22.04.2016

Kunststück

Street Art in Rom

 

Zur Einweihung von William Kentridges „Triumphs and Laments“

War Platon der erste Street Artist im Geiste? Denn was der griechische Denker einst in seinem berühmten Höhlengleichnis imaginierte, scheint nun in Rom Wirklichkeit zu werden. „Vorrübergehende Schatten“, die an der Höhlenwand in Platons Politiea Geschichte machen, werden hier – an der Böschungsmauer des Tiber – zu Schatten der vorüberziehenden römischen Geschichte. Gemeint ist William Kentridges neuestes Kunstwerk im Außenraum „Triumphs and Laments: A Project for Rome“, das am 21. und 22. April 2016 eingeweiht wird.

Für dieses erste „Waterstreet Art“-Projekt bearbeitete der südafrikanische Künstler die biologisch aus Flut und Ebbe des Tiber gewachsene Patina der Mauern mit einem Hochdruckreiniger. Kentridge wendete in Street Art-Manier das Stencil, eine Schablonentechnik, gewissermaßen ex negativo an. So deckt hier die Schablone entgegen dem gewohnten Vorgehen in der Graffiti-Praxis nicht den Umraum der Figur ab, von dem sie sich absetzen soll, sondern bildet selbst das Motiv. Es entsteht also eine umgekehrte Ästhetik von gereinigtem Mauerwerk als bühnenartiger Hintergrund, von dem sich fast pechschwarz die ursprüngliche Schmutzfärbung abhebt. Im Ergebnis werden auf dem 500 Meter langen Fries mehr als 80 Figuren und Szenen aus der römischen Historie erkennbar: von den mythologischen Wolfsjungen Romulus und Remus bis zum Tode Pasolinis.

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Den Titel seines Werks erklärt Kentridge folgendermaßen: „We are trying to find the triumph in the lament and the lament in the triumph, putting together a sense of history from fragments. (Wir wollen den Triumph in der Wehklage und die Wehklage im Triumph finden, so setzt sich aus einzelnen Fragmenten eine Ahnung der Geschichte zusammen.)“ Tatsächlich hat das Fries selbst auch eine tiefe historische Dimension: nicht nur thematisch, sondern auch materialästhetisch sowie konservatorisch.

Einerseits wachsen die Motive aus der Patina vergangener Jahrhunderte. Andererseits werden sich zukünftig mit dem ewigen Steigen und Fallen des Tiber die Kontraste zwischen gereinigten und ungereinigten Partien wieder angleichen – und das Kunstwerk Jahr für Jahr verblassen. Die Vergänglichkeit ist hier, wie etwa bei der ebenfalls italienischen Kunst der arte povera, intendiert, eine Konservierung des Ist-Zustands ausgeschlossen. Es ist also aller Grund gegeben, das Werk Kentridges so bald wie möglich im Original zu sehen, bis es uns nurmehr als Dokumentation vorliegen wird.

Das Kunstprojekt wurde durch die italienische Non-Profit-Organisation Tevereterno (dt. „Ewiger Tiber“) unterstützt und begleitet. Sie stellen dieses und weitere multidisziplinäre Initiativen rund um den Tiber und dessen kulturelles Erbe auf ihrer Webseite vor.

Das Kunstwerk erzählt in der Manier antiker Wandfriese von historischem Triumph und Leiden. Foto: Tom Rankin
Die Figuren aus der verbliebenen Patina der Ufermauern sind bis zu zehn Meter hoch. Foto: Tom Rankin
Am Beginn des Street Art-Frieses „Triumphs and Laments: A Project for Rome“ stehen mythologische Motive. Foto: Tom Rankin
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