02.06.2015

Museum

Erstes E-Book zur Vergänglichkeit des Materials

von Uta Baier


Cover des e-Books

Das erste E-Book des Restauratorenverbandes versammelt Tagungsbeiträge zum Thema „Die Vergänglichkeit des Materials“

Neue Zeiten, neue Techniken und Technologien – für Restauratoren ist Veränderung von Nutella und Leuchtstofflampe, von Blut und Fett und Penatencreme ein großes Thema. Für den Restauratorenverband natürlich auch. Deshalb veranstaltete er vor mehr als drei Jahren (im November 2011) die Tagung „Die Vergänglichkeit des Materials“. Jetzt sind die Vorträge als Buch erschienen – passenderweise als E-Book. Es ist das erste, das der Verband herausgibt.

Doch egal ob auf dem Computerbildschirm oder auf Papier: Der Tagungsband bildet eine Diskussion ab, die aktueller nicht sein könnte. Denn neben neuen, fragilen Materialien benutzen Künstler die jeweils neusten Medien, deren grundlegende technische Voraussetzungen sich jedoch permanent wandeln. Joanna Phillips beschäftigt sich daher mit den Voraussetzungen der Restaurierung von Medienkunst. Und dabei geht es nicht allein um die wenig überraschende Forderung, mehr Restauratorenstellen zu schaffen, sondern sowohl um die grundlegende Ausstattung eines solchen Arbeitsplatzes als auch um besondere Kenntnisse, damit Medienkunst überhaupt restauriert werden kann.

Da alle Autoren aus der Praxis kommen, ist der Band voller praktischer Beispiele und Forschungsergebnisse. Das macht ihn nicht nur interessant, sondern auch zu einem wichtigen Hilfsmittel in der Diskussion mit allen, die über Finanzen und Stellenpläne an Museen zu entscheiden haben. Für sie sollte dieses Buch Pflichtlektüre werden.

Die praktischen Lösungsvorschläge, ethischen Überlegungen, ausführlichen Forschungsbeschreibungen – etwa zum Thema Blut, Kreide, Polyurethane, Fett, Leuchtstoffröhren – zeigen die Größe und Vielfalt der Probleme mit alternder Kunst, die aus Materialien des Alltags besteht. Sie dokumentieren aber auch, wie wenig sich Künstler um angemessene, haltbare Materialien kümmern, aber gleichzeitig erwarten, dass ihre Werke erhalten werden.

Der Künstler Thomas Rentmeister beklagt im dokumentierten Tagungsgespräch, dass Penatencreme, die er als Spachtelmasse benutzte, nach einigen Tagen Blasen bildete und so die Oberflächen nicht mehr perfekt waren. Ein Restaurator musste während der Ausstellung jeden Morgen die Creme-Oberflächen glätten.

Von vergleichbaren Beispielen allein auf den Effekt ausgerichteter Materialwahl berichten mehrere Autoren im Buch. Die Beispiele zeigen, dass Künstler, die mehr mit Konzepten als mit den eigenen Händen arbeiten, sich selten mit Materialforschung aufhalten. Sie verwenden, was den gewünschten – und oft nur kurzzeitigen – Effekt erzielt, ohne die Materialien und ihre Eigenschaften zu kennen. Beuys’ Margarine lässt die metallenen Boxen, in die sie geschmiert wurde, rosten, so dass das Fett austritt. Dan Flavin hatte genaue Vorstellungen von der Qualität des Lichts seiner Installationen mit Leuchtstofflampen, aber keine Idee, was nach dem Ende ihrer Produktion geschehen soll. Und Martin Honert wunderte sich, dass seine Kreidezeichnung auf Tafeln nicht unverändert blieb.

Joseph Beuys hatte zu Zerfall und Erhaltung eine klare Meinung, die Maike Behrends in ihrem Beitrag über „Zwei ‚Kisten‘ von  Joseph Beuys im Block Beuys des Hessischen Landesmuseums Darmstadt“ zitiert: „Im Falle, dass solche Sachen im Museum gelandet sind, frühzeitig genug, ist das jetzt natürlich ein Restaurationsproblem, für die Restauratoren, denn diese wollen es erhalten und sie müssen Mittel und Wege finden, wie sie so etwas erhalten.“


Joseph Beuys, Hasengrab, 1962-1967
Joseph Beuys, Hasengrab, 1962-1967

Ohne radikale Eingriffe wird das in Zukunft wahrscheinlich nicht gehen, doch welche Form sie haben werden – diese Diskussionen und Entscheidungen werden noch viele Tagungen und E-Books spannend machen.

„Die Vergänglichkeit des Materials – Künstlerintention versus Restaurierbarkeit“, Download ab Juni unter: www.restauratoren.de, Gesamtband: 32 Euro, Einzelbeiträge: 3,99 Euro

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