27.07.2025

Branchen-News

Schädlingsbekämpfung: Das große Krabbeln

Der CAT-Ballon der Firma Rentokil, er ermöglicht den mobilen Einsatz von Stickstoff gegen den gemeinen Nagekäfer. Ein Mitarbeiter des Unternehmens nimmt die nötigen vorbereitenden Arbeiten an einem ägyptischen Sarkophag vor. @ Rentokil

Zu den Aufgaben der Museen gehören bekanntlich das Ausstellen, Bewahren, Forschen, Sammeln und Vermitteln. Doch es mehren sich die Stimmen, dass Museen dem Bewahren nicht nachkommen und Sammlungen von Schädlingsfraß bedroht werden. Ein Gespräch mit Museumsrestauratorinnen und Fachleuten für Schädlingsbekämpfung zeigt, dass dem nicht so ist.


Ab ins Schlaraffenland

Zu den regelmäßigen Aufgaben von Restauratorinnen und Restauratoren in Sammlungen gehört die Kontrolle auf Schädlingsbefall. Denn im Falle einer Kontamination mit Schädlingen wie Motten, Käfern oder auch Papierfischchen können große Schäden an den Kunstgegenständen und Artefakten entstehen. Für die Insekten stellen Museumssammlungen nämlich vor allem eins dar: Nahrung. Es stellen zwar lediglich um die 30 Schädlinge eine Gefahr für unsere Sammlungen in Museen, Bibliotheken und Archiven dar. Ein Besuch im Museum Fünf Kontinente zeigt, wie die Arbeit der Restauratorinnen Carolin Binninger und Jessica Bekesi in der Praxis aussieht. Das Museum ist als ethnologisches Haus mit seinen vielfältigen Schätzen, die aus den unterschiedlichsten Materialien hergestellt wurden, ein wahres Schlaraffenland für Museumsschädlinge. Viele Objekte bestehen aus organischen Materialien wie Holz, Leder, Fell, Federn aber auch Knochen. Der erste Schritt ist die Verpackung und Lagerung, bei der versucht wird, die Objekte möglichst abgeschlossen aufzubewahren. Die Restauratorinnen achten zudem darauf, dass innerhalb der Herkunftsregion, die Objekte nach Materialien sortiert werden. Besonders empfindliche Gegenstände werden zusätzlich in separaten Lagerungseinheiten aufbewahrt.

Auch naturkundliche und naturhistorische Sammlungen haben mit Schädlingsbefall zu kämpfen. Hier finden die Insekten naturgemäß ihre bevorzugte Nahrung: Federn und Fell. Um dem Befall entgegenzuwirken, gibt es mobile Möglichkeiten der Begasung von Schadinsekten. © Rentokil

Hitzige Debatte

Ein weiteres wichtiges Instrument stellt die regelmäßige Begehung der Ausstellungen und der Depots dar. Dabei achten die Restauratorinnen auf fliegende Insekten, Käfer und sonstige potentielle Schädlinge und kontrollieren die UV- und Klebefallen. Zudem setzt man auf Schlupfwespen, die die Larven der Museumsschädlinge dezimieren. Dafür werden die Schlupfwespen regelmäßig ausgebracht. Dies geschieht vor allem in den wärmeren Monaten. Durch den Klimawandel ist diese Behandlung deutlich häufiger geworden und auch der Zeitraum, in dem sie stattfindet, verlängert sich. Die Restauratorinnen betonen jedoch: „Eine Minimierung, im besten Fall Ausschluss, von Schädigungsrisiken für alle Objekte gleichermaßen ist schwierig, denn eine wirksame Maßnahme kann für eine Substanz optimal, für eine andere ungeeignet sein, was vor allem bei Materialkombinationen an Objekten gilt. Wo eine Bearbeitung ganzer Materialgruppen nicht möglich ist, wird von Fall zu Fall das bestmögliche Konzept zum Objekterhalt ermittelt und umgesetzt. Ganz allgemein wird versucht, den Schädlingen den Aufenthalt in Innenräumen und das Fressangebot so unattraktiv wie möglich zu machen.“ Die beiden Restauratorinnen beobachten, dass die Diskussionen zum Thema Schädlinge im Museum aktuell teilweise sehr aufgeheizt sind. Oftmals wird ein Befall als Mangel an Hygiene oder Kontrolle dargestellt, dies könne zwar ein Grund sein, so die Fachfrauen, aber es gebe viele andere Gründe, warum Schädlinge in Sammlungen aufträten. Sie betonen, dass Restauratorinnen und Restauratoren aufgrund ihres Studiums für die Thematik sehr sensibilisiert seien. Ein Fokus während der Fachausbildung liegt daher besonders darauf, präventiv vorzubeugen oder im Falle einer Kontamination schnell und professionell zu reagieren, um den Erhalt der Objekte zu gewährleisten.


Gefahr durch Schenkungen

Die Mitarbeiterinnen des Museums halten sich damit auch an die Empfehlungen, die das Niederländische Institut für Kulturerbe 2007 in einen Leitfaden herausgegeben hat. Dort sind die fünf Schritte des Integrated Pest Management (IPM) erläutert, denn lange Zeit hat man in erster Linie auf den Einsatz von Insektiziden zurückgegriffen. Das birgt jedoch viele Nachteile. Zum einen entwickelten die Schädlinge mit der Zeit Resistenzen, daraufhin griff man auf giftigere Substanzen zurück, die jedoch auch für Mitarbeitende schädlich waren. Ein weiteres Problem war zudem, dass sie auch den Sammlungsgegenständen Schaden zufügen konnten. Die Fachleute machten sich daher auf die Suche nach alternativen Möglichkeiten und entwickelten neue sichere und saubere Strategien, um Sammlungen von Schädlingsbefall zu schützen. Sie entwickelten das IPM mit fünf zu ergreifenden Maßnahmen: vermeiden, blockieren, erkennen, einschränken und behandeln. Das Behandeln stellt dabei den letzten zu ergreifenden Schritt dar, bei dem zudem auf Methoden zurückgegriffen werden sollte, die Menschen, Umwelt und Material schonen. Es sind daher in erster Linie nicht-toxische Bekämpfungsmethoden gefragt, denn toxische Methoden sollen nur als letztes Mittel in Betracht gezogen werden.


Feindliche Umgebung

Im Idealfall ist eine Behandlung, die zum Absterben der Schädlinge führt, jedoch nicht notwendig, weil bereits im Vorfeld Maßnahmen ergriffen wurden, die einen Befall verhindern. Präventive Maßnahmen und deren Kontrolle sollen im Sinne des IPM den Schwerpunkt bilden. Den ersten Schritt stellt das Vermeiden dar, dazu zählt, dass der Aufenthalt für Insekten in den Museumsräumen so unattraktiv wie möglich gemacht wird. Die erste Stellschraube ist dabei das Raumklima, so sollte die Luftfeuchtigkeit unter 65 Prozent liegen und die Temperatur unter 18 Grad. Des Weiteren muss für eine ausreichende Belüftung gesorgt werden, um das Entstehen eines Mikroklimas zu vermeiden. Auch bei der Einrichtung der Räume gibt es ein paar Punkte zu beachten, so wird beispielsweise empfohlen Regale, Vitrinen, Schränke und weitere Möbel rechtwinklig zu Außenwänden zu positionieren. Zudem sollten zwischen Boden und den unteren Regalbrettern möglichst 15 Zentimeter Abstand sein, denn dies bietet eine natürliche Barriere. Den nächsten Schritt stellt das Blockieren dar, die Insekten sollen nach Möglichkeit daran gehindert werden, in das Gebäude einzudringen. Möglichkeiten dafür gibt es viele, so sind Schäden am Gebäude ein Einfallstor aber auch Eingänge für Besuchende und Mitarbeitende bieten Möglichkeiten des Eindringens. Zudem sollten Besuchende ihre Jacken und Taschen nach Möglichkeit nicht mit in die Ausstellungsräume nehmen dürfen, denn auch so können Schädlinge ungewollt eingeschleppt werden. Weitere Gefahren stellen Packmaterialien und ankommende Objekte dar. Regelmäßige Inspektionen der Sammlungs- und Depoträume auf die Anzeichen eines Schädlingsbefalls, dienen dem dritten Schritt des IPM, dem Erkennen. Hierbei können eine Vielzahl an Maßnahmen ergriffen werden.


Unter Quarantäne

Neben Museen haben auch Archive mit Schädlingsbefall zu kämpfen. Dort kommt ebenfalls das IPM zum Einsatz, wie uns die Firma APC mitteilt. In Falle des Landesarchivs in Duisburg wurde man beauftragt, bei der Prävention tätig zu werden. Archive sind aufgrund ihres Sammlungsgebiets in besonderem Maße von Papierfischchen betroffen. Auf diesen Bereich konzentrierten sich dann auch die Maßnahmen des Unternehmens. Zunächst richtet man eine Quarantänezone, die von anderen Bereichen abgegrenzt ist, ein. Dort lagern die neu ankommenden Archivalien zunächst und die Firma friert sie zusätzlich ein. Dabei muss darauf geachtet werden, dass sie keinem Frost ausgesetzt sind, denn dieser könnte die Archivalien beschädigen. Ein ähnliches Vorgehen wenden auch die Restauratorinnen im Museum Fünf Kontinente an. Neu hinzukommende Sammlungsstücke werden grundsätzlich in Quarantäne geschickt, unabhängig davon, aus welchen Haushalten oder Sammlungen sie stammen, wie Restauratorin Carolin Binninger betont. Es sei, nicht auszuschließen, dass Schadinsekten wie Kleidermotten oder auch Silberfischchen zu finden seien, man hat darauf als Sammlerin oder Sammler nur bedingt Einfluss. Die neuen Objekte für die Sammlung werden nach Möglichkeit ebenfalls eingefroren und zusätzlich setzen Binninger und Bekesi auf eine anoxische Behandlung, die sie prophylaktisch durchführen.
Das eigentliche Monitoring beginnt erst nach der Quarantäne. Im Falle des Landesarchivs setzt man im Monitoring über Klebeböden mit einer Proteinquelle als Lockstoff für die Schadinsekten, so die Firma APC. Beim Ausbringen der Fallen wählt man in erster Linien Stellen, die sich nahe an den Verstecken der Schädlinge befinden. In einem festgelegten Intervall kontrollieren die Fachleute des Unternehmens die Fallen. Das Vorgehen der Restauratorinnen im Museum Fünf Kontinente ist dabei ähnlich. Auch hier kommen Klebefallen zum Einsatz, zusätzlich verwenden sie auch noch UV-Fallen, die sie regelmäßig kontrollieren.

Oldtimer können auch durch Schädlinge befallen sein. Dieser Maybach wird von Mitarbeitern der Firma Rentokil auf eine Begasung mit Stickstoff vorbereitet. @ Rentokil

Biozid-freie Schädlingsbekämpfung

Sollte es doch trotz aller Vorsichtsmaßnahmen zu einem Befall kommen, empfehlen die Autoren des Leitfadens, das Einschränken. Die betroffenen Objekte sind zu identifizieren und zu isolieren. Zudem muss die Quelle gefunden und entfernt werden. Wenn diese Maßnahmen keinen Erfolg zeigen, ist der letzte Schritt das Behandeln. Dazu gibt es zwei Methoden: die physikalische, nicht-toxische und die toxische, chemische Behandlung. Dabei ist zu beachten, dass letztere aufgrund von enthaltenen Lösungsmitteln und Zusatzstoffen mit den Materialien reagieren und so Schäden verursachen können. Somit sind die physikalischen, nicht-toxischen Methoden zu bevorzugen. Zwei bewährte Methoden sind dabei die Wärmebehandlung und die Stickstoffbegasung, wie wir von der auf Schädlingsbekämpfung spezialisierten Firma Rentokil erfahren konnten.


Heiße Angelegenheit

Bei der Wärmebehandlung werden die Schädlinge hohen Temperaturen ausgesetzt, die die Proteine und Enzyme in ihrem Körper denaturieren und zum Absterben der Insekten führen. Für die Prozedur werden die Kunstgegenstände oder Artefakte in einen speziell für die Wärmebehandlung ausgelegten Raum gebracht. Dort wird die Temperatur stetig langsam und kontrolliert auf 50 bis 60 Grad erhöht. Die Temperatur sei dabei so gewählt, dass sie zur Abtötung der Schädlinge führe aber für die Objekte unschädlich sei. Um das Absterben aller Schädlinge zu garantieren, werden die Kunstgegenstände über einen längeren Zeitraum in der Wärmekammer behandelt. Die Dauer richte sich dabei nach der Art der Schädlinge, der Dicke der Materialien und weiteren Faktoren. Nach Ende des Prozesses werde die Temperatur langsam wieder auf den Normalwert herabgesenkt, um eine Beschädigung der Objekte zu vermeiden. Die dauerhafte Kontrolle der Temperatur und der Feuchtigkeit während der gesamten Behandlung erfolge dabei äußerst sorgfältig um die Kunstwerke keinen unnötigen Belastungen auszusetzten. Der besondere Vorteil dieser Methode sei, dass sie keine toxischen Rückstände zurücklässt und sich auf vielen Materialien wie Holz, Textilien, Papier und organischen Substanzen anwenden lässt, so ein Experte des Unternehmens.


Einfache Lösung

Restauratorin Carolin Binninger vom Museum Fünf Kontinente in München erzählt uns, dass die Wärmebehandlung für die Objekte in den Sammlungen des Museums nicht zum Einsatz kommt. Sie gibt zu bedenken, dass die Wärmebehandlung für viele Materialien durchaus eine Belastung darstellen kann. Von ihr erfahren wir, dass das Zuführen von hohen Temperaturen auch bei strengen Kontrollen einen hohen Energieeintrag bedeute. Das sei insbesondere bei Objekten, die aus unterschiedlichen Materialien bestünden, zu beachten. Das liegt vor allem daran, dass jedes Material anderes auf Wärme reagiert. Zudem sei zu beachten, dass eingeschleppte Insekten eventuell eine höhere Wärmetoleranz hätten und, dass in dem ein oder anderen Fall nicht immer gewährleistet sei, dass alle Schädlinge in Spalten und Rissen erreicht werden könnten. Sie resümiert: „In einem musealen Kontext könnte ich mir eher kein Material vorstellen, welches völlig bedenkenlos einer Wärmebehandlung zugeführt werden könnte – eventuell bestimmte Textilien. Aber gerade mit den vorhandenen Alternativen zur Schädlingsbekämpfung wäre ich auch bei dieser Objektgruppe zurückhaltend.“ Auf Nachfrage teilte Rentokil mit, dass man die Wärmebehandlung nur nach sorgfältiger Risikoanalyse durchführe. Eine andere ebenfalls bewährte Methode ist die Stickstoffbegasung, auch Anoxie genannt. Dafür wird ein Raum zunächst sorgfältig abgedichtet, um zu verhindern, dass Sauerstoff von außen eindringen kann. Dann wird Stickstoff mittels Stickstoffflaschen oder Stickstoffgeneratoren in den Raum eingeleitet. Der Stickstoff verdrängt den Sauerstoff und reduziert ihn auf ein Minimum somit wird dafür gesorgt, dass die Schädlinge ersticken. Durch den Verbleib der Kunstobjekte über einen längeren Zeitraum wird garantiert, dass alle Insekten absterben. Nach Abschluss der Stickstoffbehandlung wird der Raum belüftet, um den Sauerstoffgehalt langsam auf Normalwert zu bringen. Auch bei der Stickstoffbehandlung ist der Erhalt der Kunstwerke gewährleistet und auch eine Belastung durch Toxine, die in Bioziden befinden, ist nicht gegeben. Eine Schädlingsbehandlung mit Stickstoff lässt sich bei Gemälden, Skulpturen, Textilien, Holz und vielem mehr anwenden und ist so für unterschiedlichste Museen und Sammlungen geeignet. Es handelt sich dabei um eine Methode, die von vielen renommierten Museen angewendet wird, wie uns ein Fachmann der Firma Rentokil berichtet.

Übrigens: Die Staatliche Graphische Sammlung München präsentiert ab dem 3. Juli 2025 eine außergewöhnliche Ausstellung über Naturbilder in der Kunst – von Ukiyo-e bis zur zeitgenössischen Installation.

Vorheriger Artikel

Nächster Artikel

das könnte Ihnen auch gefallen

Scroll to Top