28.08.2025

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Landesförderung für Restaurierung jüdischer Grabsteine in Mainz

Das Land Rheinland-Pfalz fördert die Restaurierung der Grabsteine des Alten Jüdischen Friedhofs in Mainz. Foto: Ralf.Mauer - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, via: Wikimedia Commons
Das Land Rheinland-Pfalz fördert die Restaurierung der Grabsteine des Alten Jüdischen Friedhofs in Mainz. Foto: Ralf.Mauer - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, via: Wikimedia Commons

Das Land Rheinland-Pfalz fördert mit 96.000 Euro die Restaurierung von bis zu 71 Grabsteinen auf dem Alten Jüdischen Friedhof „Judensand“ in Mainz. Damit wird ein bedeutendes Zeugnis jüdischer Kultur und Geschichte in Mitteleuropa vor dem Verfall bewahrt. Das Projekt ist zugleich ein Beitrag zur Pflege und Sichtbarmachung des UNESCO-Welterbes der SchUM-Stätten Speyer, Worms und Mainz.

Das Land Rheinland-Pfalz unterstützt die Stadt Mainz bei der denkmalgerechten Restaurierung jüdischer Grabsteine auf dem Alten Jüdischen Friedhof „Judensand“. Im August 2025 überreichte Innenminister Michael Ebling einen Förderbescheid in Höhe von 96.000 €. Ziel ist es, bis zu 71 stark beschädigte Grabsteine zu sichern und zu bewahren. Das Vorhaben ist eingebettet in die umfassenden Bemühungen zur Erhaltung der SchUM-Stätten Speyer, Worms und Mainz, die seit 2021 Teil des UNESCO-Welterbes sind.


Der Alte Jüdische Friedhof „Judensand“ in Mainz

Der Alte Jüdische Friedhof, im Volksmund „Judensand“ genannt, gilt als einer der ältesten und bedeutendsten jüdischen Friedhöfe in Europa. Seine Anfänge reichen bis in das 11. Jahrhundert zurück. Auf einer Fläche von mehreren Hektar sind dort bis heute etwa 1.800 Grabsteine erhalten, von denen viele mittelalterlichen Ursprungs sind. Die ältesten Steine datieren auf die Jahre 1049 und 1058. Das Ensemble dokumentiert in eindrucksvoller Weise die religiöse, kulturelle und soziale Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Mainz. Inschriften auf Hebräisch und teilweise in deutscher Sprache geben Aufschluss über religiöse Gelehrte, Rabbiner und Gemeindemitglieder, deren Leben eng mit der Entwicklung der aschkenasischen Judentum verbunden ist.


Restaurierungsbedarf und Gefährdungslage

Wie viele historische Steindenkmäler sind die Grabsteine über Jahrhunderte hinweg Witterungseinflüssen ausgesetzt gewesen. Frost, Regen, Umweltschadstoffe und biologische Faktoren haben zu Rissen, Abplatzungen und Verlusten an der Steinoberfläche geführt. Besonders gefährdet sind die hebräischen Inschriften, die durch Erosion kaum noch lesbar sind. Die Restaurierung soll die Substanz der Grabmale sichern, weitere Schäden verhindern und eine langfristige Bewahrung ermöglichen. Neben konservatorischen Maßnahmen werden auch Dokumentationen der Inschriften und eine digitale Erfassung durchgeführt. Dies dient nicht nur der Forschung, sondern auch der Vermittlung an eine breitere Öffentlichkeit.


Finanzierungsrahmen und Förderstruktur

Die Gesamtkosten der geplanten Restaurierungsarbeiten belaufen sich auf etwa 207.000 €. Die Stadt Mainz erhält dabei neben der Landesförderung zusätzliche Unterstützung durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz. Rheinland-Pfalz fördert Restaurierungsprojekte nach einem festen Schlüssel: Private Eigentümerinnen können bis zu 50 % der Kosten erstattet bekommen, Kommunen und Kirchen bis zu einem Drittel. Die Stadt Mainz hat ein mehrjähriges Restaurierungsprogramm angekündigt. Dabei sollen sukzessive weitere Grabmale untersucht, gesichert und gegebenenfalls restauriert werden. Die Durchführung erfolgt in enger Abstimmung mit den zuständigen Denkmalbehörden und unter Einhaltung jüdischer Religionsgesetze (Halacha), die den Umgang mit Grabstätten detailliert regeln.


Bedeutung für Erinnerungskultur und Gesellschaft

Die Restaurierung der Grabsteine hat über den reinen Substanzerhalt hinaus eine hohe kulturelle und gesellschaftliche Relevanz. Jüdische Friedhöfe gelten in der Erinnerungskultur als „Steine, die sprechen“: Sie bezeugen das Leben, Wirken und die intellektuellen Traditionen der jüdischen Gemeinden im mittelalterlichen Aschkenas. Innenminister Michael Ebling betonte anlässlich der Fördermittelübergabe, dass der Erhalt des Friedhofs ein „sichtbares Zeichen der Verantwortung für die Geschichte und Zukunft“ darstelle. Auch der Mainzer Oberbürgermeister Nino Haase unterstrich die Bedeutung des Projekts, das nicht nur zur Bewahrung beitrage, sondern auch künftigen Generationen den Zugang zu diesem kulturellen Erbe ermöglichen solle. Geplant ist in diesem Zusammenhang auch die Errichtung eines Besucherzentrums, das die historischen Kontexte und die Bedeutung der SchUM-Stätten umfassender erschließen soll.


Wissenschaftliche Einordnung

Aus wissenschaftlicher Perspektive kommt den Mainzer Grabsteinen eine besondere Bedeutung zu:

  • Epigraphik und Sprachwissenschaft: Die Inschriften liefern wertvolle Informationen zur Entwicklung der hebräischen Sprache und Schrift im mittelalterlichen Europa.
  • Religions- und Geistesgeschichte: Viele Grabsteine verweisen auf Rabbiner und Gelehrte, deren Wirken für das aschkenasische Judentum zentral war.
  • Sozialgeschichte: Angaben zu Berufen, Familienstrukturen und Namen ermöglichen Einblicke in das Alltagsleben der jüdischen Gemeinden.
  • Kunst- und Kulturgeschichte: Die Formen, Symbole und Ornamentik spiegeln Einflüsse sowohl jüdischer als auch christlicher Kunsttraditionen wider.

Die Restaurierung ist somit nicht allein eine Maßnahme der Denkmalpflege, sondern auch ein Beitrag zur interdisziplinären Forschung.

 


UNESCO-Welterbe SchUM-Stätten Speyer, Worms und Mainz

Die Restaurierung ist eingebettet in den größeren Kontext der Erhaltung der SchUM-Stätten, die 2021 von der UNESCO als Welterbe anerkannt wurden.

  • Speyer: Der Judenhof mit Mikwe (rituelles Tauchbad), Synagogenresten und Museum dokumentiert die religiöse Infrastruktur der jüdischen Gemeinde.
  • Worms: Die Synagoge, die Frauenschul, die Mikwe sowie der mittelalterliche Friedhof „Heiliger Sand“ machen Worms zu einem zentralen Ort jüdischer Erinnerungskultur.
  • Mainz: Mit dem Alten Jüdischen Friedhof „Judensand“ ist Mainz ein Schlüsselort der jüdischen Bestattungskultur und Erinnerung.

Die UNESCO begründete die Aufnahme damit, dass die SchUM-Stätten „ein einzigartiges Zeugnis der Entstehung der aschkenasischen Kultur im mittelalterlichen Europa“ darstellen. Sie gelten als Ursprung zahlreicher religiöser und rechtlicher Traditionen, die die jüdische Welt bis in die Gegenwart prägen.
Die Restaurierung jüdischer Grabsteine auf dem Alten Jüdischen Friedhof in Mainz ist eine Maßnahme von weitreichender Bedeutung. Sie dient dem Schutz eines einzigartigen materiellen Erbes, das sowohl religiöse als auch kulturelle und wissenschaftliche Dimensionen umfasst. Zugleich trägt sie zur Stärkung der Erinnerungskultur in Rheinland-Pfalz bei und verbindet lokale Maßnahmen mit einem internationalen Kontext durch die Einbindung in das UNESCO-Welterbe der SchUM-Stätten.

 

Weiterlesen: In Bayern fördert das „Netzwerk jüdisches Leben“ u. a. die Erhaltung und Erforschung jüdischer Friedhöfe.

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