Virtuelle Rekonstruktion: Verkohlte Pergamentrollen

 

Mittels Computertomografie ist es Forschern der University of Kentucky gelungen, ein Jahrtausend altes, beinahe verbranntes biblisches Schriftdokument virtuell zu entrollen und den Inhalt zu rekonstruieren. 

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Virtuell entrollt: Die En Gedi-Pergamentrolle aus dem dritten Jahrhundert nach Christus. Foto: Seales et al./Science Advances 21 Sep 2016: Vol. 2, no. 9, e1601247

 

Eine einzige Berührung hätte genügt und das verkohlte Pergament wäre zu Staub zerfallen. Ein Pergament, das weit in die Vergangenheit reicht, ein fragiler Überrest, gefunden in einer Synagoge im israelischen En Gedi: Im Jahr 1970 entdeckten Archäologen die alten Schriftrollen, zerfressen vom Feuer des um 600 nach Christus niedergebrannten Gotteshauses. Das Relikt sollte sich später als das älteste biblische Dokument nach den berühmten Rollen vom Toten Meer herausstellen.

Computertomografie gibt Aufschluss

Zuvor musste jedoch einige Zeit vergehen, bis Technik und Wissenschaft so weit vorangeschritten waren, um Lösungsansätze für eine mögliche Rekonstruktion des Dokuments zu erforschen. Scanmethoden und Computerprogramme entwickelten sich, erste digitale Fortschritte erreichten die Kunstgeschichte und Archäologie – doch erst Anfang 2015 gelang es mit diesen Methoden, einen verbrannten Papyrus aus dem antiken Herculaneum lesbar zu machen. Nun sollte also auch der biblische Fund aus Israel virtuell entrollt und seine Inhalte sichtbar gemacht werden.

Wissenschaftler von der University of Kentucky arbeiteten daran, die inneren Schichten des Artefakts zu enthüllen, ohne es händisch zu berühren. Bis dahin war es unter großer Vorsicht konservatorisch archiviert worden. Eine Radiocarbondatierung gab Aufschluss über seine Entstehungszeit, die auf das dritte Jahrhundert nach Christus konstatiert werden konnte.

Der nächste Schritt lag darin, die verkohlte Schriftrolle mittels Micro-Computertomografie (CT) zu durchleuchten. Was folgte, war ein dreidimensionales Abbild von der Struktur der Rolle. Eine speziell entwickelte Software analysierte die Scans, was sich jedoch als schwierig herausstellte, da die En Gedi-Rolle stark verformt und zerdrückt war, wie der beteiligte Wissenschaftler William Brent Seales erklärt. Die in der damals verwendeten Tinte enthaltenen Metallpartikel helfen dabei, den Text von der Software rekonstruieren zu lassen. Im CT-Bild erscheinen so Helligkeitsunterschiede. Stück für Stück entrollt die Software nun das Dokument virtuell, die Innenseiten des Pergaments werden zu einer flachen Einheit zusammengefügt.

Rekonstruierter Inhalt

Die Erkenntnis: Der Inhalt des Textes entspricht dem der bekannten hebräischen Bibel und stammt aus dem dritten Buchs Mose. Älter als dieser Fund seien nur die Schriftrolle vom Toten Meer, meint Seales. Das Verfahren der Wissenschaftler bietet weitreichende Möglichkeiten für die Rekonstruktion beschädigter Zeitzeugnisse und macht deutlich, welch enormen Einfluss computertechnische Entwicklungen in der Archäologie, Kunstgeschichte und auch im Bereich der Restaurierung bedeuten.