Papierfischchen – Update 2020

Beobachtungen aus der Praxis zeigen, dass Papierfischchen in unterschiedlichen 
öffentlichen und privaten Gebäuden zunehmend auftauchen und sich in Deutschland weit verbreiten. Dies zeigt auch der Vergleich mit anderen europäischen Ländern

Grafik des Autors mit Papierfischchen-Funden. Foto: Stephan Biebl
Grafik des Autors mit Papierfischchen-Funden. Foto: Stephan Biebl

Eine Übersicht der in Wohnungen und Gebäuden vorkommenden Fischchen-Arten geben Querner, Erlacher und Pospischil (2017). Hierzu zählen das Silberfischchen (Lepisma saccarina), Papierfischchen (Ctenolepisma longicaudata), Geisterfischchen (Ctenolepisma calva), Ofenfischchen (Thermobia domestica), Kammfischchen (Ctenolepisma lineata) und das selten vorkommende Ameisenfischchen (Atelura formicaria). Während Ofen-, Kamm- und Geisterfischchen in Wohnungen kaum eine Rolle spielen, sind Silberfischchen als unbeliebte Mitbewohner in der Bevölkerung bekannt. Da das Papierfischchen im Aussehen, Lebensweise und im angerichteten Schaden dem Silberfischchen sehr ähnlich ist (Kahn, 2018), kommt es seit einiger Zeit immer wieder zu unbewussten Verwechslungen der beiden Arten.

Das Papierfischchen Ctenolepisma longicaudata ist weltweit in menschlichen Behausungen nachgewiesen und wurde für Südafrika erstmalig beschrieben, wo es sich um Funde aus Häusern handelt. Der bayerische Forstwissenschaftler und Entomologe Dr. Karl Escherich verfasste 1905 eine Abhandlung über „Das System der Lepismatiden“, mit dem Hinweis auf Schäden an Büchern und Sammlungen durch Ctenolepisma longicaudata. Einzelne Berichte stammen aus dem frühen 19. Jahrhundert, wo man den Papierfisch noch als „indoor nuisance pest“ (Haushaltslästling) bezeichnet. In Australien forschte Lindsay bereits 1940 mit Unterstützung der Britischen Tapetenindustrie über die Biologie und Ernährungsweise des Papierfischchens. Im Zeitraum 1998 bis 2017 folgten einzelne Fund-Berichte aus Belgien, Niederlande, Schweden, Österreich, Großbritannien und der Tschechischen Republik. „Erstmals in Deutschland – das Papierfischchen“ lautete 2007 ein DpS-Beitrag von Sellenschlo, dem auch ein Bestimmungsschlüssel für Wohnungsfischchen angehängt war. Doch erst 10 Jahre nach dem offiziellen Erstfund in Hamburg wird die museale Fachwelt durch die Beiträge „Die Papierfresser kommen“ (Die Zeit, 2017) und „Neuer Materialschädling in der Kulturlandschaft (Landsberger, Querner 2017) auf das Thema aufmerksam. In der Bevölkerung und auch bei den meisten Schädlingskämpfern ist das Papierfischchen bis dahin noch kein großes Thema. Währenddessen forscht die niederländische Forschungs- und Beratungsstation KAD bereits seit 2002 zum Thema und auch Norwegen berichtet über eine eskalierende Zunahme von 2016 (511 Fälle) bis 2018 (3433 Fälle), Norwegen (Aak et al 2019).

Neben Museen, Bibliotheken und Archiven kann man das Papierfischchen auch zunehmend in Privatwohnungen oder in Kindergärten, Schulen, Seniorenheimen, Krankenhäusern, Büro- und Lagerräumen, Lebensmittelbetrieben, Handel oder Küchen vorfinden. Nach Auswertungen von Insektenklebefallen in der täglichen Praxis findet man Papierfischchen immer häufiger als Silberfischchen, was auch Erfahrungen aus Holland (Schoeslitsz 2014) bestätigen. 

Tatsache ist, dass die Ausbreitung von Papierfischchen mit Hilfe des zunehmenden globalisierten Versandhandels gefördert wird, wenn jeden Tag Millionen von Paketen und Päckchen von Haus zu Haus geliefert werden und den „Papierfressern“ ein genießbares Transportmedium zur Verfügung steht. Dabei dienen die Zwischenlager von Großhändlern, Logistikunternehmen oder Paketdiensten als Verteilerpunkt, wenn dort eine Population an Papierfischchen vorhanden ist. Aus Forschungsberichten ist eine großflächige Verbreitung des Papierfischchens in europäischen Nachbarländern wie Holland oder Norwegen bereits länger bekannt, während es in Deutschland noch keine offiziellen Erhebungen zur Verbreitung in der Öffentlichkeit gibt. Nach aktuellen norwegischen und niederländischen Studien sind es überwiegend moderne Gebäude, in denen das Klima mit 20-26°C und 40-50% Luftfeuchte die Vermehrung und Verbreitung von Papierfischchen begünstigt. 

Eigene Beobachtungen der letzten zwei Jahre zeigen eine deutliche Zunahme an Papierfischchen-Funden pro Jahr, was auch befragte SBK-Firmen und Aussagen von Schädlingsbekämpfungs-Beratungsstellen in Deutschland oder der Schweiz zeigen. Gleichzeitig kann man eine parallele Zunahme des Sendungsvolumens an Paket- und Kurierdiensten feststellen; so lag das Sendungsvolumen im Jahr 2000 noch bei 1,69 Milliarden Sendungen pro Jahr, 2018 bereits bei 3,52 Milliarden Sendungen und bis 2023 ist ein Anstieg auf 4,4 Milliarden prognostiziert (Daten von Statista).

In der kommenden Spezialausgabe wird es einen Schwerpunkt „Papierrestaurierung“ geben. Lesen Sie dort mehr zum Thema „Kupferfraß an Papier“ von Papierrestauratorin Veronika Schrieder M.A. (ein KEK-Modellprojekt – durchgeführt im Jahr 2019 von der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) in Kooperation mit dem ZFB – Zentrum für Bucherhaltung GmbH Leipzig) in RESTAURO 5/2020, die am 10. Juli 2020 erscheint, https://shop.georg-media.de/restauro/einzelhefte