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Anfang des 17. Jahrhunderts kam in Eger / Cheb in Böhmen eine ganz besondere Form der plastischen Intarsienkunst auf und wurde nur dort rund 100 Jahre lang ausgeübt: Reliefintarsien aus Eger. Jetzt zeigt das Sudetendeutsche Museum in München eine überaus sehenswerte Sonderschau zu diesen seltenen, virtuos gearbeiteten Kunstkammerstücken in historischem und politischem Kontext. Nur wenige Ausstellungsprojekte haben sich bislang mit diesem speziellen Kunsthandwerk aus Eger befasst

„Allerley kunststück“ lautet der Titel der Sonderschau zu den Reliefintarsien aus Eger, die derzeit das Sudetendeutschen Museum in München präsentiert (bis zum 4. Dezember). „Denn damals gab es noch keinen Begriff für diese kunstvollen Objekte“, erklärt Kuratorin Eva Haupt. „Die heute übliche Bezeichnung ,Reliefintarsien‘ erhielten diese erst im 19. Jahrhundert.“ Im Ausgabenbuch der Stadt Eger von 1651 ist dokumentiert, dass Meister Adam Eck (1604–1664) – er ist einer der prominentesten und wohl der produktivste Vertreter dieser speziellen Technik – für „allerley kunstück“ mit 331 Florinen bezahlt wurde.

Reliefintarsien aus Eger wurden in flachem Relief dreidimensional bearbeitet

 

In der Münchner Schau ist als erstes eine Brettspiel-Kassette mit der Ansicht der Stadt Eger (Cheb, Böhmen) zu sehen. Nur dort pflegten ansässige Kunsthandwerker seit den 1630er Jahren rund 100 Jahre die Herstellung dieser ganz eigenen Intarsientechnik, die von keiner anderen Stadt bekannt ist und großes Ansehen genoss. Denn die Intarsienbilder wurden nicht nur wie üblich aus den verschiedensten Hölzern zusammengefügt, sie wurden zudem in flachem Relief dreidimensional bearbeitet. Sie schmückten Kabinettschränke, Brettspiele und Schatullen aber auch Einzelbilder. Die heute von Museen und Sammlern gesuchten Objekte waren damals in den fürstlichen Kunstkammern Europas vertreten.

Dass die Entstehung der Egerer Reliefintarsienkunst in engem Zusammenhang mit der Stadtgeschichte steht, weiß Kuratorin Eva Haupt. „Eger/Cheb hatte ab dem 14. Jahr- hundert innerhalb des Königreiches Böhmen eine staatsrechtliche Sonderstellung, die der Stadt ein Aufblühen von Wirtschaft und Kultur verdankte.“ Die erste große Schaffensperiode fiel mitten in den Dreissigjährigen Krieg, führt Eva Haupt weiter aus. Zu den eifrigsten Bestellern gehörte der Egerer Magistrat selbst: Er nutzte die Luxusprodukte als diplomatische Geschenke, um sich in den gerade für diesen Land- strich so verheerenden Kriegsjahren politischen Entscheidungsträger gewogen zu machen.

Halbplastische Steineinlegearbeiten aus Italien Vorbild für die Reliefintarsienkunst aus Eger

 

Ein Edelstein-Prunkkästchen aus Florenz aus der Zeit um 1700 veranschaulicht in der Schau, dass wohl halbplastische Steineinlegearbeiten aus Italien Vorbild für die Relief- intarsienkunst aus Eger waren. „Im Grunde haben die Egerer Künstler die gleiche Tech- nik mit Holz angewandt“, erklärt Kuratorin Eva Haupt. Eine Animation mit Bildtafeln von Adam Eck zeigt, wie die Technik funktioniert. Als Trägerplatte dient eine Platte aus Nadelholz. Darauf wird eine graphische Vorlage gepaust. Mit verschiedenen Furnieren wird der Hintergrund flächig eingelegt. Plastische Teile werden aus dickeren Furnieren aufgeleimt und mit Schnitzwerkzeugen bearbeitet. „Kleinste Details wie Augenbrauen oder Augäpfel zum Beispiel legte man separat aus winzigen Holzstücken ein“, erklärt Eva Haupt. „Verwendet wurden keine edlen Hölzer, da diese zu dieser Zeit nicht zu be- kommen waren, sondern einfache heimische Hölzer, die verschiedenartig gefärbt und gebeizt wurden. Diese optische Vielfalt ist heute leider verloren.“ Mitunter gibt es kleine Zutaten aus Silber, Zinn, Elfenbein, Perlmutter oder sogar aus Marmor.

Nach neuesten For- schungen ist der „Meis- ter mit dem ornamen- tiertem Hintergrund“ wohl der allererste Kunsttischler, der Relie- finarsien herstellte. Sei- nen Notnamen verdankt er seiner charakteristi- schen Handschrift: der dichten Ornamentierung der Bildhintergründe mit gepunzten Arabesken, die auch die Ausstel- lungsgestalter bei den Einbauten inspirierte. Exponat in der Vitrine. Foto: Daniel Mielcarek/SDM
Nach neuesten Forschungen ist der „Meister mit dem ornamentiertem Hintergrund“ wohl der allererste Kunsttischler, der Reliefinarsien herstellte. Seinen Notnamen verdankt er seiner charakteristischen Handschrift: der dichten Ornamentierung der Bildhintergründe mit gepunzten Arabesken. Diese inspirierten auch die Ausstellungsgestalter bei den Einbauten. Foto: Daniel Mielcarek/SDM
Geöffnetes Poseidon-Kabinett mit Poseidon auf der Mitteltür, „Meister mit dem ornamentierten Hintergrund“; vermutlich 1630er Jahre; Egerlandmuseum Marktredwitz. Foto: Daniel Mielcarek/SDM
Geöffnetes Poseidon-Kabinett mit Poseidon auf der Mitteltür, „Meister mit dem ornamentierten Hintergrund“; vermutlich 1630er Jahre; Egerlandmuseum Marktredwitz. Foto: Daniel Mielcarek/SDM
Blick in die Sonderausstellung „Allerley kunststück. Reliefintarsien aus Eger“ im Sudetendeutschen Museum in München. Foto: Daniel Mielcarek/SDM
Blick in die Sonderausstellung „Allerley kunststück. Reliefintarsien aus Eger“ im Sudetendeutschen Museum in München. Foto: Daniel Mielcarek/SDM
Brettspiel mit Figuren in Rheingrafentracht, „Meister mit dem ornamentierten Hintergrund“, 2. Hälfte 17. Jahrhundert; Sammlung Pasold, Sudetendeutsches Museum, München. Foto: Daniel Mielcarek/SDM
Brettspiel mit Figuren in Rheingrafentracht, „Meister mit dem ornamentierten Hintergrund“, 2. Hälfte 17. Jahrhundert; Sammlung Pasold, Sudetendeutsches Museum, München. Foto: Daniel Mielcarek/SDM

In den historischen Dokumenten werden die Künstler als Bilderschneider oder Bilder- schnitzer bezeichnet, berichtet Kuratorin Eva Haupt. Die Ausstellung stellt die wich- tigsten davon vor. Der nach neuesten Forschungen wohl allererste Kunsttischler, der Reliefinarsien herstellte, ist anonym. Sein Notname lautet „Meister mit dem ornamen- tiertem Hintergrund“ aufgrund seiner charakteristischen Handschrift: der dichten Or- namentierung der Bildhintergründe mit gepunzten Arabesken, die auch die Gestalter der Ausstellung inspiriert haben. Von dem Bildschnitzer ist ein Kabinettschrank aus der Zeit um 1640 zu sehen, szenographisch inszeniert in einem eigenen Schrein. „Cha- rakteristisch für die Egerer Kabinettschränke, dass die Flächen mit Reliefintarsien belegt wurden,“ erläutert Eva Haupt. „Darauf ist meistens ein in sich geschlossenes Bildprogramm zu sehen.“

Kabinettschrank mit geöffneten Türen, Adam Eck, vermutlich 1640er Jahre; Sudetendeutsches Museum, München. Foto: Daniel Mielcarek/SDM
Kabinettschrank mit geöffneten Türen, Adam Eck, vermutlich 1640er Jahre; Sudetendeutsches Museum, München. Foto: Daniel Mielcarek/SDM
Interaktiver Multitouch Table für das Bildprogramm des Kabinettschrankes Adam Eck (Foto oben. Foto: Daniel Mielcarek/SDM
Interaktiver Multitouch Table für das Bildprogramm des Kabinettschrankes Adam Eck (Foto oben. Foto: Daniel Mielcarek/SDM
Johann Georg Fischer gilt als mit Abstand der künstlerisch wertvollste Egerer Reliefintarsienkünstler. Weltweit gibt es von ihm nur vier Arbeiten, die er mit vollem Namen signiert hat. Dazu zählt die undatierte Bildtafel mit Jesus als Schmerzensmann. Foto: Daniel Mielcarek/SDM
Johann Georg Fischer gilt als mit Abstand der künstlerisch wertvollste Egerer Reliefintarsienkünstler. Weltweit gibt es von ihm nur vier Arbeiten, die er mit vollem Namen signiert hat. Dazu zählt die undatierte Bildtafel mit Jesus als Schmerzensmann. Foto: Daniel Mielcarek/SDM
Foto: Daniel Mielcarek/SDM
Foto: Daniel Mielcarek/SDM

Aus der Sammlung des Sudetendeutschen Museums stammt ein Kabinettschränkchen des bekannten Reliefintarsienkünstlers Adam Eck (den Schwerpunkt der Schau bildet die private Sammlung Eric W. Pasold, einem gebürtigen Egerländer und Textilunter- nehmer). Dieses Stück ist so besonders, da es das einzige bekannte Kabinett ist, das Adam Eck mit vollem Namen signiert hat. „Diese Signatur ist nicht aufgemalt, sondern aus kleinsten Holzspänen eingelegt“, weiß die Kuratorin. Die Schubladen zeigen mit viel Liebe zum Detail die zwölf Monate in Jahreszeitentypischen Abbildungen wie etwa der Weinernte. „Vorlagen waren graphische Arbeiten aus der Renaissance oder auch zeitgenössische“, erläutert Eva Haupt. „Viele Künstler haben auch nur Teile der Vorlagen übernommen.“ Beliebte Motive waren mythologische Darstellungen, aber auch die Metamorphosen des Ovid. Auf Brettspielen sind bevorzugt Schlachtendarstellungen zu finden, da sich hier alles um Taktik, Strategie und Spielglück dreht.

Blick auf den Kabinettschrank, Johann Karl Haberstumpf zugeschrieben, um 1680; Bayerisches Nationalmuseum, München. Foto: Daniel Mielcarek/SDM
Blick auf den Kabinettschrank, Johann Karl Haberstumpf zugeschrieben, um 1680; Bayerisches Nationalmuseum, München. Foto: Daniel Mielcarek/SDM
Zur Übertragung der graphischen Vorlagen auf die benötigte Größe nutzten die Künstler einen Pantograf. Foto: Daniel Mielcarek/SDM
Zur Übertragung der graphischen Vorlagen auf die benötigte Größe nutzten die Künstler einen Pantograf. Foto: Daniel Mielcarek/SDM
Neben Furniermessern und Goldschmiedewerkzeug benötigten die Egerer Reliefintarsienkünstler Schnitzeisen, um die Flachreliefs zu formen. Foto: Daniel Mielcarek/SDM
Neben Furniermessern und Goldschmiedewerkzeug benötigten die Egerer Reliefintarsienkünstler Schnitzeisen, um die Flachreliefs zu formen. Foto: Daniel Mielcarek/SDM

Auch Johann Georg Fischer ist in der Ausstellung vertreten: Er gilt als mit Abstand der künstlerisch wertvollste Egerer Reliefintarsienkünstler. Weltweit gibt es von ihm nur vier Arbeiten, die er mit vollem Namen signiert hat. Dazu zählt die in der Ausstellung gezeigte, undatierte Bildtafel mit Jesus als Schmerzensmann. Von seiner Person ist wenig bekannt, erzählt Eva Haupt. „Er hat wohl keine eigene Werkstatt gehabt, son- dern vor allem wohl eng mit Adam Eck zusammengearbeitet, vielleicht sogar in seiner Werkstatt.“ Reliefintarsien, betont die Kuratorin, waren selten das Werk von einem Künstler allein, sondern wie bei Gemälden, Werkstattarbeiten. Weitere – ebenfalls in der Schau mit Arbeiten vertretene Künstler – sind Johann Karl Haberstumpf und sein Sohn Johann Nicolaus. Die beiden bilden die nächste Generation. Doch mit dem Tod der beiden Bildschnitzer – sie sterben nur vier Jahre hintereinander – geht die Blüte der Reliefintarsienkunst in Eger zu Ende.

Restaurator Jochen Voigt hat viele dieser Möbel und Bildtafeln selbst konserviert und restauriert

 

Das Fundament für die Forschung zu den Reliefintarsien aus Eger legte Heribert Sturm, der dortige letzte deutsche Stadtarchivar (Egerer Reliefintarsien, München 1961). Restaurator Jochen Voigt (von 1998 bis 2022 Professor für Design am Studiengang Holzgestaltung in Chemnitz) – er hat viele dieser Möbel und Bildtafeln selbst konserviert und restauriert – vertiefte das Thema kunsthistorisch und materialtechnologisch und forscht auf den Gebieten Restaurierung und Geschichte des Kunsthandwerks. 1999 kuratierte Jochen Voigt eine umfangreiche Ausstellung zu Egerer Reliefinarsien im Leipziger Grassimuseum und legte dazu ein Standardwerk (Reliefintarsien aus Eger. Für die Kunstkammern Europas, Halle an der Saale 1999) vor. Die Ergebnisse seiner mittlerweile jahrzehntelangen Beschäftigung mit der kunsthistorischen Erforschung und der Restaurierung dieser Kunstkammerstücke stellt der Spezialist für jeden leicht zugänglich auf einer eigenen Website vor: www.relief- intarsien.de. Jochen Voigt war zudem bei der Ausstellung in München beratend tätig und maßgeblich an der kenntnisreichen Begleitpublikation (Eva Haupt, Jochen Voigt, Sybe Wartena, Allerley kunststück. Reliefintarsien aus Eger, Schriftenreihe des Sudetendeutschen Museums, Hrsg. Stefan Planker im Auftrag des Sudetendeutschen Museums, Band 3, München 2022, deutsch / tschechisch) beteiligt, die auch Materialtechnolog- und Restaurator:innen zur Lektüre zu empfehlen ist. Darin legt der Experte den aktuellstem Stand zur Erforschung der Reliefintarsienkunst aus Eger vor.

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