23.08.2025

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Teppich von Bayeux: Petition gegen den Verleih

Der Teppich von Bayeux (Detail) soll auf Wunsch Macrons nach Großbritannien ausgeliehen werden – doch es regt sich Widerstand. Foto: Gemeinfrei, via: Wikimedia Commons
Der Teppich von Bayeux (Detail) soll auf Wunsch Macrons nach Großbritannien ausgeliehen werden – doch es regt sich Widerstand. Foto: Gemeinfrei, via: Wikimedia Commons

Fragil – umstritten – symbolkräftig. Der Petitions‑Protest gegen die geplante Leihgabe des Teppichs von Bayeux zeigt Dynamik, wirft ethische und konservatorische Fragen auf und verweist zugleich auf die herausragende kulturelle Bedeutung dieses mittelalterlichen Textilkunstwerks.

Eine vor kurzem in Frankreich gestartete Online‑Petition richtet sich gegen den geplanten Verleih des Teppichs von Bayeux an das British Museum in London. Bis zum 21. August 2025 hatte sie bereits 45.000 Unterschriften erreicht.
Der von Didier Rykner, Chefredakteur der Website „La Tribune de l’Art“, initiierte Protest warnt vor den erheblichen Transportrisiken: Der über 900 Jahre alte Wandteppich sei zu empfindlich und fragil, um sicher bewegt zu werden, so wie es im Petitionswortlaut heißt – eine Leihgabe würde ein „echtes Verbrechen gegen das Kulturerbe“ bedeuten.
Im Hintergrund steht eine politische Entscheidung: Präsident Emmanuel Macron hatte am 8. Juli angekündigt, den Teppich von September 2026 bis Juni 2027 in London ausstellen zu lassen – trotz zuvor bekannter konservatorischer Bedenken.


Diplomatie kontra Konservierung

Die geplante Leihgabe versteht sich als kultureller Austausch, flankiert von der Zusage Frankreichs, im Gegenzug rund hundert mittelalterliche Kunstwerke aus britischen Museen in der Normandie zu zeigen. Doch Kritiker sehen hierin vor allem eine politisch-diplomatische Geste, etwa im Kontext post-Brexit-Bemühungen um Annäherung. Rykner betont, dass der Transport eines so fragilen Kunstwerks ungeachtet politischer Symbolik nicht verantwortbar sei.
Zustandsanalysen verdeutlichen die Gefährdung: Experten dokumentierten 24.204 Flecken, 16.445 Falten, 30 Risse und 9.646 Lücken im Stoff – allein für die Transportevaluierung waren 50 Personen notwendig. Der Chefkurator der Museumsverbünde in Bayeux hält den Transport daher vor Abschluss der Restaurierungsarbeiten für unmöglich. Ob der Teppich von Bayeux nach der Restaurierung bewegt werden könne, stellte er auch in Frage. In der Fachzeitschrift „Connaissance des Arts“ sagte er, dass alleine für den Transport für die Zustandsanalyse 50 Personen notwendig waren. Das Museum dagegen machte in einer Pressemitteilung deutlich, dass man der Ausleihe positiv gegenübersteht –und diese auch unterstütze. In der Mitteilung hieß es: „Die Stadt Bayeux unterhält seit jeher enge Beziehungen zum Vereinigten Königreich und freut sich, dass das Kunstwerk, das sie seit fast tausend Jahren pflegt, vorübergehend an den Ort zurückkehrt, an dem es Ende des 11. Jahrhunderts entstanden sein soll.“ Der Teppich sei ein Symbol für die gemeinsame Geschichte.
Das Museum gibt detailliert Auskunft über die geplanten Arbeiten, die 2024 begannen und während einer Museumsschließung stattfinden. Ab 2027 soll der Teppich im neu gestalteten Museum wieder präsentiert werden, zwischenzeitlich wird er konservatorisch verwahrt und behandelt. Ziel der Restaurierungsarbeiten ist es, strukturelle Schäden wie Risse zu stabilisieren, das Werk sorgfältig von Staub zu befreien, aber vor allem die Spannungen zu mindern, denen das mittelalterliche Leinentuch derzeit ausgesetzt ist und die zum großen Teil auf frühere Restaurierungsarbeiten zurückzuführen sind. Zugleich sollen aber frühere Gebrauchsspuren erhalten bleiben, dazu gehören zum Beispiel Wachsreste, die von der Beleuchtung im Kirchenraum herrühren. Das Museum gab zudem bekannt, dass die Stützkonstruktion, die 1982–1983 installiert wurde und die derzeitige Ausstellung des Werks ermöglich demontiert werden soll. Zudem sollen ein Hintergrundtuch, das laut Quellen im 18. Jahrhundert hinzugefügt wurde sowie ein aus dem 19. Jahrhundert stammender Stoffstreifen am unteren Ende entfernt werden. Geprüft werden soll wie das Werk zukünftig präsentiert werden kann. So gibt es Überlegungen eine neue Glasvitrine für eine optimierte Konservierung des besonderen Stücks zum Einsatz kommen zu lassen.

Der Teppich von Bayeux wurde vermutlich in England bestickt und zeigt die Eroberung England durch Wilhelm den Eroberer. Foto: Gemeinfrei, via: Wikimedia Commons
Der Teppich von Bayeux wurde vermutlich in England bestickt und zeigt die Eroberung England durch Wilhelm den Eroberer. Foto: Gemeinfrei, via: Wikimedia Commons

Geschichte und Bedeutung des Teppichs von Bayeux

Der Teppich von Bayeux entstand in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts als großformatige Stickarbeit auf einem rund 52 cm hohen, über 68 m langen Leinenstreifen. Wahrscheinlich wurde er in England gestickt – vermuten Experten. Er zeigt in 58 Szenen die Eroberung Englands 1066 durch Wilhelm den Eroberer – beginnend mit Begegnungen zwischen Harald Godwinson und König Edward, endend mit der Schlacht bei Hastings am 14. Oktober 1066. Die letzten Schlussszenen sind verloren, die ursprüngliche Länge bleibt daher unbekannt. Das Kunstwerk gilt als eines der bemerkenswertesten Bilddenkmäler des Hochmittelalters, aufgrund seiner ikonografischen Komplexität, der handwerklichen Qualität und der detailreichen Darstellung mittelalterlichen Lebens – etwa Tracht, Schiffsbau, Waffentechnik, Geldwesen oder sogar die bildliche Repräsentation des Halley-Kometen. Wahrscheinlich wurde er sieben Jahrhunderte lang in der Schatzkammer der Kathedrale von Bayeux aufbewahrt, um dann an verschiedenen Ort in Frankreich und in Bayeux aufbewahrt zu werden, bevor es ins Grand Séminaire in Bayeux gelangte, wo er seit 1983 ausgestellt wird. 2007 wurde er in das UNESCO-Programm „Memory of the World“ aufgenommen.

Weiterlesen: Wie Textilien, die von Schimmel befallen sind, restauriert werden.

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