12.07.2019

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Wie man in Colmar Restaurierung erleben kann

von Ute Strimmer

Aktive Öffentlichkeitsarbeit zum aktuellen Stand der Restaurierung

Anlässlich der auf vier Jahre angelegten Restaurierung des berühmten „Isenheimer Altars“ im Musée Unterlinden (Colmar) nehmen sich die Konservatoren und Restauratoren in regelmäßigen Abständen immer wieder Zeit, um die jüngsten Forschungsergebnisse in einem Publikumstermin zu erläutern und ihre Restaurierungsetappen vorzustellen. Vorgestern Nachmittag war es wieder soweit

Er zählt nicht nur zu den Ikonen abendländischer Kunstgeschichte, sondern ist auch das Herzstück der Sammlungen des Musée Unterlinden in Colmar und wird seit dem 18. Jahrhundert regelmäßig instandgehalten: Der Isenheimer Altar. Den aufwendigen Wandelaltar schuf Matthias Grünewald nach 1512 für die Kirche des Antoniter-Spitals von Isenheim, einem kleinen Dorf am Rande der Vogesen. Er besteht aus mehreren Gemälden – sie zählen zu den Meisterwerken deutscher Tafelmalerei – und ist mit einer bemalten Gesamtfläche von knapp vierzig Quadratmetern angelegt. Die Skulpturen im Altarschrein stammen von dem um 1490 in Straßburg tätigen Bildschnitzer Niklaus von Hagenau. Guy Guers, Präzeptor des Antoniterordens, gab das Polyptychon in Auftrag. In geschlossenem Zustand zeigt der Isenheimer Altar die Kreuzigung Christi, an den Seiten den Heiligen Sebastian und den Ordenspatron Antonius sowie in der Predella die Grablege Christi. An hohen liturgischen Festtagen wurde der Altar geöffnet.

Seit September 2018 steht der Isenheimer Altar im Mittelpunkt eines großangelegten Restaurierungsprojekts: Denn erstmals wird das bedeutende Polyptychon in seiner Gesamtheit restauriert: Bildtafeln, Schnitzfiguren und Rahmenelemente. Denn die insgesamt acht Restaurierungen, die der Altar seit 1794 erfuhr, haben Spuren hinterlassen. Ein wissenschaftliches Fachgremium unter dem Vorsitz von Blandine Chavanne, der Chefin der Verwaltungsbehörde für die französischen Museen, und Thierry Cahn, Präsident der Societé Schongauer, begleitet aktuell die Restaurierungsmaßnahmen – tatkräftig unterstützt vom Centre de Recherches et de Restauration des Musées des France (C2RFM) und anerkannten internationalen Museumsexperten aus den Bereichen deutsche Malerei und Plastik des 16. Jahrhunderts sowie Konservatoren und Restauratoren. Das Comité Scientifique versammelt sich regelmäßig, um den Fortschritt der Arbeiten zu evaluieren.

Zwei Restauratorenteams teilen sich die Arbeit. Die Gemälderestauratoren arbeiten vor den Augen der Besucher im Museum; ein zweites Team ist im C2RFM mit der Restaurierung der Schnitzfiguren des Altars betraut. Letztere wurden von Mitte September 2018 bis Mitte Januar 2019 in das Restaurierungsatelier des C2RMF im Pavillon de Flore im Louvre-Palast transportiert. Hier wurden sie zuerst bei Direkt-, Infrarot- und Ultraviolett-Licht unter der Leitung von Elsa Lambert fotografiert und geröntgt. Anschließend unterzog man die Farbschichten einer eingehenden Untersuchung unter dem Binokular und dem Mikroskop. Das C2RMF verfügt über ein geeignetes Atelier, in dem Restauratoren unter besten Bedingungen mit modernster technischer Ausrüstung arbeiten können. Zahlreiche Experten – Konservatoren und Wissenschaftler – bringen hier ihre Kompetenz ein.  Die Untersuchung der Pigmente und Bindemittel lieferte Antworten auf zahlreiche Fragen. Eine umfassende Analyse der farbigen Fassung förderte Lasuren von ungewöhnlicher Qualität zutage. Bei der Reinigung wurden die verschmutzten Firnisschichten abgetragen; bei der Freilegung der ursprünglichen Fassung wird eine später aufgetragene Malschicht entfernt. „Wir haben es mit einer hohen technischen Qualität zu tun – sowohl bei der Ausführung als auch der außergewöhnlichen farbigen Fassung, die mit Farblasuren abgedeckt ist“, bestätigt Juliette Lévy, Restauratorin des C2RMF und Leiterin des Restauratorenteams, das für die Schnitzfiguren des Isenheimer Altars zuständig ist.„Von der Ölfarbe der Inkarnate über Brokatapplikationen bis hin zu zum reichlich verwendeten Blattgold ist diese Polychromie außergewöhnlich für das frühe 16. Jahrhundert.“ Vor diesem Hintergrund beschloss der wissenschaftliche Beirat im März 2019 die nächsten Restaurierungsetappen: Sämtliche Schnitzfiguren werden gereinigt, um die subtile Farbgebung der originalen Fassung sichtbar zu machen. Die Schnitzfiguren weisen an wenigen Stellen Übermalungen aus dem späten 18. Jahrhundert auf. Da die Originalfassung in einem außergewöhnlich guten Zustand ist, gab der wissenschaftliche Beirat einstimmig seine Einwilligung, die Übermalungen zu entfernen. Dies gilt zum Beispiel für das intensive Grün (Malachit) an den Sockeln der drei großen Schnitzfiguren. Die Restaurierung der Schnitzfiguren wird dem Isenheimer Altar seine Farbharmonie zurückgeben. Wenn die Fassung neu fixiert und die Reinigung abgeschlossen ist, wird sich der wissenschaftliche Beirat mit der Frage befassen, wie mit den Fehlstellen umzugehen ist und ob Retuschen, die komplett reversibel sein müssen, erforderlich sind.

Die Bildtafeln werden direkt vor den Augen des Publikums im Musée Unterlinden restauriert. Den Besuchern bietet sich hier die Möglichkeit, hinter einer Glasscheibe die Phasen der Restaurierung miterleben zu können und so den Restauratoren unter der Leitung von Chefrestaurator Anthony Pontabry über die Schulter schauen. Bis zum 10. Juli 2019 waren die nun beidseitig bemalten Tafeln — „Das Engelskonzert, Die Versuchung des heiligen Antonius“ und „Der Besuch des heiligen Antonius beim heiligen Paulus Eremita“ – horizontal auf Tische gelegt, um die Lindenholztafeln und die Rahmenstrukturen zu bearbeiten und die verschmutzten Firnisschichten abzutragen. Im Laufe dieses Arbeitsschritts konnten die Besucher Grünewalds Tafeln aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel betrachten und die Details der Figuren (Gesichter der Engel, der Propheten, der Ungeheuer) wie auch der wuchernden Vegetation aus der Nähe beobachten.

Das Musée Unterlinden betreibt mit seinen Mitarbeitern aktive Öffentlichkeitsarbeit: Denn über den aktuellen Status der Restaurierung des Isenheimer Altar wird auch außerhalb des Museums berichtet: Auf der Art Karlsruhe war das Musée Unterlinden aus Colmar mit einem eigenen Stand vertreten und informierte über die großangelegte Restaurierungskampagne. Und auch während der Art Basel 2019 stand Anthony Pontabry in diesem Frühjahr regelmäßig für Interviews zur Verfügung. Außerdem lädt das Musée Unterlinden regelmäßig zu speziellen Führungen über den aktuellen Status der Restaurierung ein (Sprache: französisch):

Nächste Termine:
21. Juli, 15 Uhr
18. August 11 Uhr
26. September, 12.30 Uhr
7. November, 12.30 Uhr
28. Dezember, 14 Uhr

Preis: 4,50 € zusätzlich zum Eintrittspreis. Reservierung und Informationen unter 0033(0)389202279 oder reservations@musee-unterlinden.com

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