15.02.2021

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Schnittstellen schaffen

von Ute Strimmer
Professor Dr. Andreas Putz ist Experte für die Analyse und den Umgang mit der Ressource Bestand. Foto: Franziska Pilz
Putz ist Experte für die Analyse und den Umgang mit der Ressource Bestand. Foto: Franziska Pilz

Andreas Putz hat schon früh das Thema Denkmalpflege für sich entdeckt. Mit der Erfassung und Erhaltung des Bauerbes der jüngeren Vergangenheit baut der Architekt, Professor an der TU München, ein neues Forschungsgebiet auf

Professor Dr. Andreas Putz ist Experte für die Analyse und den Umgang mit der Ressource Bestand. Foto: Franziska Pilz
Professor Dr. Andreas Putz ist Experte für die Analyse und den Umgang mit der Ressource Bestand. Foto: Franziska Pilz

Andreas Putz ist Experte für die Analyse und den Umgang mit der Ressource Bestand. Vor zwei Jahren wurde der heute 38-Jährige an die TU München berufen und hat dort die neu eingerichtete Professur für Neuere Baudenkmalpflege übernommen. Putz, an der ETH Zürich ausgebildeter Architekt, strebt die Weiterentwicklung der theoretischen Grundlagen und praktischen Ansätze baudenkmalpflegerischen Umgangs mit dem jüngeren Bauerbe an.

Im Fokus seiner Forschung stehen die Bausubstanz und gebäudetechnische Ausstattung der Bauwerke sowie die Prozesse des Planens, Bauens und Erhaltens. Vor seiner wissenschaftlichen Karriere sammelte er praktische Erfahrungen mit der Instandsetzung der Architektur des 20. Jahrhunderts unter anderem als verantwortlicher Projektleiter beim Umbau des ehemaligen Kaufhaus Schocken in Chemnitz – das letzte erhaltene Warenhaus, das Erich Mendelsohn (1887–1953) für die Kaufhauskette geplant hat.

Mit den Themen Erfassung, Diskurs und Erhaltung hat sich Andreas Putz auch in seiner Dissertation zu Leitbildern und Praktiken der Erhaltung der Zürcher Altstadt im zwanzigsten Jahrhundert befasst. 2015 wurde er am Institut für Denkmalpflege und Bauforschung (IDB) der ETH Zürich bei Professor Uta Hassler promoviert und ein Jahr später für die Arbeit mit dem Theodor-Fischer-Preis des Zentralinstituts für Kunstgeschichte München ausgezeichnet.

„Viele Objekte in der Zürcher Altstadt, die im Krieg ja keine Schäden erlitten hat, wurden in den 1950/60er Jahren zusammengelegt, entkernt, abgestockt oder bekamen eine neue Fassade,“ erklärt Andreas Putz. „Das Ganze beruhte auf einem planerischen Leitbild, dass in den 1930/40er Jahren entwickelt worden war. Mir ging es darum, den Planungsprozess zu begreifen. Dabei hatte Altstadtsanierung immer auch etwas mit Entschandelung zu tun. Die Altstädte wurden damals als Slums angesehen: Arbeiterviertel, Rotlichtbezirk. Es ging also auch um eine soziale Bereinigung und Neugestaltung eines bestimmten Bilds von Geschichte und Gesellschaft.“

Andreas Putz forscht an diesem Thema weiter: Was heißt eigentlich Denkmalpflege? Und was sind die Kriterien? „Altstadtsanierung fand statt, bevor es eine offizielle, staatliche Denkmalpflege gab. Erst in den 1970er Jahren wird im Kanton Zürich ein Denkmalschutzgesetz eingeführt, das entspricht ungefähr der Regel im deutschsprachigen Raum. D. h. aber, was wir seither als Denkmäler in der Altstadt ansehen – und das ist der überwiegende Teil der Objekte –, wurde als solches erst kurz zuvor baulich geschaffen und in dieser speziellen Form unter Schutz gestellt.“

Dieser Prozess lässt auch in anderen Baubeständen beobachten, die wir heute selbstverständlich als schützenswert ansehen – Schwabing in München, Kreuzberg, Charlottenburg, Prenzlauerberg in Berlin, Dresden Neustadt –, führt Andreas Putz weiter aus. „Hier sind es die Hausbesetzerszenen und studentischen Proteste der 1960/70er Jahre – denken wir an den ,Häuserkampf‘ in Frankfurt, die Fassadenaktion in München – die sich gegen Totalsanierungen, d. h. Abriss und Ersatz, zur Wehr setzen. Aus dieser Zeit gibt es graue Literatur, wie Bäder eingebaut werden, wie Holzdecken erhalten werden oder wie historische Putze gepflegt werden – diese Impulse kommen von Personen, die nicht unbedingt Denkmalpfleger sind. Interessanterweise wird auch der ,gründerzeitliche‘ Baubestand der Mietskasernen aus rein pragmatischen Gründen zunächst baulich verändert, repariert, modernisiert, sozusagen ,in Form gebracht‘, bevor die kunsthistorische, denkmalkundliche Wertschätzung des Wohnungsbaus des Historismus einsetzt und die Bauten und Quartiere unter Schutz gestellt werden. Die Inventarisierungsprozesse folgen also erneut der baulichen Erhaltung – und das steht im Widerspruch zur allgemeinen Vorstellung einer vorauseilenden Unterschutzstellung.“

Und wie gehen wir heute mit der neuen Generation erhaltenswerter Nachkriegsbauten um? Da ergeben sich ähnliche Fragestellungen auf der Ebene des Planens und Bauens, macht Andreas Putz deutlich. „Mit dem alltäglichen Baudenkmal gehen wir Architekten zunächst einmal doch genauso um, wie mit jedem anderen Gebäude im Bestand. Wir rechnen nach HOAI ab, folgen den gleichen Planungsschritten, verwenden die selben Fördermittel, sogar dieselben Baufirmen, versuchen die Bedürfnisse und Wünsche des Bauherrn (oft gegen „die Denkmalpflege“) durchzusetzen. Bauwerksdiagnose, Bauuntersuchung kommen, wo nötig in der Planung dazu, bei der Ausführung eventuell der eine oder andere Restaurierungsbetrieb. Also, worin besteht der große Unterschied?“

Andreas Putz ist es wichtig, vom Bestand aus zu denken. „Wir transformieren nicht des Umbaus Willens, sondern um zu erhalten. Und dabei entwicklen wir das Neue aus dem Bestand heraus. Die Objekte, die uns mehr wert sind, und die wir deshalb Baudenkmäler nennen, sind die Objekte, an denen wir lernen können. Hier investieren wir mehr Geld und Zeit. Hier sollten wir die fachlichen Standards etablieren, die im besten Fall auf den nachhaltigen, respektvollen Umgang mit dem Baubestand im Allgemeinen zurückspiegeln.“ Hierbei spielt der interdisziplinäre Austausch mit der historischen Bauforschung, Restaurierung, Bauwerksdiagnostik, Statik, Bauphysik, Materialkunde eine wichtige Rolle.

Lesen Sie weiter in der RESTAURO 4/2020.

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