Der korrigierte Rembrandt

 

Die Berliner Gemäldegalerie besitzt neben anderen bedeutenden Arbeiten Rembrandts (1606-1669) sein Meisterwerk „Susanna und die beiden Alten“ (1647). Aktuelle Untersuchungen des Bildes haben spektakuläre neue Erkenntnisse hervorgebracht. Über die Entdeckungen sprachen wir mit Katja Kleinert, wissenschaftliche Mitarbeiterin, und Claudia Laurenze-Landsberg, Restauratorin an der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin (SMB).

Die jüngsten Ergebnisse Ihrer Auseinandersetzung mit dem niederländischen Künstler Rembrandt Harmensz. van Rijn präsentiert die Berliner Gemäldegalerie gemeinsam mit dem Kupferstichkabinett (SMB) vom 3. März bis 31. Mai 2015 in der Ausstellung „Rembrandts Berliner Susanna und die beiden Alten. Die Schaffung eines Meisterwerks“. Was genau haben Sie herausgefunden?

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 Kleinert: Rembrandt hat mehr als ein Jahrzehnt an der Berliner „Susanna“ gearbeitet und in dieser Zeit drei verschiedene Versionen der Darstellung geschaffen. Das war bereits bekannt und auch durch das Rembrandt Research Project dokumentiert. Nun ist es jedoch möglich, die drei Varianten detailliert zu rekonstruieren. Außerdem konnte jetzt in Zusammenarbeit mit dem Kupferstichkabinett der Beginn der Arbeiten an dem Gemälde zeitlich neu bewertet werden. So muss die erste Komposition nicht erst 1638, sondern bereits etwa um 1635 entstanden sein. Bislang völlig unbekannt und wirklich spektakulär ist darüber hinaus die Erkenntnis, dass das Werk im 18. Jahrhundert nochmals umfassend überarbeitet wurde.

Wie sind Sie dieser Sensation auf die Spur gekommen?

Kleinert: Den ausschlaggebenden Hinweis lieferte ein Reproduktionsstich von Richard Earlom (1743-1822) aus dem Jahr 1769. Das Original wird im Kupferstichkabinett (SMB) verwahrt. Das Blatt dokumentiert die Bildversion, die Rembrandt der Nachwelt im 17. Jahrhundert hinterlassen hatte. Bei einem Vergleich mit dem heutigen Werk fällt auf, wie viel differenzierter die malerische Ausführung des Gemäldes ursprünglich gewesen sein muss. In der Folge war eine Zuordnung von bereits vorliegenden kunsttechnologischen Ergebnissen möglich, die belegte, dass Partien des Bildes eindeutig zu späterer Zeit überarbeitet worden waren.

Laurenze-Landsberg: Earloms Reproduktionsstich war wie eine Erleichterung für mich. Bereits vor seiner Kenntnis hatte ich das Tafelbild mit dem Stereomikroskop untersucht. Die Trennung der Farbschichten und abgeplatzte Stellen offenbarten wunderschöne, präzise ausgeführte Details, die sehr grob übermalt worden waren. Zu dem Zeitpunkt ging ich jedoch noch von einer Überarbeitung durch Rembrandt aus und war verwirrt von der oberflächlichen, wenig sorgfältigen Arbeitsweise des Meisters.

Welche Untersuchungen haben Sie dann durchgeführt, um der Vermutung nachzugehen, es liege ein späterer fremder Eingriff vor?

Laurenze-Landsberg: Neben den Neutronenautoradiografien haben wir auch die Röntgen-, Infrarot- und Streiflichtaufnahme ausgewertet und das Bild stereoskopisch untersucht. Der Bildträger ist ein Zuckerkistenholz, das entgegen vorheriger Annahme nicht aus Mahagoni sondern Amarant besteht. Im 17. Jahrhundert erlebte der Zuckerhandel in Amsterdam eine Blüte.

Sie vermuten, dass die späteren Übermalungen von dem englischen Maler Sir Joshua Reynolds (1723-1792) stammen. Was spricht für diese These?

Kleinert: Die Provenienz der Berliner „Susanna“ von Rembrandt ist sehr gut belegt. Zwei Maler hatten die Tafel in ihrem Besitz. Sir Joshua Reynolds war einer davon. Er nannte das Gemälde besonders lange sein Eigen. Von Reynolds wissen wir auch, dass er sich für alte Maltechniken interessiert hat. Und dass er häufiger Hand an fremde Werke angelegt und diese in seinem Sinne verändert oder korrigiert hat. Er hat sich auch nicht gescheut, Farben abzutragen, um die Arbeitsweisen und Techniken anderer Künstler zu studieren. Durch das gemeinsame Betrachten des Originals mit englischen Kollegen vom Reynolds Research Project konnte die Maltechnik dann eindeutig Reynolds zugeordnet werden.

Laurenze-Landsberg: Die Neutronenautoradiografie stützt diese These. Sie zeigt intensive Schwärzungen, die durch das Antimonisotop SB-124 verursacht werden. Da zugleich kein Zinn nachgewiesen werden kann, muss es sich bei dem antimonhaltigen Pigment um Neapelgelb handeln. Es kam seit Mitte des 18. Jahrhunderts zunehmend in Gebrauch. An anderer Stelle ist die Malschicht gequollen, was auf die Verwendung von Kopaivabalsam deutet. Das ist ein Harz, das zur „Auffrischung“ von Gemälden verwendet wurde. Es ist bekannt, dass Reynolds es als Bindemittel eingesetzt hat.

Wie bewerten Sie die Überarbeitungen heute?

Kleinert: Es gibt Beispiele von noch weitreichenderen Eingriffen, die die Frage aufwerfen, inwieweit man noch von einem originalen Meisterwerk sprechen darf. Bei der Berliner „Susanna und die beiden Alten“ handelt es sich um ein nachträglich verändertes Gemälde, das entsprechend deklariert werden muss. Aber es bleibt ein Rembrandt.

 Das Interview führte Britta Grigull.

Mehr zu Rembrandts zeichnerischem Werk, dem biblischen Susannen-Thema und der korrespondierenden Berliner Ausstellung in der RESTAURO 2/2015.