Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) hat das Gemälde „Eleonore von Wilke“ von Lovis Corinth aus der Sammlung Littmann an die Erben von Ismar und Käthe Littmann restituiert. Anschließend schenkten die Erben das Werk der Alten Nationalgalerie, wo es im Anschluss an die Corinth-Ausstellung weiterhin zu sehen sein wird. Die Übergabe markiert einen bedeutenden Schritt in der Provenienzforschung und der Bewahrung von Kunstwerken, die während der NS-Zeit durch Zwangsverkäufe und Verfolgung in fremde Hände gelangten.
Ismar Littmann (1878–1934) war ein angesehener deutscher Rechtsanwalt und Notar in Breslau. In den 1920er-Jahren begann Littmann, eine umfangreiche Kunstsammlung aufzubauen, die Werke zeitgenössischer Künstler wie Lovis Corinth, Max Pechstein, Erich Heckel, Otto Mueller und Max Liebermann umfasste. Die Erwerbung der Kunstwerke finanzierte er hauptsächlich über Kredite, wobei er regelmäßig Kunstwerke als Sicherheiten für Banken einsetzte. Nach erfolgreicher Tilgung erhielt er die Gemälde zurück und konnte sie frei nutzen. Bis 1933 – trotz der Weltwirtschaftskrise – war Littmann in der Lage, seine Kredite ordnungsgemäß zu bedienen.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verschlechterten sich Ismar Littmanns berufliche, finanzielle und persönliche Lebensumstände rapide. Bereits im April 1933 musste er die Wiederaufnahme in die Rechtsanwaltskammer beantragen, da seine Kanzleigeschäfte vorübergehend ruhen mussten. Zwar erhielt er am 1. Juni 1933 eine eingeschränkte Zulassung, an frühere Geschäftserfolge konnte er jedoch nicht mehr anknüpfen. Ende 1933 unternahm Littmann einen Selbstmordversuch, der zwar überlebt wurde, dessen Folgen jedoch zu seinem Tod am 23. September 1934 führten. Nach seinem Tod geriet seine Familie in finanzielle Not. Seine Witwe Käthe Littmann und sein Sohn Hans waren gezwungen, große Teile der Sammlung Littmann zu veräußern, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Die Werke, die als Kreditsicherheiten verwendet worden waren, wurden infolge der wirtschaftlichen Notlage verkauft.
Das Gemälde „Eleonore von Wilke“ und seine Provenienz
Das 1907 entstandene Porträt „Eleonore von Wilke“ zeigt die Gattin des Juristen und Kunstschriftstellers Dr. Adolf von Wilke, einem langjährigen Freund von Lovis Corinth. In älteren Werksverzeichnissen und Literatur wird das Bild unter dem Titel „Gräfin Finkh“ geführt. Das Gemälde gehörte spätestens seit 1930 zur Sammlung Littmann, wie ein Verzeichnis aus diesem Jahr belegt. Es ist nachweisbar, dass es unmittelbar von Adolf von Wilke in die Sammlung gelangte. Zwischen 1930 und 1937 konnte der Weg des Werkes detailliert nachgezeichnet werden: Es diente mindestens bis 1935 als Kreditsicherheit bei der Bank E. Heimann in Breslau und blieb in zwei Auktionen 1935 unverkauft. Sicher dokumentiert ist, dass das Schlesische Museum der Bildenden Künste das Bild im Mai 1937 für 1.300 Reichsmark erwarb. Seit 1965 verwahrte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz das Werk treuhänderisch, nachdem es dem Land Berlin aus privater Hand angeboten worden war. Erst nach intensiver Provenienzforschung konnte geklärt werden, dass das Bild zu den verfolgungsbedingten Verlusten der Sammlung Littmann zählt und daher an die Erben restituiert werden sollte.
Bedeutung der Restitution
Marion Ackermann, Präsidentin der SPK, betonte die langwierige, aber lohnende Arbeit der Provenienzforschung: „An diesem Fall zeigt sich, dass sich Lücken in der Provenienz auch nach Jahren noch schließen lassen. Jeder abgeschlossene Fall bedeutet für die Nachkommen eine spürbare Erleichterung. Den Erben nach Ismar und Käthe Littmann bin ich außerordentlich dankbar für ihre großzügige Geste: Sie haben das restituierte Werk der Alten Nationalgalerie geschenkt.“
Anette Hüsch, Direktorin der Alten Nationalgalerie, unterstrich die Bedeutung der Schenkung: „Für die Schenkung des Gemäldes ‚Eleonore von Wilke‘ an die Alte Nationalgalerie danken wir den Erben sehr. Provenienzforschung ist für uns ein zentrales Anliegen, das wir in Publikationen, Ausstellungen und Audioguide-Spuren sichtbar machen. Die Schenkung nach der Restitution ist von besonderer Bedeutung und wird im Museum entsprechend lebendig präsentiert.“
