Im Marstallmuseum von Schloss Nymphenburg lässt sich derzeit beobachten, was sonst hinter verschlossenen Werkstatttüren geschieht. In der Wagenhalle West arbeitet eine Restauratorin am textilen Innenleben einer Gala-Kutsche von König Max I. Joseph. Die Bayerische Schlösserverwaltung öffnet damit die Textil-Restaurierung für den Blick der Besuchenden.
Im Mittelpunkt steht der Karlsruher Stadtwagen aus den Jahren 1816/17. Eine Restauratorin führt die Konservierungsmaßnahmen an Auskleidung und Polsterung unmittelbar im Museum aus, während eine zweite Expertin die beweglichen Objekte der Kutsche – Teppich, Kissen und Vorhänge – in ihrer Werkstatt bearbeitet. Beide Bereiche greifen ineinander, denn am Ende soll der Innenraum als Einheit wieder zusammengeführt werden. Die Arbeit ist damit auf zwei Orte verteilt: Was sich aus dem Wagen herausnehmen lässt, wird unter Werkstattbedingungen behandelt, alles Feste bleibt an Ort und Stelle. Zusehen kann man ab sofort von Montag bis Freitag während der regulären Öffnungszeiten des Marstallmuseums. Die Textil-Restaurierung läuft bis zum 25. September 2026 und wird anschließend zwischen dem 12. und 23. Oktober 2026 fortgesetzt. Wer das Museum in diesem Zeitraum besucht, trifft in der Wagenhalle West auf die laufenden Maßnahmen und kann die einzelnen Arbeitsschritte über mehrere Besuche hinweg verfolgen.
Pinsel, Seide und dünnste Nähfäden
Ziel der Maßnahme ist es, die kostbaren Textilien des Innenraums zu reinigen und zu sichern: die bezogenen Fußtritte, die Polster, die Vorhänge und den Bodenteppich. Gearbeitet wird mit feinen Pinseln und dem Staubsauger, mit denen sich Ablagerungen abnehmen lassen, ohne die geschwächten Gewebe zusätzlich zu belasten. Risse und Löcher unterlegen die Restauratorinnen anschließend mit farblich angepasster Seide und sichern sie mit dünnsten Nähfäden. Die Auswahl der Unterlegstoffe ist dabei ebenso Teil der Arbeit wie das Nähen selbst, denn Farbton und Gewebestärke müssen zum vorhandenen Bestand passen. Eine besondere Herausforderung stellen die kleinen gerafften Taftvorhänge dar. Sie sind sehr fragil und verlangen nach einer besonderen Restaurierungsmethode, die dem gerafften, in sich beweglichen Aufbau des Gewebes gerecht wird. Wer den Arbeiten zusieht, erkennt schnell, dass Textil-Restaurierung vor allem eine Frage der Geduld und der ruhigen Hand ist: Jeder Stich sitzt im Millimeterbereich, und der Fortschritt eines Arbeitstages misst sich oft in wenigen Quadratzentimetern gesicherter Fläche. Reinigung und Sicherung greifen dabei unmittelbar ineinander.
Ein weißer Stadtwagen aus Karlsruhe
Die viersitzige „Berline“ wurde 1816/17 in Karlsruhe als eleganter Stadtwagen gebaut und von König Max I. Joseph nach München gebracht. Auffällig ist ihre ungewöhnliche weiße Lackierung, die sich im Inneren fortsetzt: Auskleidung und Polsterung bestehen aus weißer Seide und Seidenborten. Farbliche Akzente setzt allein der bunte Knüpfteppich am Boden der Kutsche. Als Hochzeitskutsche war der Wagen trotz dieser hellen Erscheinung nicht gedacht – ein Missverständnis, das weiß gefasste Fahrzeuge häufig begleitet. Gerade das helle Material macht die aktuelle Textil-Restaurierung anspruchsvoll, denn Verschmutzungen, Fehlstellen und Alterungsspuren treten auf weißer Seide deutlich hervor und lassen sich nur mit genau abgestimmten Materialien ausgleichen. Auch die Seidenborten, die Flächen und Kanten der Auskleidung gliedern, gehören zu den Partien, die gereinigt und gesichert werden. Zusammen mit dem Knüpfteppich ergibt sich ein Innenraum, in dem mehrere textile Techniken auf engem Raum nebeneinanderliegen – von der glatten Seidenbespannung über die gewebten Borten bis zum geknüpften Boden. Jede dieser Techniken reagiert anders auf Alterung, Licht und Beanspruchung und erfordert entsprechend eigene Vorgehensweisen bei Reinigung und Sicherung.
Vom Wappen bis zum Kutschbock
Die Textil-Restaurierung bildet den Abschluss eines mehrstufigen Projekts an diesem Fahrzeug. Bereits im vergangenen Jahr wurden alle Holz-, Leder- und Metalloberflächen der Kutsche gereinigt, gefestigt und behutsam ausgebessert. Bemerkenswert fein sind die Malereien des Wappens und des Bandelwerks in Silber und Gold, die von zarten Farbakzenten begleitet werden; das Untergestell ist in Blau und Gold gehalten. Derzeit ist die restaurierte weiße Kutschbockdecke noch nicht montiert. Dadurch ergibt sich ein Blick auf die filigrane Konstruktion des Kutschbocks, der im fertig montierten Zustand verdeckt bleibt – für Interessierte an historischem Wagenbau eine seltene Gelegenheit. Zusammen mit der laufenden Textil-Restaurierung entsteht so ein Eindruck von einem Objekt, an dem sich mehrere Materialgruppen und ihre jeweiligen Anforderungen zugleich ablesen lassen. Für das Publikum wird damit eine Arbeit sichtbar, die im Museumsalltag sonst unsichtbar bleibt: Der fertige Zustand eines Ausstellungsstücks verrät wenig darüber, wie viele Entscheidungen, Materialproben und Arbeitsstunden ihm vorausgegangen sind. Der offene Werkstatteinblick vermittelt allen Interessierten einen authentischen Eindruck von der anspruchsvollen Arbeit der Restaurator:innen, die das historische Kulturerbe Bayerns bewahren.
Info: Textil-Restaurierung im Marstallmuseum
Wo?
Marstallmuseum von Schloss Nymphenburg, Wagenhalle West, München.
Was?
Karlsruher Stadtwagen von König Max I. Joseph, viersitzige „Berline“, 1816/17 in Karlsruhe gebaut, weiß lackiert mit einer Auskleidung aus weißer Seide und Seidenborten.
Wann?
Ab sofort bis 25. September 2026 sowie vom 12. bis 23. Oktober 2026, jeweils Montag bis Freitag während der regulären Öffnungszeiten des Museums.
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