06.03.2018

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Von Trutzburgen und Gotteshäusern

sanierte Mauerringe und sechs Türme im Bauzustand des 13. / 16. Jahrhunderts charakterisieren die typische dörfliche Höhenburg Hosman / Holzmengen. Hier: äußerer Befestigungsring

Die mittelalterlichen Kirchenburgen im rumänischen Siebenbürgen sind ein einzigartiges baukulturelles Erbe. Über 160 gibt es von ihnen. Doch rund ein Viertel sind durch Substanzverluste akut in Gefahr. Die unter deutsch-rumänischer Schirmherrschaft stehende Stiftung Kirchenburgen koordiniert nun bauliche und denkmalpflegerische Maßnahmen gegen den Verfall.

Die Kirchenburg Agnita / Agnetheln als Beispiel einer gefährdeten, großflächig angelegten, innerstädtischen Befestigungsanlage im Bauzustand des 16. / 19. Jahrhunderts (nach Westen gesehen). Foto: Boris Frohberg
Cisnadie / Heltau: Die mächtige, spätmittelalterliche Kirchenburg in der Ortsmitte ist mit zwei Mauerringen befestigt. Sie wurde beispielhaft saniert. Von Nordwesten gesehen. Foto: Boris Frohberg
Zwei sehr gut erhaltene, sanierte Mauerringe und sechs Türme im Bauzustand des 13. / 16. Jahrhunderts charakterisieren die typische dörfliche Höhenburg Hosman / Holzmengen. Hier: äußerer Befestigungsring, nach Westen gesehen. Foto: Boris Frohberg
Cisnadioara / Michelsberg – romanische Höhenfliehburg des 13. / 15. Jahrhunderts mit Ansicht der restaurierten Kirche von Süden. Foto: Boris Frohberg
Der weitgehend unverfälscht erhaltene romanische Innenraum der Kirchenburg Cisnadioara / Michelsberg aus dem 13. Jahrhundert (nach Osten). Foto: Boris Frohberg

Wie in Siebenbürgen befestigte Kirchen entstanden

Die über 160 wehrtechnisch befestigten Kirchen und Kirchenburgen Siebenbürgens sind eine einzigartige Besonderheit in Europa. Die im 12. Jahrhundert eingewanderten deutschsprachigen, christlichen Siedler (die sogenannten Sachsen) bauten ihre Kirchen in die Dorfzentren. Um vor Angriffen östlicher Truppen geschützt zu sein, entstanden in manchen Gegenden zunächst Flieh- oder Bauernburgen an erhöhter, exponierter Stelle. Später wurden die Kirchen in der Dorfmitte wehrhaft gemacht, sie stellten Flucht- und Schutzbereiche innerhalb der Dorfgemeinschaft dar. Über Jahrhunderte hinweg wurden sie von den Bewohnern genutzt, aus- und umgebaut sowie verteidigt. Die ursprünglich katholischen Kirchen wurden im Zuge der Reformation des 16. Jahrhunderts evangelisch und in den folgenden Jahrzehnten in diesem Zusammenhang teilweise verändert. Die Siebenbürger Sachsen, deutschsprachig und evangelisch geprägt, wanderten zu großen Teilen ab dem 20. Jahrhundert, und insbesondere nach dem Fall des kommunistischen Regimes Anfang der 90er Jahre des 21. Jahrhunderts, aus. Diese Entwicklung stellt die verbliebenen Gemeindemitglieder und die Evangelische Kirche A. B. in Rumänien (EKR), Verwalterin der Kirchenbauten, vor große Herausforderungen. Einerseits fehlen die Verantwortlichen vor Ort, andererseits identifizieren sich die mehrheitlich orthodoxen Rumänen oftmals nicht mit den Kirchenburgen in ihrer Dorfmitte. So waren diese Kulturdenkmäler vielerorts dem Verfall überlassen.

Die Stiftung Kirchenburgen und ihre Aufgaben

Als Antwort auf diese Entwicklung gründete die Evangelische Kirche A. B. in Rumänien 2016 die Stiftung Kirchenburgen, die als Fachinstitution die baulichen und denkmalpflegerischen Maßnahmen, die an den Anlagen durchgeführt werden, koordiniert. Die Schirmherrschaft der Stiftung haben der rumänische Staatspräsident und der deutsche Bundespräsident gemeinsam übernommen und setzen damit ein Zeichen, dass es sich hierbei um eine deutsch-rumänische Gemeinschaftsaufgabe handelt.

Die Hauptaufgaben der Stiftung sind die Rettung, der Erhalt und die Pflege des kirchlichen Kulturerbes. Dazu zählen auch das Inventar und die künstlerische Ausstattung sowie die zu den Ensembles gehörenden Gebäude wie Pfarrhäuser, Schulen und Kulturhäuser. Die Aktivitäten reichen von Notsicherungen an Baudenkmälern über Pflege- und Reparaturarbeiten bis hin zu Konservierungsmaßnahmen. Derzeit stehen noch statische Mauer-, Dach und Gewölbesanierungen im Vordergrund.

Ein Viertel der Kirchenburgen sind akut gefährdet

In den letzten Jahren hat sich jedoch schon einiges getan: 2010 bis 2014 konnte die Evangelische Kirche mit finanzieller Hilfe der Europäischen Union einige der Bauwerke restaurieren. Nach Angabe der Stiftung Kirchenburgen im Rahmen der Wanderausstellung „Kirchenburgenlandschaft Siebenbürgen. Ein europäisches Kulturerbe“ befindet sich derzeit ein Drittel der Denkmäler in einem guten, teils sogar sehr gutem baulichen Zustand. Knapp die Hälfte der Anlagen gilt als gesichert oder teils gefährdet. Für etwa 25% der Kirchenbauten besteht weiterhin eine akute Gefahr von umfassenden Substanzverlusten. Daher entwickelte die Stiftung Kirchenburgen zusammen mit der Europa-Universität Viadrina (Frankfurt/Oder) und dem Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturrat ein Notprogramm. Die einbezogenen Kirchenburgen werden durch Expertenteams, bestehend aus Statikern, Geologen und anderen Fachleuten, auf ihren Bauzustand und ihre Standsicherheit hin untersucht. Als Ergebnis werden Sicherungskonzepte erarbeitet, die Prioritätenlisten mit erforderlichen Eingriffen zusammenzustellen. Diese Untersuchungen werden zwischen dem Sommer 2017 und dem Jahresende 2018 vorgenommen. Finanziert wird das Gemeinschaftsprogramm von der deutschen Bundesbeauftragten für Kultur und Medien sowie aus Mitteln des Nachhaltigkeitsfonds der EKR und vom rumänischen Kulturministerium. Die Stiftung hat des Weiteren einen Notfond für bedrohte Kirchen und Kirchenburgen eingerichtet. Diese Mittel sind für akute Notfälle wie zum Beispiel Sturmschäden gedacht, in denen ein schnelles Eingreifen unverzichtbar ist, um Folgeschäden zu verhindern.

Umfassende restauratorische und konservatorische Maßnahmen an den Kirchenburgen

In einigen Kirchen werden auch umfassende Konservierungs- und Restaurierungsmaßnahmen ausgeführt. Diese erledigen meist akademisch ausgebildete Restauratoren aus Rumänien, aber auch Kollegen aus Ungarn, Deutschland und anderen Ländern. Neben der Konservierung von Wandmalereien und plastisch bearbeiteten Natursteinbauteilen, sind auch großflächige Freilegungen, Festigungen, Kittungen und Retuschen von Malereizyklen erfolgt (Honigberg, Schmiegen). Dies stellt sicher einen interessanten interdisziplinären Austausch der ethischen Restaurierungsauffassungen über Länder- und Sprachgrenzen hinweg dar. Dem gegenüber stehen aber auch der fortschreitende Verfall und die Gefahr des Vandalismus (Dobring, Rothbach).

Die Aktivitäten der Stiftung gehen aber über die praktische Denkmalpflege weit hinaus. Es werden Modellprojekte entwickelt, Fachleute zusammengebracht, Handwerker qualifiziert, Veröffentlichungen und Ausstellungen organisiert und die Öffentlichkeitsarbeit vertieft. Wir warten auf eine umfangreiche Veröffentlichung der betreffenden Fachleute. Für die Zukunft bleibt die Erhaltung und vor allem auch die Nutzungsentwicklung der vielen Kirchenburgen eine gewaltige Aufgabe, die weiterer internationaler Unterstützung bedarf. Der Restauratorenverband (VDR) veranstaltet vom 04.-06.05. in fachlicher Kooperation mit der Stiftung Kirchenburgen (RO) und dem Verein Kulturerbe Kirchenburgen e.V. (DE)  in Berlin das 1. internationale Symposium „Kulturerbe Siebenbürgische Kirchenburgenlandschaft“.

Die Konferenz bringt verschiedene Akteure zusammen, die im breiten Arbeitsfeld der Erforschung, Erhaltung und Nutzung der Siebenbürger Kirchenburgen tätig sind. Es wird ein intensiver Erfahrungs- und Ideenaustausch zwischen Akademiker und Praktiker, Verwalter, Nutzer und Entscheider angestrebt. Eine zweite Konferenz folgt im Mai 2019 in Siebenbürgen und eröffnet den Teilnehmern die Möglichkeit, einige Objekte und Projekte kennenzulernen und mit den Akteuren vor Ort direkt in Austausch treten zu können.

Mehr über die Arbeit der Stiftung Kirchenburgen lesen Sie in der kommenden RESTAURO-Ausgabe 02/2018, die am 12. März 2018 erscheint.

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