31.03.2021

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Wertvolle Einblicke in antike Bücher

von Valentina Grossmann
aufgezogen auf Karton
aufgezogen auf Karton

Vor 2.000 Jahren verwandelte ein Vesuvausbruch griechische Schriftrollen in Kohle. Modernste Technik ermöglicht Wissenschaftler*innen nun das Lesen der Texte

aufgezogen auf Karton
Typisches Beispiel eines Bruchstücks der Papyrusrolle, aufgezogen auf Karton, an der Dr. Kilian Fleischer forscht. Foto: Kilian Fleischer

Vor 2.000 Jahren brach in Italien der Vesuv aus. Extrem heiße Lavastöme trafen die Stadt Herculaneum sowie deren Bewohner*innen und begruben sie meterdick unter sich. Im frühen 18. Jahrhundert stießen Archäolog*innen bei Ausgrabungen auf Herculaneum sowie auf die Villa von Lucius Calpurnius Piso Caesonius, römischer Politiker und Schwiegervater Julius Caesars.

Caesonius muss ein philosophisch interessierter Mensch gewesen sein. Er galt als eine Art Mäzen des griechischen Philosophen Philodem von Gadara und ließ Philodem in seiner Villa leben und arbeiten. Dafür hatte Philodem seine umfangreiche Bibliothek aus Griechenland mitgebracht, die etwa 1.000 Buchrollen in griechischer Sprache enthielt. Bei den Ausgrabungen entdeckten die Archäolog*innen genau diese Bibliothek. Doch den Arbeiter*innen war nicht bewusst, dass sie es mit aufgerollten Papyri zu tun hatten.

„Sie hatten die zu Klumpen verbackenen Rollen zunächst für Kohlebriketts oder Wurzeln gehalten“, erklärt der Würzburger Altphilologe Dr. Kilian Fleischer, der das auf drei Jahre angelegte DFG-Forschungsprojekt „Philodems Geschichte der Akademie (Index Academicorum)“ seit 2019 an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) leitet. Erst als ein solcher Klumpen herunterfiel und zerbrach, kamen auf den Bruchstücken Schriftzeichen zum Vorschein. Die perfekten Temperaturen am Standort der Villa karbonisierten die Schriftrollen nach dem Vesuvausbruch und ermöglichen es Wissenschaftler*innen heute, die griechischen Texte mit Hilfe modernster Technik zu entziffern.

Multispektrale Bildgebungsverfahren (MSI) steigern den Kontrast von Tinte und Papyrus, Hyperspektralbilder (HSI) verbessern die Lesbarkeit der Texte enorm. „Mit Hilfe dieser Techniken ist es mir gelungen, etwa 30 Prozent mehr Text im Vergleich zur Vorgängeredition zu entschlüsseln“, freut sich Fleischer. Die Hyperspektralbilder erstellte er gemeinsam mit Physikern und Informatikern in Neapel – erstmals von Herkulanischen Papyri.

Mithilfe modernster Technik erstellen die Wissenschaftler*innen sogenannte Hyperspektralbilder, die die Lesbarkeit des Textes deutlich verbessern. Foto: Kilian Fleischer

Seit nun mehr als zwei Jahren arbeitet Kilian Fleischer an einem dieser 2.000 Jahre alten Texte. Er versucht die Schrift zu entziffern, den Text zu übersetzen und mit dem derzeitigen Wissen über die Antike zu vergleichen. „Bei dieser Rolle handelt es sich um einen Band eines insgesamt zehnbändigen Werks, das Philodem über die Geschichte der Philosophie verfasst hat“, erklärt er. Der sogenannte „Index Academicorum“ stellt Platon und die von ihm gegründete Akademie in den Mittelpunkt und schildert deren Geschichte vom Beginn bis zur Zeit Philodems.

Ein weiterer Aspekt macht den Papyrus für den Altphilologen so interessant: Es handelt sich dabei um ein echtes Autorenmanuskript, eine vorläufige Arbeitsfassung beziehungsweise Projektskizze Philodems. So finden sich zahlreiche handschriftliche Anmerkungen und Änderungsvorschläge des Philosophen Philodem auf den Schriftstücken. „Der Papyrus gewährt uns somit wertvolle Einblicke in den Entstehungsprozess eines antiken Buches und in die Arbeitsweise antiker Autoren“, sagt Fleischer. Sogar der Vergleich mit der Endfassung ist möglich – zumindest mit den wenigen Überresten, die davon erhalten geblieben sind.

Neben Köln ist Würzburg die einzige deutsche Universität, die an Herkulanischen Papyri forscht, unter anderem am Würzburger Zentrum für Epikureismusforschung. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Philologen und Naturwissenschaftlern ermöglichte enorme Fortschritte, so auch den Aufbau eines Zentrums für Philologie und Digitalität (Kallimachos) an der Universität Würzburg.

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