Provenienzforschung – Raubkunst?

 

 

Biografien der Kunstobjekte: Bereicherung für die Sammlung

Die Kunstwissenschaftlerin Silke Reuther recherchiert seit 2002 die Herkunftsgeschichten von Kunstwerken. Seit knapp fünf Jahren untersucht sie die Objekte des Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG).

MKG-Raubkunst-Ausstellung
Raubkunst-Ausstellung, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Foto: Christiane Göllner

Frau Reuther, uns interessiert die Arbeit einer Provenienzforscherin: Das Museum bekommt ein Kunstwerk geschenkt, das möglicherweise in der NS-Zeit geraubt wurde – wie gehen Sie damit um?

Silke Reuther: Zunächst begutachte ich das Objekt nach Hinweisen auf den Vorbesitz, recherchiere in der Fachliteratur und befrage den Schenkenden nach Information zur Biografie des Objektes. Das MKG würde heute aber keinen Kunstgegenstand in seine Sammlung aufnehmen, bei dem ein konkreter Verdacht auf eine verfolgungsbedingte Entziehung besteht. Anders verhält es sich bei Schenkungen aus zurückliegenden Zeiten, in denen man der Provenienzforschung weniger Aufmerksamkeit zukommen ließ und das Vorleben der Objekte noch nicht recherchiert hat. Solche Sammlungszugänge werden heute hinsichtlich ihres Verbleibs in der NS- Zeit untersucht. Die nicht zufriedenstellend geklärten Biografien werden dann bei Lost Art mit dem aktuellen Wissensstand gemeldet.

Zur Zeit beschäftigen Sie sich hauptsächlich mit der Provenienz von 600 Objekten, die eine NS Vergangenheit haben. Wie gehen Sie mit den anderen Objekten um, die eine fragwürdige oder keine Provenienz haben und nicht in diese Kategorie fallen?

Hier erfolgen Recherchen nur im Bedarfsfall, wie beispielsweise in einer Sonderausstellung, bei der ein Kunstgegenstand eine besondere Aufmerksamkeit erfährt und man überprüft, was es noch für Informationen zum Objekt gibt, die aus seiner Geschichte, z. B. den Vorbesitzern, abzuleiten sind. Manchmal sind es auch Anfragen von Kollegen, die zu einem Thema oder Kunstgegenstand forschen und die sich mit Fragen zur Herkunft an mich wenden.

Zur Zeit blüht leider der Handel mit geraubten Kulturgütern aus Syrien, Irak oder Ägypten. Wie ist hier das Vorgehen?

Im Falle eines solchen Verdachts wird auch erst einmal die Herkunftsgeschichte des betroffenen Kunstgegenstandes untersucht. Verhärtet oder bestätigt sich der Verdacht, wird der Beauftragte für den Kulturgutschutz eingeschaltet und übernimmt das weitere Vorgehen.

Ist die Provenienzforschung manchmal ein Fass ohne Boden?

Grundsätzlich ist Provenienzforschung kein Fass ohne Boden, sondern eine tradierte museale Objektbearbeitung. Man interessiert sich im Museum für die Biografien der Sammlungsgegenstände. Mit Blick auf eine mögliche NS-verfolgungsbedingte Entziehung gibt es ein klares Zeitfenster, was untersucht werden muss: Kunstgegenstände, die vor 1945 entstanden sind und die ab 1933 gehandelt wurden. Damit ist der Forschungsaufwand einzugrenzen und klar benannt. Das bedeutet aber auch, dass Erwerbungen der Jetztzeit und Zugänge in der Nachkriegszeit überprüft werden müssen, sofern die Objekte vor Kriegsende entstanden sind. Das MKG hat eine große Sammlung moderner Kunst, die davon nicht berührt ist, weil sie nicht in dieses Zeitfenster fällt oder weil es Ankäufe direkt bei den Künstlern und auf Messen gewesen sind, die nachvollziehbar und unbelastet sind. Große Sammlungsbestände sind deutlich vor 1933 hier ins Haus gekommen, für die entfällt die Recherche nach einer möglichen NS-verfolgungsbedingten Entziehung ebenfalls.

Ihre Arbeit ist sehr mühsam, zuweilen auch etwas frustrierend?

Frustrierend ist manchmal, wenn man trotz einer offensichtlichen Spur nicht weiterkommt, beispielsweise eine Etikettierung, ein Siegel oder eine Nummer nicht lesen oder zuordnen kann. Ernüchternd ist es, wenn Recherchen im Nichts enden, weil es zu den ermittelten Kunsthandlungen keine Geschäftsunterlagen mehr gibt oder recherchierte Personen sich in ihrer Biografie nicht wirklich erfassen und dokumentieren lassen. Aber auch so ein Ergebnis ist ein Resultat mit dem man weiter arbeiten kann. In einem solchen Fall erfolgt eine Meldung bei Lost Art mit allen verfügbaren Informationen und Vermutungen. Hilfreich ist dann auch der Austausch mit den Kollegen, die im Arbeitskreis für Provenienzforschung vernetzt sind.

Welcher ganz besondere Fall ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Die Recherche zu einer 1937 vom MKG angekauften Renaissance-Tür aus Königsberg hat sich in besonderer Weise aufgelöst. Die begleitende Korrespondenz ist im Hausarchiv abgelegt, und wir wissen wer diese Tür verkauft hat und dass das Museum damals den Preis sehr heftig gedrückt hat. Das ist erst einmal verdächtig gewesen. Die Notlage der betroffenen Person war offensichtlich, aber der erste Brief, in dem vermutlich mitgeteilt wurde, warum diese Tür so dringend verkauft werden sollte, hat sich nicht erhalten. Entweder ist er unbeabsichtigt im Papierkorb gelandet oder wurde falsch abgelegt. Alle Recherchen zur Person verliefen ergebnislos. Die Tür wurde mit Foto sehr prominent bei Lost Art eingestellt. Nach einigen Monaten meldete sich die Familie der ehemaligen Eigentümer und lieferte die fehlenden Informationen. Krankheit hatte zu einer wirtschaftlichen Notlage geführt, in deren Folge die Tür 1937 verkauft wurde. Dass das Museum damals den Preis mit Macht gedrückt hat, ist schäbig gewesen, aber geschah nicht aus Gründen der Verfolgung. Heute kennen wir die Biografie dieser Tür und die Geschichte der Menschen, die mit ihr verbunden waren. Das ist eine Bereicherung für die Sammlung und das Ergebnis der Provenienzrecherche.

Welche Tipps können Sie als Provenienzforscherin unseren Lesern, den Restauratoren, für den Umgang mit zu restaurierenden Kunstwerken geben?

Was zu tun ist, wenn ein Verdacht aufkommt, lässt sich generell nicht sagen, sondern hängt von Faktoren wie der Art oder dem Alter des Objektes, seinem ursprünglichen Verwendungszweck und seiner individuellen Geschichte ab. Wichtig ist es aber, alle am Kunstobjekt befindlichen Hinweise – wie Etikette, Nummern und Beschriftungen – auch bei einer Restaurierung zu erhalten. Wenn das am Objekt nicht möglich ist, müssen diese Dinge sorgfältig dokumentiert werden.

Das Interview führte Alexandra Nyseth.

Das Thema „Raubkunst“ behandeln wir ausführlich in der RESTAURO 2/2015.