15.03.2024

Ausstellungen

Der Blaue Reiter – Ausstellung im Lenbachhaus

Elisabeth Epstein, Selbstporträt, 1911, erworben 2019, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, im Andenken an Jerome Pustilnik, New York City, © Rechtsnachfolge der Künstlerin
Elisabeth Epstein, Selbstporträt, 1911, erworben 2019, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, im Andenken an Jerome Pustilnik, New York City, © Rechtsnachfolge der Künstlerin

Die Ausstellung «Turner. Three Horzions» ist im Lenbachhaus gerade zu Ende gegangen und das Museum wartet schon mit einem neuen Ausstellungshighlight auf. Die Ausstellung «Der Blaue Reiter – Eine neue Sprache» zeigt Sammlungshighlights und bisher selten gezeigte Werke aus der umfangreichen Sammlung des Hauses von Künstlerinnen und Künstlern des Blauen Reiter.

Während in der Tate in London die Schau «Expressionists. Kandinsky, Münter and the Blue Rider» im Zuge der Kooperation, die auch die Werke William Turners nach München brachte, zu sehen ist, nutzt das Lenbachhaus die Gelegenheit und wirft einen neuen Blick auf den Blauen Reiter. Es präsentiert seine Sammlung neu und zugleich zeigt es auch neuerworbene Werke, beispielweise die Arbeit «Drei weibliche sitzende Paar» von Moissey Kogan, der vom Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurde.

Die Ausstellung «Der Blaue Reiter – Eine Neue Sprache» wurde am 12. März 2024 im Lenbachhaus München eröffnet und von Melanie Vietmeier, Nicolas Maniu und Matthias Mühling kuratiert.

Moissey Kogan, Drei weibliche sitzende Paare, 1910, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Ankauf des Förderverein Lenbachhaus e. V. 2022. Foto / Photo: Lukas Schramm
Moissey Kogan, Drei weibliche sitzende Paare, 1910, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Ankauf des Förderverein Lenbachhaus e. V. 2022. Foto / Photo: Lukas Schramm

Eine Gruppendynamik entsteht

Die Macher der Ausstellung «Der Blaue Reiter – Eine neue Sprache» werfen einen Blick auf die Ursprünge der Künstlergruppe. Sie war Teil der Secessions-Bewegungen um 1900 und kann auf Wurzeln im Jugendstil und Impressionismus zurückblicken. Die Künstlerinnen und Künstler des Blauen Reiter zeigten mannigfache Interessen, so interessierten sie sich für Volkskunst, Kinderkunst, japanische Holzschnitte, bayerische Hinterglasbilder aber auch für die internationalen Avantgarden. Die Künstlerinnen und Künstler um Gabriele Münter, Wassily Kandinsky, Franz Marc, Maria Franck-Marc, August Macke, Alexej von Jawlensky, Marianne von Werefkin, Robert Delaunay und Elisabeth Epstein strebten nach künstlerischer Entfaltung. Dies und ihre vielfältig gelagerten Interessen an verschiedensten Kunststilen gehörten zu den Grundfesten des Blauen Reiter. In einem intensiven Austausch entstand eine Gruppendynamik, die sich als äußerst produktiv herausstellte.

Man verlebte 1908 und 1909 Malaufenthalte in Murnau, gründete die Neue Künstlervereinigung München (NKVM), erarbeitete den programmatischen Almanach «Der Blaue Reiter» und stellte gemeinsam aus. All dies diente der Identitätsbildung und der Verbreitung ihrer Ideen. Das Ziel war es eine neue künstlerische Sprache zu entwickeln, die aber nicht eine Einheitlichkeit der formalen Mittel zum Ziel hatte. Vielmehr wollte man kollektive Ideen zum Ausdruck bringen. Der Blaue Reiter wollte subjektiv Erlebtes sichtbarmachen und suchte nach Ausdrucksformen für das Spirituelle beziehungsweise das Geistige. Zugleich strebten die Künstlerinnen und Künstler auch einen transnationalen Dialog an. Dennoch entwickelte jeder Kunstschaffende eine eigene Formensprache, während Kandinsky und Marc sich der Abstraktion verschrieben, brachten Jawlensky, Münter und Werefkin expressive Darstellungen von Menschen und Natur hervor.

Wassily Kandinsky, Große Studie zu einem Wandbild für Edwin R. Campbell (Sommer), 1914, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter Stiftung 1957
Wassily Kandinsky, Große Studie zu einem Wandbild für Edwin R. Campbell (Sommer), 1914, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter Stiftung 1957
Marianne von Werefkin, Prerowstrom, 1911, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Marianne von Werefkin, Prerowstrom, 1911, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

Neupräsentation mit altbekannten Schätzen und Entdeckungen

Die Ausstellungsmacher der Schau «Der Blaue Reiter – Eine neue Sprache» widmen sich besonders der Entwicklung der neuen Sprache der Künstlergruppe. Zunächst wenden sie sich der Vorgeschichte des Blauen Reiter zu. Die Besucherinnen und Besucher lernen die Jugendstil-Künstlerin Katharine Schäffner kennen, die um die Jahrhundertwende herum unter anderem in München tätig war. Sie nahm mit ihren Druckwerken die Abstraktion vorweg und war somit prägend für die Kunst des Blauen Reiter. Aber auch die durchkomponierten Fotografien, die Gabriele Münter während einer Amerikareise anfertigte, stellen einen wichtigen Meilenstein dar. Den Kuratorinnen und Kuratoren dokumentieren aber auch die Nachwirkungen des Blauen Reiter zu dokumentieren. Künstler wie Adriaan Korteweg und Paul Klee nahmen Ideen des Blauen Reiter auf und entwickelten sie in ihren Werken weiter. Diese zum Teil unbekannteren Arbeiten sind ebenfalls vertreten wie Highlights der Sammlung wie «Blaues Pferd I» von Franz Marc.

Adriaan Korteweg, Aufbruch, 1914, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Adriaan Korteweg, Aufbruch, 1914, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Katharine Schäffner, Leidenschaft (aus dem Mappenwerk Eine neue Sprache?), 1908, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München. Foto / Photo: Lukas Schramm, Lenbachhaus
Katharine Schäffner, Leidenschaft (aus dem Mappenwerk Eine neue Sprache?), 1908, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München. Foto / Photo: Lukas Schramm, Lenbachhaus
Gabriele Münter, Frau mit Sonnenschirm am Hochufer des Mississippi, bei St. Louis, 1900 Gabriele Münter- und Johannes-Eichner-Stiftung © VG Bild-Kunst, Bonn 2023
Gabriele Münter, Frau mit Sonnenschirm am Hochufer des Mississippi, bei St. Louis, 1900 Gabriele Münter- und Johannes-Eichner-Stiftung © VG Bild-Kunst, Bonn 2023
Franz Marc, Blaues Pferd I, 1911, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Bernhard und Elly Koehler Stiftung 1965, Schenkung aus dem Nachlaß Bernhard Koehler sen., Berlin, erworben von Franz Marc
Franz Marc, Blaues Pferd I, 1911, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Bernhard und Elly Koehler Stiftung 1965, Schenkung aus dem Nachlaß Bernhard Koehler sen., Berlin, erworben von Franz Marc

Eroberung neuer Welten und Kunstformen

Die Künstlerinnen und Künstler des Blauen Reiter ließen sich auch von Kunst unvertrauter Kulturen inspirieren. Sie glaubten, dass sie so eine unverfälschte Bildsprache entwickeln, könnten. Neben bayerischer und russischer Volkskunst wurden auch arabische, osmanische und japanische Kunstwerke sowie Kunst indigener Kulturen Nordamerikas als Inspirationsquellen genutzt. Gerade die Vorstellung des Exotischen diente der Flucht aus der eigenen Zivilisation. Dabei wurden aber auch Vorstellungen, die dem Zeitkontext entstammten, wie einer «geringeren Entwicklung» der vermeintlich «wilden» Völker übernommen. Dieser Aspekt, der heute natürlich kritisch zu betrachten ist, wird in der Ausstellung auch deutlich herausgearbeitet und nach heutigen Maßstäben eingeordnet.

Daneben findet auch die Ornamentsprache des Jugendstils Anklang bei den Künstlerinnen und Künstlern des Blauen Reiter. Der Jugendstil, der von rankenden Ornamenten gekennzeichnet ist, die oftmals auf vegetabile Strukturen basierten, wurde auch von tänzerischen Bewegungen beeinflusst. So inspirierte die Kunst der US-amerikanische Tänzerin Loïe Fuller, mit ihrem Serpentinentanz, die Menschen um 1900 faszinierte, auch Werken von Münchner Künstlerinnen und Künstlern um die Jahrhundertwende. Als Beispiel ist hier der Künstler und Tänzer Alexander Sacharoff zu nennen, der sich mit Ornament, Tanz und Bewegung auseinandersetzte und somit auch richtungsweisend wurde.

Ausstellungsansicht, Der Blaue Reiter. Eine neue Sprache, Lenbachhaus, 2024, Foto: Simone Gänsheimer, Lenbachhaus
Ausstellungsansicht, Der Blaue Reiter. Eine neue Sprache, Lenbachhaus, 2024, Foto: Simone Gänsheimer, Lenbachhaus

Harte Zäsur

Der Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 führte zum Ende avantgardistischer Kunstbewegungen. Auch der Blaue Reiter war davon betroffen. Marianne von Werefkin, Wassily Kandinsky und Alexej Jawlensky mussten aufgrund ihrer russischen Staatsbürgerschaft das Land verlassen und gingen ins Exil. Auch Gabriele Münter wählte für sich das Exil in Schweden und Dänemark. August Macke und Franz Marc zogen anfänglich mit großer Begeisterung an die Front, die jedoch sehr bald in Erschütterung umschlug. Beide Künstler fielen an der Front, Macke 1914 und Marc 1916. Auch Paul Klee, der zum Umfeld des Blauen Reiter gehörte, musste Kriegsdienst für das Deutsche Reich leisten.

In dieser Zeit fanden die Künstlerinnen und Künstler ob nun im Exil oder an der Front wiederum zu neuen Bilsprachen. Die Künstlerinnen Gabriele Münter und Elisabeth Epstein stellten eine direkte Verbindung zwischen dem Blauen Reiter und der Neuen Sachlichkeit her. Zur Neuen Sachlichkeit muss dann auch ihr jeweiliges Spätwerk gezählt werden. Andere Künstlerinnen und Künstler wie Maria Franck-Marc und Wassily Kandinsky und Paul Klee trafen sich am Bauhaus in Weimar wieder.

Ausstellungsansicht, Der Blaue Reiter. Eine neue Sprache, Lenbachhaus, 2024, Foto: Simone Gänsheimer, Lenbachhaus
Ausstellungsansicht, Der Blaue Reiter. Eine neue Sprache, Lenbachhaus, 2024, Foto: Simone Gänsheimer, Lenbachhaus
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