Die Figur der Persephone/Proserpina hat weit über die Antike hinaus eine bemerkenswerte Rezeptionsgeschichte erfahren. In der Literatur, etwa bei Ovid in den Metamorphosen, wird der Mythos poetisch ausgestaltet und emotional vertieft; die doppelte Rolle zwischen Opfer und Herrscherin eröffnet vielfältige Interpretationsspielräume. Im 19. Jahrhundert greifen Künstler der Präraffaeliten den Stoff erneut auf. Dante Gabriel Rossettis Gemälde „Proserpina“ stellt Persephone/Proserpina als melancholische, introvertierte Gestalt dar und verbindet das antike Thema mit zeitgenössischen Vorstellungen von Weiblichkeit, Innerlichkeit und psychologischer Komplexität. Auch in der modernen Kulturwissenschaft wird Persephone als Symbolfigur analysiert – etwa für Übergänge, Schwellenzustände und duale Identitäten. Ihre Geschichte wird häufig im Kontext von Gender Studies oder psychoanalytischen Deutungen gelesen, etwa als Narrativ des Erwachsenwerdens oder als Metapher für Verlust und Wiederkehr. Darüber hinaus bleibt der Mythos in der Gegenwartskunst präsent. Installationen, Fotografien und Performances greifen die Motive von Unterwelt, Transformation und zyklischer Zeit auf und übersetzen sie in zeitgenössische Ausdrucksformen. Die anhaltende Relevanz zeigt, dass Persephone/Proserpina nicht nur ein Relikt antiker Religion ist, sondern eine lebendige kulturelle Chiffre, die immer wieder neu interpretiert werden kann.
Die Figur der Persephone, in der römischen Welt Proserpina, vereint zentrale Themen menschlicher Existenz: Leben und Tod, Verlust und Wiederkehr, Licht und Dunkelheit. Ihre mythologische Erzählung prägte nicht nur religiöse Praktiken und Kultlandschaften wie Eleusis, sondern inspirierte eine reiche Bildtradition von antiken Reliefs und Vasen über barocke Skulpturen bis hin zu präraffaelitischen und zeitgenössischen Kunstwerken. So bleibt Persephone/Proserpina eine Projektionsfläche für existenzielle Fragen und kulturelle Deutungen – eine Mittlerin zwischen den Welten, deren Symbolkraft bis in die Gegenwart fortwirkt.