24.09.2026

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Wer Augen hat zu sehen, der sehe! Félix Vallotton in Herford

Félix Vallotton, Jonquilles et anémones rouges (Narzissen und rote Anemonen), 1924, Tempera auf Karton, Privatsammlung, Schweiz. Zu sehen ab 26. September in der Stiftung Ahlers Pro Arte. Foto: Peter Schälchli, Zürich
Félix Vallotton, Jonquilles et anémones rouges (Narzissen und rote Anemonen), 1924, Tempera auf Karton, Privatsammlung, Schweiz. Zu sehen ab 26. September in der Stiftung Ahlers Pro Arte. Foto: Peter Schälchli, Zürich

Félix Vallotton kommt nach Herford. Die Stiftung Ahlers Pro Arte zeigt 70 Werke des Schweizer Einzelgängers der Moderne und erweitert die erfolgreich zuvor in Ascona gezeigte Ausstellung um seltene Zeichnungen und Vorstudien.

Mit der am 26. September eröffnenden Ausstellung „Félix Vallotton. Der Schönheit ein Denkmal setzen“ zeigt die Stiftung Ahlers Pro Arte in Herford einen Künstler, der um 1900 zu den eigenständigsten Figuren der europäischen Moderne zählt. Félix Vallotton, 1865 in Lausanne geboren und früh nach Paris gegangen, ist als Maler, Grafiker und Literat ein Grenzgänger zwischen den künstlerischen Strömungen seiner Zeit. Seine unverwechselbaren Bildwelten sind kühl und kontrolliert. Seine radikal vereinfachten Holzschnitte der 1890er Jahre verschaffen ihm internationale Aufmerksamkeit, bevor er sich um die Jahrhundertwende zunehmend der Malerei zuwendet.
Vom 11. Mai bis 7. September 2025 war die Ausstellung im Museo Castello San Materno in Ascona zu sehen und machte dort bereits Furore. Nun kommt sie, um weitere bemerkenswerte Arbeiten ergänzt und auf 70 Werke erweitert, nach Herford.
Die Stiftung Ahlers, seit 2024 in unmittelbarer Nähe des Marta Herford, verfolgt ein klar konturiertes Ausstellungsprogramm mit einem Schwerpunkt auf dem deutschen Expressionismus und dessen Wirkung auf die weitere Kunstentwicklung. Mit Ausstellungen zu Gabriele Münter, Lyonel Feininger, Niki de Saint Phalle und zuletzt „Einhornhexe: Meret Oppenheim & Freunde“ etabliert sie sich weiter als kleiner, aber relevanter Ausstellungsort mit überregionalem Profil.


Von der Unmittelbarkeit der Vorzeichnung

Seit 1909 entstehen im Atelier die paysages composés, streng komponierte Landschaftsbilder. Bei Spaziergängen angefertigte Skizzen, in denen die Farben durch Ziffern festgehalten sind, sowie Fotografien und Erinnerungen dienen Vallotton als Grundlage. Eine besondere Entdeckung der Herforder Präsentation ist eine solche Vorzeichnung, die aus einer Schweizer Privatsammlung neu in die Ausstellung gekommen ist. Mit feinen Linien erfasst Vallotton die ruinöse Architektur am Wasser, die Böschung im Vordergrund, die Vegetation und die Brücke im Hintergrund. Zahlen, knappe Vermerke, Korrekturen und wechselnde Strichstärken zeigen, wie genau er die einzelnen Zonen gewichtet und systematisiert. Gerade darin liegt der Reiz des Blattes, denn man kann verfolgen, wie Vallotton das Motiv bereits im Zeichnen gliedert, vereinfacht und auf seine bildnerische Wirkung hin prüft. Im Gemälde von 1923/28 wird dieses Motiv zu einer stillen Szenerie, in der Vallotton die klare Ordnung des Motivs verdichtet. Architektur, Wasser, Vegetation und Ferne setzen sich als klar umrissene Flächen voneinander ab. „Diese Landschaften seien von allem ganz Naturgetreuen befreit“, notiert Vallotton in einem Tagebucheintrag.
Vallottons Kunst liegt nicht in der bloßen Wiedergabe der Natur, sondern in ihrer Verwandlung: Aus Beobachtung wird Konstruktion, aus Landschaft Bild. Die Vorzeichnung offenbart, wie bewusst Vallotton vereinfacht, verdichtet und komponiert. Und sie ist damit wie ein Geschenk, denn sie schafft eine seltene Nähe zum Künstler und lässt uns etwas mehr von seiner Welt verstehen.
„Félix Vallotton hat der Schönheit und damit sich selbst mit seiner Kunst ein ewiges Denkmal gesetzt. Wer Augen hat zu sehen, der sehe!“, befindet Alexander Kanoldt 1931 über Vallotton.

Eine besondere Stellung nehmen die Holzschnitte ein. Im ausgehenden 19. Jahrhundert gehört Vallotton zu den großen Erneuerern dieser Technik. Mit radikaler Reduktion, scharf gegeneinandergesetzten schwarzen und weißen Flächen und einer beinahe unerbittlichen Ökonomie der Linie macht er den Holzschnitt zu einem modernen Medium. In seinen Blättern genügt oft eine Silhouette, eine Geste oder ein leerer Raum, um eine ganze gesellschaftliche Situation aufzurufen. Das Private wird politisch, das scheinbar Alltägliche kippt ins Bedrohliche. In Serien wie den Intimités entlarvt Vallotton die bürgerliche Welt in ihrer ganzen Brüchigkeit. Sein grafisches wie malerisches Werk ist eng miteinander verbunden. Die großen dunklen Partien der Holzschnitte finden in seiner Malerei ihre Entsprechung in klar gesetzten Farbflächen und streng konstruierten Räumen. Vallotton denkt das Bild nicht vom Detail, sondern von der Fläche her. Menschen wirken wie ausgeschnitten, Landschaften wie Bühnenbilder. Selbst im scheinbar Harmlosen bleibt eine leise Irritation. Vallottons sachliche, streng gebaute Bildwelt nimmt in vielem die Neue Sachlichkeit und die Pittura metafisica vorweg.

Zahlen, Vermerke, Korrekturen und variierende Strichstärken geben Einblick in Vallottons präzise, systematische Arbeitsweise. Foto: © Privatsammlung, Schweiz
Zahlen, Vermerke, Korrekturen und variierende Strichstärken geben Einblick in Vallottons präzise, systematische Arbeitsweise. Foto: © Privatsammlung, Schweiz

Wer Augen hat zu sehen, sollte nach Herford fahren

Vallottons Bilder sind klar, präzise und oft von großer Schönheit. Doch diese Schönheit beruhigt nicht. Sie bannt den Blick und lässt die Ordnung der Dinge brüchig erscheinen. Es sind nicht immer die großen Häuser, die mit Entdeckungen aufwarten, für die sich auch ein weiterer Weg lohnt. Wer Augen hat zu sehen, sollte nach Herford fahren. Zur Ausstellung „Félix Vallotton. Der Schönheit ein Denkmal setzen“ ist bei Wienand bereits 2025 ein sehr empfehlenswerter Katalog erschienen, der die Schönheit von Vallottons Werk in einer konzentrierten Auswahl von Gemälden, Grafiken und Zeichnungen feiert. Zur Ausstellung in Herford wird eine eigene Broschüre erscheinen, die den Herforder Akzent der Schau aufnimmt.

Félix Vallotton, Bords du Léman, um 1892. Mit sicherem Blick für die klare Ordnung des Motivs fängt Vallotton die besondere Atmosphäre des Genfersees ein. Foto: © Peter Schälchli, Zürich
Félix Vallotton, Bords du Léman, um 1892. Mit sicherem Blick für die klare Ordnung des Motivs fängt Vallotton die besondere Atmosphäre des Genfersees ein. Foto: © Peter Schälchli, Zürich

Infos zur Ausstellung

„Félix Vallotton. Der Schönheit ein Denkmal setzen“

26. September 2026 bis 10. Januar 2027

Stiftung Ahlers Pro Arte
Goebenstraße 2
32052 Herford

Öffnungszeiten: Freitag bis Sonntag und an Feiertagen: 11–18 Uhr
geschlossen: 24./25./31. Dezember 2026
Neujahr ab 13 Uhr geöffnet

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