28.08.2025

Kunststück

Wandelbar wie ein Chamäleon

Die Hackeschen Höfe in Berlin sind ein Höhepunkt des Jugendstils.Foto: Arne Müseler / www.arne-mueseler.com, CC BY-SA 3.0 de, via: Wikimedia Commons
Die Hackeschen Höfe in Berlin sind ein Höhepunkt des Jugendstils.Foto: Arne Müseler / www.arne-mueseler.com, CC BY-SA 3.0 de, via: Wikimedia Commons

Aus den Sümpfen Berlins entstanden die Hackeschen Höfe in den Jahren 1906 bis 1907, die heute in wiederhergestellter Fassung Gastronomie-, Gewerbe- und Kulturflächen beherbergen. Obwohl den Höfen während der Kriegsjahre des Zweiten Weltkriegs und der DDR der Verfall drohte, schaffte es das ikonische Gebäude, seinen Platz in der Berliner Denkmallandschaft zu behaupten.

Inmitten der Spandauer Vorstadt liegt das größte zusammenhängende Hofareal Europas: die Hackeschen Höfe. Zwischen Rosenthaler Straße und Sophienstraße gelegen, erreichen Besucherinnen und Besucher die 8.000 Quadratmeter großen Hofanlagen von beiden Straßen aus. Während das Areal heute als beliebte Sehenswürdigkeit und Kulturzentrum gilt, reicht seine Geschichte weit zurück. Aufgrund der wachsenden Bevölkerung wurde das sumpfige Areal im 19. Jahrhundert trockengelegt und zum Hackeschen Markt, wo Handelsgeschäfte, Textilfabriken und Wohnen den Alltag beherrschten. Am außergewöhnlichen Grundriss der acht Höfe lassen sich noch heute die Ursprünge des Hackeschen Marktes mit der ehemaligen Nordbastion und dem Ravelin der Berliner Festungsanlagen erkennen.


Funktion und Reduziertheit

Im Verlauf der Industrialisierung des 19. Jahrhundert zog die Spandauer Vorstadt immer mehr jüdische Zuwanderer aus dem Osten an, die dem Viertel eine neue kulturelle Vielfalt verliehen. Außerdem setzte sich die Lebensreformbewegung für den Bau der Hackeschen Höfe ein, um die Wohnsituation der rund 70.000 Einwohnerinnen und Einwohner Berlins zu verbessern und sicheres sowie modernes Wohnen zu ermöglichen. Als Architekt und Bauherr wurde Kurt Berndt beauftragt. Neben Berndt beeinflusste auch der Architekt und Designer August Endell Teile der Hackeschen Höfe maßgeblich.
Obwohl zu dieser Zeit die Kunstpolitik Wilhelms II. vorherrschte, konnte sich Endells Jugendstil-Design der Hackeschen Höfe als eines der einflussreichsten Bauwerke dieser Stilrichtung in Berlin etablieren. Anders als die klassischen Jugendstil-Bauten in Riga, Wien oder Prag zeigt sich die Gestaltung in Berlin, insbesondere bei den Hackeschen Höfen, funktional und reduziert.

Bunte Farben prägen die Hackeschen Höfe auch heute noch. Foto: © Wolfgang Bittner
Bunte Farben prägen die Hackeschen Höfe auch heute noch. Foto: © Wolfgang Bittner

Bunte Wärme  

Endells Jugendstil-Design prägt vor allem den ersten Hof. Dynamische und organische Muster in außergewöhnlichen Farbtönen verleihen ihm einen einzigartigen Charakter. Die fantasievolle Neuinterpretation spiegelt Endells Gestaltungsprinzipien der Genusskultur wider und verwandelt den Hof in einen eleganten, anspruchsvollen Gewerbehof. Zwischen glasierten, verschiedenfarbigen Backsteinen schaffen filigrane Fenster in vielfältigen Formen einen harmonischen Kontrast. Neben dem ersten Hof können Besucherinnen und Besucher Endells Gestaltung auch in den Innenräumen entdecken – etwa in den Festsälen und Treppenhäusern.
Während im ersten Hof Gäste durch Festsäle tanzten und in Gastronomiebetrieben feierten, fanden in den restlichen Wohnungen interessierte Mieterinnen und Mieter ihre Heimat. Im 19. Jahrhundert waren die zentralbeheizten Hofanlagen mit eigener Stromversorgung ihrer Zeit weit voraus – eine Vision, die Kurt Berndt verwirklichte. Als Besonderheit der Hofanlagen galt ebenso die moderne Ausstattung der Wohnungen, die mit Bädern, Innentoiletten und Balkonen versehen war. Als Mittelpunkt von Leben, Kunst und Literatur sowie dem Aufbau einer jüdischen Studentenmensa und einem Mädchenclub entwickelten sich die Hackeschen Höfe zu einem zentralen Bestandteil des Viertels.


Nach Aufstieg kommt der Fall

Doch die glanzvollen Jahre der Hackeschen Höfe sollten nicht von Dauer sein. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs begann der Niedergang des einst so innovativen Gebäudekomplexes. Im Jahr 1940 folgten dunkle Jahre für die Bewohnerinnen und Bewohner Berlins, insbesondere für die Spandauer Vorstadt mit ihrem hohen jüdischen Bevölkerungsanteil. Bomben fielen – der erste Hof erlitt maßgebliche Schäden. Daraufhin wurde das Gebäude von Nationalsozialisten zwangsversteigert und elf Jahre später zum Volkseigentum der DDR. Ab diesem Zeitpunkt war die Nutzung der Hofanlagen für Lager- und Werkstatttätigkeiten sowie Proben für das DDR-Fernsehballett vorgesehen.
In der DDR wurden die Hofanlagen vernachlässigt und kaum gepflegt. Mit dem Abschlagen der Straßenfassaden in der Rosenthaler Straße verdeutlichte sich die hohe Renovierungsbedürftigkeit. Das entstuckte und vereinfachte Gebäudebild war nunmehr ein Schatten seiner einstigen Pracht. Erst ab 1977 standen die Hackeschen Höfe unter Denkmalschutz. Nach der Wiedervereinigung folgte in den 1990er Jahren jedoch ein Aufschwung für die Hackeschen Höfe: Um die historische Persönlichkeit der Höfe zu wahren, wurde mit einem Budget von 80 Millionen Mark der Gesamtkomplex durch das Architekturbüro Weiß & Partner restauriert. Auch die abgeschlagene Fassade ließ sich teilweise rekonstruieren. Mit der Wiederherstellung ihres historischen Erscheinungsbildes erhielten die Hackeschen Höfe ihren altbekannten Nutzen: Kultur, Handel und Gastronomie fanden wieder ihren Platz im Hofareal.

Insbesondere der erste Hof ist geprägt durch August Endell. Foto: © Wolfgang Bittner
Insbesondere der erste Hof ist geprägt durch August Endell. Foto: © Wolfgang Bittner

Denkmalschutz und moderne Nutzung

Während ehemals Bewohnerinnen und Bewohner der Hackeschen Höfe die Festsäle für Feierlichkeiten mieten konnten, beherbergt der Ballsaal heute das Varieté Chamäleon. In Abstimmung mit dem Berliner Denkmalamt konnten die Festsäle 2004 denkmalgerecht saniert werden. Bei vollem Spielbetrieb erfolgte die Modernisierung von Technik, inklusive der Lüftungsanlagen und des Barbereichs. Als aktuellste Renovierungsmaßnahme galten kleinere Veränderungen innerhalb des Theaters Chamäleon. 2015 brachte die Renovierung des historischen Eichenparketts und die Revitalisierung der Balkone das Theater seinem ursprünglichen Erscheinungsbild wieder ein Stück näher. „Seit der umfassenden Sanierung vor 20 Jahren beschränken sich bauliche Maßnahmen auf die üblichen Renovierungen und Anpassungen an Mietflächen, etwa bei einem Wechsel der Nutzerinnen und Nutzer. Größere Eingriffe in die historischen Fassaden oder Gewerbeflächen wurden seit der Grundinstandsetzung nicht vorgenommen.“, so das Landesdenkmalamt Berlin.
Heute stehen die Hackeschen Höfe im Denkmalbereich der Spandauer Vorstadt und unterliegen einer strengen Erhaltungssatzung. Nach Angaben des Landesdenkmalamts Berlin sind daher Maßnahmen an den Gebäuden oder von Mietern sowohl planungsrechtlich als auch denkmalrechtlich genehmigungspflichtig. Auch wenn die überlieferte Mischnutzung der Hackeschen Höfe die städtebauliche Planung herausfordert, wird daran festgehalten, um die Authentizität und Vielseitigkeit der Höfe zu bewahren.
Als wichtiger Bestandteil der Berliner Denkmallandschaft stehen die Hackeschen Höfe für Historie und Moderne. Sie erhalten nicht nur architektonisches Erbe, sondern geben auch heute noch den lebendigen Charakter der Genusskultur Endells wieder.

 

Weiterlesen: Ebenfalls Jugendstil entdecken kann man in Wiesbaden.

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