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Im St. Annen Museum Lübeck wird derzeit ein Kunstwerk restauriert, das spätgotische Kunst und Lübecker Stadtgeschichte auf besondere Weise verbindet. Noch bis zum 23. August 2026 können Besuchende im Remter verfolgen, wie das Maria Magdalenen Retabel von 1519 konserviert wird. Skulpturen, Reliefs und Malereien werden gereinigt, untersucht und bearbeitet, einzelne Teile dafür aus dem Schrein genommen. Was sonst hinter den Kulissen eines Museums geschieht, wird hier öffentlich sichtbar. Zugleich zeigt sich, wie aufwendig ein solcher Altaraufsatz konstruiert ist und wie viele spezialisierte Gewerke an seiner Entstehung beteiligt sind.

Im St. Annen Museum treffen mittelalterliche Schätze auf moderne Präsentation. Foto: St. Annen Museum
Im St. Annen Museum treffen mittelalterliche Schätze auf moderne Präsentation. Foto: St. Annen Museum

Die Restaurierung bereitet ein Jubiläumsjahr vor: 2027 wird Maria Magdalena seit 800 Jahren als Stadtheilige Lübecks verehrt. Der Legende nach gelingt es den Lübeckern am 22. Juli 1227, ihrem Patronatstag, mit Hilfe Maria Magdalenas, sich in der Schlacht von Bornhöved von der dänischen Vorherrschaft zu lösen. Acht Jahrhunderte später wird diese Geschichte zum Anlass einer außergewöhnlichen Wiedervereinigung: Erstmals seit mehr als zweihundert Jahren sollen die erhaltenen Teile des Retabels wieder gemeinsam in Lübeck zu sehen sein.
Das Werk entsteht 1519 im Auftrag der Bruderschaft der Schneidergesellen für die Lübecker Burgkirche. Ihr Zeichen, die Schere, findet sich auf der Predella. Im Zentrum steht Maria Magdalena, Schutzpatronin der Schneidergesellen und Stadtheilige Lübecks. Ihre Geschichte wird in Malerei und Skulptur erzählt. Die Bilder werden Erhard Altdorfer zugeschrieben, die Schnitzarbeiten dem sogenannten Meister der Burgkirchenaltäre.
Die bemalten Flügel erzählen Episoden aus der Legende Maria Magdalenas. Zwei Tafeln des linken Außenflügels zeigen Szenen der sogenannten Meerfahrtslegende, einer apokryphen Erzählung über die Zeit zwischen der Himmelfahrt Christi und ihrem späteren Leben als Eremitin. Zu sehen sind ihre Ankunft in Marseille und die Bekehrung eines Fürstenpaares. Die geschnitzten Szenen wiederum verbinden unterschiedliche biblische Überlieferungen von Maria Magdalena zu einer gemeinsamen Erzählung.

Restaurierung zum Zuschauen: Zwischen Gerüst, Werkzeug und kostbaren Kunstwerken wird sichtbar, wie viel Fingerspitzengefühl in der Bewahrung mittelalterlicher Meisterwerke steckt. Foto: St. Annen Museum
Restaurierung zum Zuschauen: Zwischen Gerüst, Werkzeug und kostbaren Kunstwerken wird sichtbar, wie viel Fingerspitzengefühl in der Bewahrung mittelalterlicher Meisterwerke steckt. Foto: Sandra Paula Rademacher
Detailverliebt bis ins kleinste Schnitzwerk: Das aufwendig geschnitzte und vergoldete Retabel zeigt eine Fülle von Figuren, Ornamenten und Geschichten – Details, die bei der Restaurierung besondere Aufmerksamkeit verlangen. Foto: St. Annen Museum
Detailverliebt bis ins kleinste Schnitzwerk: Das aufwendig geschnitzte und vergoldete Retabel zeigt eine Fülle von Figuren, Ornamenten und Geschichten – Details, die bei der Restaurierung besondere Aufmerksamkeit verlangen. Foto: Sandra Paula Rademacher

Zersägt und verkauft

Die Geschichte des Retabels ist bewegt: ursprünglich steht das 1519 für die Lübecker Burgkirche geschaffene Werk dort rund drei Jahrhunderte lang. Als der Abriss der baufälligen Kirche bevorsteht, wird es 1818 auf den Oberchor der Katharinenkirche gebracht, der damals als erstes provisorisches Museum Lübecks dient. Seit 1840 gehört das Retabel zum Sammlungsbestand des heutigen St. Annen Museums. Kurz zuvor werden seine Flügel vermutlich vom Hauptwerk getrennt, zersägt und auf dem Kunstmarkt verkauft.
Die Tafeln des rechten Außenflügels befinden sich seit 1941 im Allen Memorial Art Museum in Oberlin, Ohio. Eine zeigt die Schlacht von Bornhöved, auf einer weiteren erscheint im Hintergrund das Holstentor. Inzwischen befinden sich die Tafeln als Leihgaben für die Jubiläumspräsentation wieder in Lübeck. 2025 können zwei Tafeln des linken Flügels, die lange als verschollen gelten mit Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung und weiterer Förderer wieder nach Lübeck geholt werden.
2027 lässt sich erstmals seit mehr als zweihundert Jahren wieder erahnen, wie das spätgotische Altarwerk einst als Ganzes wirkte. Für kurze Zeit wird eines der bedeutendsten Altarwerke Norddeutschlands des 16. Jahrhunderts in seiner nahezu ursprünglichen Pracht erlebbar.

 

Weiterlesen: Bereits seit 1987 zählt die Lübecker Altstadt mit ihren charakteristischen Bauwerken der Backsteingotik zum UNESCO-Welterbe.

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