25.09.2025

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Restitution in Berlin: Rückkehr eines verschollenen Gemäldes

An die Alte Nationalgalerie restituiert: Friedrich Nerlys "SS. Giovanni e Paolo in Venice". © La Chambre/De Kamer
An die Alte Nationalgalerie restituiert: Friedrich Nerlys "SS. Giovanni e Paolo in Venice". © La Chambre/De Kamer

Am 23. September 2025 hat das belgische Abgeordnetenhaus ein bedeutendes Gemälde von Friedrich Nerly an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) zurückgegeben. Die feierliche Übergabe markiert einen wichtigen Moment in der fortlaufenden Geschichte von Kriegsverlusten und ihrer Rückführung. Das Werk, das als Verlust infolge des Zweiten Weltkrieges galt, war jahrzehntelang verschollen und kehrt nun nach Berlin zurück. Damit wird ein weiteres Kapitel in der Debatte um Restitution in Berlin aufgeschlagen.

Bei dem Gemälde handelt es sich um „SS. Giovanni e Paolo in Venedig“, eines der Hauptwerke des deutschen Malers Friedrich Nerly (1807–1878). Es zeigt eine eindrucksvolle Ansicht der venezianischen Basilika Santi Giovanni e Paolo. Ursprünglich gehörte das Bild zur Sammlung der Alten Nationalgalerie in Berlin. Im Jahr 1936 war es an die deutsche Botschaft in Brüssel ausgeliehen worden. Nach dem Krieg verlor sich seine Spur – bis es nun nach intensiver Provenienzforschung identifiziert werden konnte. Die entscheidende Entdeckung machte Sophie Wittemans, Kuratorin im „Palast der Nation“, dem Sitz des belgischen Abgeordnetenhauses. Sie fand nicht nur eine gut verborgene Signatur auf einer Gondel, sondern konnte durch Einträge im Online-Register Lostart die Verbindung zur SPK bestätigen. So wurde der Weg frei für die Restitution in Berlin.


Übergabe in Brüssel

Die Rückgabe erfolgte am 23. September 2025 im belgischen Abgeordnetenhaus. Kammerpräsident Peter De Roover übergab das Werk persönlich an Gero Dimter, Vizepräsident der SPK, in Anwesenheit des deutschen Botschafters und Anette Hüsch, Direktorin der Alten Nationalgalerie. „Es ist immer ein besonderer Moment, wenn ein lange verschollen geglaubtes Werk zurückkehrt“, erklärte Dimter. „Wir freuen uns außerordentlich, dass die sorgfältige Provenienzforschung des belgischen Abgeordnetenhauses und die Entscheidung des Kammerpräsidenten dazu geführt haben, dass wir nun eines dieser vermissten Werke wieder in unsere Sammlung aufnehmen können.“ Auch De Roover würdigte das Gemälde, das viele Jahre Teil des Alltags im Abgeordnetenhaus war: „Manchmal hastig, manchmal langsamer, oder kurz innehaltend, um den wunderschönen Blick auf Venedig zu bewundern. Ich finde es ein wenig schade, dass dieses wunderschöne Gemälde das Abgeordnetenhaus verlässt, aber es ist dennoch eine Ehre und eine Freude, es wieder nach Hause zurückkehren zu sehen.“ Für die Alte Nationalgalerie ist die Rückgabe von großer Bedeutung. Direktorin Hüsch sprach von einer „überaus großzügigen Geste des belgischen Parlamentes, getragen vom Geist der Freundschaft“. Mit Blick auf das bevorstehende 150-jährige Jubiläum der Galerie 2026 bezeichnete sie das Gemälde als „vorgezogenes Geburtstagsgeschenk“.

Detailaufnahme des Gemäldes „SS. Giovanni e Paolo in Venedig“ von Friedrich Nerly mit der gut verborgenen Signatur des Künstlers auf einer Gondel. Foto: © La Chambre/De Kamer

Der Künstler Friedrich Nerly

Friedrich Nerly wurde 1807 in Erfurt geboren und prägte das Bild Venedigs im 19. Jahrhundert wie kaum ein anderer Maler. Früh gefördert, führte ihn sein Weg über Hamburg, Lübeck und München schließlich nach Italien. Dort ließ er sich in Venedig nieder und spezialisierte sich auf Ansichten der Lagunenstadt. Seine Werke zeichnen sich durch detailgetreue Darstellungen, atmosphärisches Licht und eine Mischung aus Alltagsszenen und monumentaler Architektur aus. Nerly war einer der ersten Künstler, der neben den bekannten Plätzen auch weniger bekannte Winkel, den Lido und die Lagune künstlerisch erschloss. Das nun restitutierte Gemälde „SS. Giovanni e Paolo in Venedig“ entstand 1849 und wurde bereits ein Jahr später auf der Berliner Akademieausstellung gezeigt. Friedrich Wilhelm IV. hatte das Bild für seine Sammlung erworben, bevor es 1876 zur Eröffnung der Nationalgalerie auf der Museumsinsel überging.


Ein Meisterwerk kehrt zurück

Das großformatige Werk stellt die Kirche SS. Giovanni e Paolo ins Zentrum. Diese gotische Basilika diente als Grablege der Dogen. Links ist die Scuola di San Marco mit ihrer prachtvollen Fassade zu sehen, rechts erhebt sich das bronzene Reiterstandbild von Bartolommeo Colleoni. Auf dem Platz herrscht reges Treiben, während Gondeln und Boote den Kanal beleben. Nerly verband meisterhaft Licht, Architektur und Alltagsleben – ein Grund, warum dieses Werk zu seinen wichtigsten zählt. Die Rückkehr nach Berlin bedeutet, dass Besucherinnen und Besucher das Gemälde bald wieder in der Alten Nationalgalerie sehen können. Dort reiht es sich in die Sammlung bedeutender deutscher und internationaler Malerei des 19. Jahrhunderts ein.


Bedeutung für die Restitution in Berlin

Die Rückgabe des Nerly-Gemäldes steht exemplarisch für die Herausforderungen und Chancen, die mit Restitution in Berlin verbunden sind. Die SPK ist seit Jahren sowohl mit der Rückgabe von Werken an rechtmäßige Eigentümer als auch mit dem Bemühen konfrontiert, Kriegsverluste wieder in die Sammlungen zu integrieren. „Die SPK hat nicht nur etliche Werke restituiert, sondern auch schmerzliche Kriegsverluste zu verzeichnen“, so Dimter. „Gerade deshalb ist jede Rückkehr ein besonderer Moment.“
Auch für die internationale Zusammenarbeit ist dieser Fall von Bedeutung. Ohne die sorgfältige Recherchearbeit in Belgien und die transparente Kommunikation mit den deutschen Institutionen wäre die Restitution in Berlin nicht möglich gewesen. Damit wird einmal mehr sichtbar, wie wichtig länderübergreifende Kooperation in Fragen von Kulturgutverlusten ist.


Ausblick

Die Restitution in Berlin sorgt dafür, dass ein weiteres Kapitel in der Sammlungsgeschichte der Alten Nationalgalerie ergänzt wird. Besucherinnen und Besucher können sich darauf freuen, das Werk von Friedrich Nerly im Jubiläumsjahr 2026 wieder am historischen Ort zu erleben. Gleichzeitig macht dieser Fall deutlich, dass Provenienzforschung keine Randaufgabe ist, sondern ein zentrales Feld im Museumswesen darstellt. Die Rückgabe des Gemäldes zeigt, dass verschollene Werke auch Jahrzehnte nach dem Krieg noch identifiziert und zurückgeführt werden können. Damit steht fest: Restitution in Berlin bleibt ein lebendiges Thema – nicht nur im Kontext der Aufarbeitung von NS-Raubkunst, sondern auch im Umgang mit Kriegsverlusten und internationalen Kulturgutfragen.

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