22.09.2025

Ausstellungen

Patti Smith und das Soundwalk Collective erschaffen einen Soundtrack zum Klimawandel

Stephan Crasneanscki und Patti Smith, 2025 © Courtesy Stephan Crasneanscki, Patti Smith
Stephan Crasneanscki und Patti Smith, 2025 © Courtesy Stephan Crasneanscki, Patti Smith

Die Berliner Friedrichstraße ist derzeit mehr als nur eine pulsierende Verkehrsader. Dort, wo sich Passanten zwischen Büros, Cafés und Galerien bewegen, erhebt sich ein Billboard des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.), das zum Innehalten zwingt. Es ist kein Werbeplakat, sondern eine künstlerische Intervention: „Cry of the Lost | Prince of Anarchy“, eine Zusammenarbeit des Soundwalk Collective mit der Musikerin und Dichterin Patti Smith. 

Dieses Projekt überschreitet Grenzen zwischen Kunstformen und Kontinenten. Es verwandelt Aufnahmen entlegener Landschaften, Spuren von Geschichte und die Stimmen von Revolutionären in Klanglandschaften, die Patti Smith mit ihrer Poesie erweitert. Gemeinsam erschaffen sie so etwas wie einen Soundtrack zum Klimawandel – ein akustisches Archiv der Bedrohung, aber auch ein poetischer Widerhall der Natur. 


Ein Klanggedicht über das Verschwinden

Zwei Texte bilden den Kern dieser Installation. In „Cry of the Lost“ erhebt Patti Smith ihre Stimme zu einer poetischen Anklage: Es geht um den Verlust von Arten, um den drohenden ökologischen Kollaps und um das Gefühl, dass sich eine ganze Welt verabschiedet. Hinterlegt wird ihre Rezitation von Klängen, die kaum erträgliche Realitäten hörbar machen: Unterwasseraufnahmen von Druckwellen, die beim Aufspüren von Ölvorkommen in die Ozeane geschossen werden. Diese Erschütterungen zerstören nicht nur die marine Stille, sondern bringen Walen und Delfinen tödliche Desorientierung. 

Das zweite Gedicht, „Prince of Anarchy“, ist einer historischen Figur gewidmet: Pjotr Kropotkin, dem russischen Naturforscher und Anarchisten. Smith verbindet seine Ideen von einer herrschaftsfreien Gesellschaft mit den Geräuschen der schmelzenden Gletscher. Eis bricht, als wollte die Erde selbst ihre Verletzlichkeit aussprechen. 

Stephan Crasneanscki, Patti Smith, Cry of the Lost | Prince of Anarchy, 2025, Installationsansicht Straßenkreuzung Friedrichstraße / Torstraße, in Laufweite des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.), 2025 © Foto: n.b.k. / Jens Ziehe
Stephan Crasneanscki, Patti Smith, Cry of the Lost | Prince of Anarchy, 2025, Installationsansicht Straßenkreuzung Friedrichstraße / Torstraße, in Laufweite des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.), 2025 © Foto: n.b.k. / Jens Ziehe

Das Prinzip von Soundwalk Collective

Hinter diesen Klanglandschaften steht Stephan Crasneanscki, Gründer des Soundwalk Collective. Seit Jahrzehnten sammelt er Field Recordings in entlegenen Regionen der Erde – von den Amazonas-Regenwäldern über die sibirische Tundra bis hin zu Gletschern in Grönland. Für Crasneanscki sind diese Aufnahmen mehr als Dokumentation: Sie sind „sonic memories“, akustische Fingerabdrücke von Orten, die von menschlicher Geschichte, Naturkatastrophen und dem Klimawandel geprägt sind. 

Crasneanscki vergleicht seine Kompositionen mit Malerei: Jede Schicht eines Klangs trägt eine eigene Textur, ein eigenes Gewicht, das im Zusammenspiel ein dichtes, immersives Klangbild erzeugt. In Berlin verschränkt sich diese akustische Komplexität mit visuellen Ebenen: Handgeschriebene Gedichte von Patti Smith, Satellitenbilder des schmelzenden Eises, Notizen aus dem Archiv von Jean-Luc Godard und fotografische Studien bilden ein vielschichtiges Bild der globalen Krise.


Ein künstlerischer Briefwechsel

Die Begegnung zwischen Smith und Crasneanscki war zufällig, doch daraus entstand eine mehr als zehnjährige Zusammenarbeit unter dem Titel CORRESPONDENCES. Der Zyklus ist ein fortlaufender künstlerischer Dialog: Smith reagiert mit Poesie auf Crasneansckis Feldaufnahmen, die wiederum zu neuen Kompositionen und Installationen führen. 

Dieser Austausch ist nicht nostalgisch, sondern hochaktuell. Crasneanscki weist darauf hin, dass in weniger als einem Jahrhundert rund 70 Prozent der natürlichen Klangwelt verschwunden ist – Regenwälder rauschen leiser, Meereslandschaften schweigen, Tierstimmen fehlen. Das Billboard in Berlin wird so zu einem akustischen Mahnmal, ein Soundtrack zum Klimawandel, der nicht verklärt, sondern erinnert. 


Von Alben zu visuellen Collagen

Parallel zu den Klanginstallationen entwickelte das Soundwalk Collective ein multimediales Konzept, das Klänge mit Bildern verbindet: NASA-Fotografien, handschriftliche Notizen, Filmaufnahmen und Skizzen verschmelzen zu Collagen, die den jeweiligen Projekten eine visuelle Ebene hinzufügen. Diese Collagen wurden zu den Albumcovern – eine Symbiose von akustischer und visueller Erinnerung. 

Bisher sind zwei gemeinsame Alben erschienen: Correspondences #1 und Correspondences #2, die auf gängigen Streaming-Plattformen zu hören sind. In Berlin wird nun erstmals das Cover der dritten Zusammenarbeit sichtbar: Correspondences #3, das den Titel „Cry of the Lost | Prince of Anarchy“ trägt. Das Billboard des n.b.k. fungiert damit als Vorab-Berlin-Premiere dieses Albums und macht die Stadt selbst zum Ausstellungsraum. 

Mit „Cry of the Lost | Prince of Anarchy“ verwandeln Patti Smith und das Soundwalk Collective die Berliner Friedrichstraße in ein Forum für künstlerische Auseinandersetzung mit dem Klimawandel. Das Billboard ist mehr als eine Projektionsfläche: Es ist ein Fenster in eine Welt aus Klang, Poesie und Bild, die zeigt, was wir verlieren – und was es zu bewahren gilt.
Der Soundtrack zum Klimawandel wird damit nicht nur hörbar, sondern auch sichtbar – mitten im urbanen Alltag. 

 

Die Installation ist im Rahmen der n.b.k.-Billboardreihe bis zum 22. Februar 2026 zu sehen. 

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