie an allen Universitäten musste innerhalb kürzester Zeit der Umstieg auf die Online-Lehre gelingen. Der Klimawandel stellt auch die Bereiche Restaurierung und Kulturguterhaltung vor große Herausforderungen. Die Studierenden in Wien haben mittlerweile beeindruckende Lösungen für Fragestellungen aus der restauratorischen Praxis erarbeitet, obwohl das Arbeiten in den Werkstätten am Objekt nicht möglich war. Das ZKF macht die Studierenden mit den Herausforderungen der Restaurierung anhand von Theorie und Praxis vertraut.

Die zunehmende Zahl an Extremwetterereignissen etwa stellt ein ernstzunehmendes Risiko für Denkmäler und ganze Sammlungen dar. Laut Studien der Unesco zu Klimawandel und Kulturerbe ist von weitreichenden Auswirkungen auszugehen: Veränderte Grundwasserspiegel und Niederschläge beeinflussen die Zusammensetzung von Böden und können dessen konservierende Wirkung für archäologische Bodenfunde negativ beeinträchtigen.

Ernstzunehmendes Risiko für Denkmäler und Sammlungen

Massive Niederschläge können bei historischen, aus Naturstein errichteten Gebäuden Salzmobilisation und Schäden durch Kristallisation hervorrufen. Klimatische Veränderungen, vor allem höhere Temperaturen und Luftfeuchtigkeitswerte führen zu Schädlingsbefall und Schimmel, eine Gefahr für Sammlungen und Objekte insbesondere aus Holz und Textil. Weitere Bedrohungen entstehen durch die zunehmende Wüstenausbreitung ebenso wie in Folge von Überschwemmungen.

Risikoprävention, Notfallvorsorge und -planung sowie Erstversorgung von und für Kulturgut werden und sind angesichts zunehmender Naturkatastrophen wesentliche Aufgaben von Restaurator:innen. Studierende beschäftigten sich daher mit den Auswirkungen der prognostizierten, klimatischen Veränderungen auf Kulturgut im Außenbereich. Ziel war es, für Objekte aus Holz, Metall sowie karbonatischen und silikatischen Gesteinen veränderte oder neue Schadensmechanismen zu benennen und zu charakterisieren.

Auswirkungen auf archäologisches Kulturgut und Bodenfunde

In Hinblick auf das Auftauen von Permafrostböden, die Erwärmung des Bodens sowie die zunehmende Zahl an Starkniederschlagsereignissen sind auch die Auswirkungen auf archäologisches Kulturgut und Bodenfunde eine zentrale Fragestellung. Fiona Frei, Studierende der Arbeitsgruppe Klima betont: „Die sich verändernden klimatischen Bedingungen zwingen uns zum Umdenken. Wir müssen neue Ideen und Ansätze in der Restaurierung entwickeln und auch in die Tat umzusetzen. Nur so sind wir für den Klimawandel gewappnet und können möglichst viel Kulturgut erhalten.“

Auch ethische Fragestellungen sind in den Mittelpunkt restauratorischer Praxis gerückt. Die Herkunft von Objekten – Exponate aus der Zeit des Nationalsozialismus oderreligiöses Kulturgut wie Reliquien – wirft Fragen auf, auf die die Restaurierung zeitgemäße Antworten haben muss. Ein weiteres Team erarbeitete daher ein Konzept, wie ein konservatorisch-fachgerechter und zugleich ethisch-vertretbarer Umgang mit Reliquien und menschlichen Überresten aussehen kann. Eines der praktischen Beispiele bildet die Gall’sche Schädelsammlung im Badener Rollettmuseum.

Gall’sche Schädelsammlung im Badener Rollettmuseum

Die Sammlung umfasst die Überreste der Forschungen des Arztes Franz Joseph Gall (1758-1828). Durch eine Fehldeutung erlangte seine Lehre über das Gehirn fragwürdigen Ruhm. Bereits 2019 hat das Institut für Konservierung und Restaurierung für das Museum die Bestands-und Zustandsaufnahmen sowie die Konservierung der Schädelsammlung übernommen. Sophie Krachler, Studierende der Arbeitsgruppe Ethik in der Restaurierung meint dazu: „Die Konservierung menschlicher Überreste ist ein vielseitiges und herausforderndes Forschungsgebiet. Im Gegensatz zu anderen Kunst-und Kulturgütern, macht uns der Umgang mit menschlichen Überresten betroffener, es berührt uns. Das hat etwas mit unseren Fähigkeiten der Empathie zu tun. Wichtig ist auch der Respekt gegenüber den Verstorbenen und Nachfahren. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten haben viele Museen und anatomische Sammlungen ihre Bestände an ‚human remains‘ gründlich aufzuarbeiten. Dies wird hoffentlich im Rahmen interdisziplinärer Projekte geschehen.“

Die gewonnenen Erkenntnisse aus der Arbeitsgruppe sollen in die zukünftige Lehre an der Angewandten einfließen, können aber auch von Restaurator:innen im Arbeitsalltag aufgegriffen werden. Vorträge via Zoom ergänzten die online-Workshops der Studierenden. Internationale Expert:innen bereicherten das Zentrale Künstlerische Fach durch Theorie und praktische Erfahrungen zu den Auswirkungen des Klimawandels auf Kulturgut sowohl im Außenbereich als auch im Innenraum.

Sensibilisierung der Studierenden für die Klimakrise

Zur Frage nach dem Umgang mit sensiblem Kulturgut wurden Kolleg:innen aus Universitäten, dem internationalen Museumsbereich und der Kirche zum fachlichen Austausch geladen, unter anderem Prof. Adrian Heritage von der Technischen Hochschule Köln, Dr. Claudia Augustat vom Weltmuseum Wien und Elena Holzhausen, Chefkonservatorin der Erzdiözese Wien. So nutzte die Konservierungswissenschaft der Universität für Angewandte Kunst in Wien den COVID19-Notbetrieb auch zur Sensibilisierung der Studierenden für die Klimakrise und für ethische Fragen zu belastetem Kulturgut.

Tipp: In der RESTAURO 5/2021 lesen Sie einen Bericht des Instituts für Konservierung und Restaurierung der Universität für angewandte Kunst Wien über die Sicherung des Welterbe Fortbestandes.

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