Auf der Rückseite findet sich die Bestellung von Wäschestücken

Drei Jahre lang wurden knapp 200 niederländische Zeichnungen für die Ausstellung „Kühles Licht und weite See “ in der Bremer Kunsthalle restauriert. Dieser weitgehend unbekannte Bestand kann nun erstmals bestaunt werden

Abraham von Dijck, Porträt einer jungen Frau, 1670er Jahre, Feder in braun, braun und rot laviert, Kunsthalle Bremen – der Kunstverein in Bremen, Kupferstichkabinett
Abraham von Dijck, Porträt einer jungen Frau, 1670er Jahre, Feder in braun, braun und rot laviert, Kunsthalle Bremen – der Kunstverein in Bremen, Kupferstichkabinett

Sie ist zum Greifen nahe: Bewachsen, plastisch, geheimnisvoll. Die anonyme Federzeichnung einer mit Seegras bewachsenen Muschel, die ein Matrose im Jahr 1698 anfertigte. Das außergewöhnliche Blatt ist Teil der Ausstellung „Kühles Licht und weite See. Niederländische Meisterzeichnungen und ihre Restaurierung“ in der Bremer Kunsthalle. Im Fokus sind rund 180 niederländische Zeichnungen des 16. bis 18. Jahrhunderts, die mit weiteren 950 Blättern drei Jahre lang restauriert wurden. Dieser weitgehend unbekannte Bestand kann nun erstmals bestaunt werden. Neben weiten Landschaften und Seestücken sind exakte Porträts, derbe Wirtshausszenen und detailreich erzählende Historien zu sehen. So lässt sich die Vielfalt der niederländischen Zeichenkunst erleben. Es werden Werke u.a. von Jan van Goyen, Esaias van de Velde, Willem van de Velde, Jacob van Ruisdael und Künstlern aus dem Umkreis Rembrandts gezeigt. Erwähnenswert ist auch Anton van Dycks furiose Skizze mit „Samson und Dalila“. Aber auch zahlreiche anonyme Werke, die dem breiten Publikum bislang unbekannt geblieben sind, werden erstmals erschlossen. Dabei spannt sich der Bogen von den protestantischen holländischen Nordprovinzen über die aufstrebenden Städte Amsterdam, Haarlem, Utrecht und Leiden bis hin zu den katholischen Regionen im flandrischen Süden.

Altmeisterzeichnungen haben eine Geschichte, die nicht spurlos an ihnen vorüber gegangen ist

In der Ausstellung werden die verschiedenen Aspekte der Restaurierungspraxis, vom Entfernen alter Montierungen und Reparaturen über die Reduzierung von Flecken bis hin zur Stabilisierung von Zeichenmitteln thematisiert. Die Altmeisterzeichnungen haben eine Geschichte von mehreren Hundert Jahren hinter sich, die nicht spurlos an ihnen vorüber gegangen ist. So konnten beispielsweise im Laufe der Restaurierung durch Luftverschmutzung oxidierte und dadurch schwarz gewordene weiße Farbpartien wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden. Auch Risse wurden geschlossen und Fehlstellen im Papier ergänzt. Ein Raum beleuchtet die Arbeit der Restaurierung sowie Fragen nach historischen Materialien, etwa die Herstellung verschiedener Papiere oder die Verwendung der Zeichenmittel. Ein besonderes Highlight werden Zeichnungen sein, die den Besuchern auch ihre spannenden Rückseiten offenbaren. Papier war kostbar und Künstler nutzten es oft beidseitig. So findet sich etwa auf der Rückseite einer Landschaft im Mondschein von Anthonie Waterloo die Bestellung verschiedener Wäschestücke bei einem Schneider.