18.03.2026

Kunststück

Persephone – Göttin der Fruchtbarkeit und der Unterwelt

Eine der bekanntesten Darstellungen der Persephone/Proserpina stammte Dante Gabriel Rosetti. Foto: Gemeinfrei, via: Wikimedia Commons
Eine der bekanntesten Darstellungen der Persephone/Proserpina stammte Dante Gabriel Rosetti. Foto: Gemeinfrei, via: Wikimedia Commons

Persephone nimmt eine besondere Stellung innerhalb der griechischen Mythologie ein.  Als Tochter der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter und zugleich Königin der Unterwelt vereint sie scheinbare Gegensätze in einer komplexen Symbolfigur. In der römischen Welt erscheint sie unter dem Namen Proserpina an der Seite Plutos. Ihre mythologische Erzählung prägte nicht nur religiöse Vorstellungen, sondern auch Kunst und Kultur über Jahrtausende hinweg.

 

In der antiken Welt war Mythologie weit mehr als bloße Erzählung: Sie strukturierte das Denken über Natur, Leben und Tod. Die Figur der Persephone nimmt darin eine besondere Stellung ein, da sie zyklische Prozesse verkörpert, die für agrarisch geprägte Gesellschaften von zentraler Bedeutung waren. Ihre Geschichte ist untrennbar mit dem Wechsel der Jahreszeiten verbunden – mit Fruchtbarkeit und Entzug, mit Präsenz und Abwesenheit. Schon in der Antike wurde der Mythos nicht nur religiös verehrt, sondern auch künstlerisch in vielfältiger Form dargestellt und interpretiert.


Mythos und religiöse Bedeutung

Im Zentrum der Überlieferung steht die Entführung Persephones durch Hades, den Herrscher der Unterwelt. Während sie Blumen pflückt, wird sie von ihm in die Unterwelt verschleppt, was ihre Mutter Demeter in tiefe Trauer stürzt. Aus Schmerz über den Verlust lässt Demeter die Erde unfruchtbar werden, bis schließlich ein Ausgleich gefunden wird: Persephone verbringt einen Teil des Jahres im Reich der Toten und den anderen auf der Erde. Dieser zyklische Aufenthalt erklärt symbolisch den Wechsel der Jahreszeiten. Wenn Persephone in die Unterwelt zurückkehrt, beginnt der Winter; kehrt sie auf die Erde zurück, erblüht die Natur erneut. Der Mythos bildete die Grundlage für die Eleusinischen Mysterien, eines der bedeutendsten religiösen Rituale der griechischen Antike, in denen Demeter und Kore (Persephone) im Zentrum standen und den Eingeweihten Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod gegeben wurde. Das Heiligtum von Eleusis entwickelte sich zu einem zentralen Ort spiritueller Initiation.
In der römischen Religion erscheint Persephone als Proserpina, Gattin des Unterweltsgottes Pluto. Auch hier bleibt die Verbindung von Unterwelt und Vegetationszyklen bedeutsam, und Proserpina wird in Unteritalien und Sizilien in enger Verbindung mit Fruchtbarkeitsvorstellungen verehrt.

Den Raub der Proserpina thematisiert Bernini in seiner Skulpturengruppe. Foto: Alvesgaspar - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, via: Wikimedia Commons
Den Raub der Proserpina thematisiert Bernini in seiner Skulpturengruppe. Foto: Alvesgaspar - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, via: Wikimedia Commons

Kult und wichtige Heiligtümer

Die Eleusinischen Mysterien bildeten den wichtigsten Kultkomplex um Demeter und Persephone/Kore. In mehrstufigen Weihehandlungen sollten die Teilnehmer in geheime Riten eingeführt werden, deren Ziel die Überwindung der Todesfurcht und die Hoffnung auf eine gesegnete Existenz im Jenseits war.

Wichtige Kultstätten der Persephone sind:

  • Eleusis: Hauptheiligtum der Demeter und Kore, Zentrum der Mysterien und einer der bedeutendsten sakralen Orte Griechenlands.
  • Athen: Heiligtümer der Demeter und Kore, etwa im Bereich des Kerameikos und auf der Akropolis, wo Festzüge und Kulthandlungen ihren Ausgang nahmen.
  • Unteritalien und Sizilien: Regionale Heiligtümer, in denen Proserpina mit Fruchtbarkeit, Unterwelt und lokaler Identität verknüpft war (z. B. in der Nähe von Enna, das in der Tradition als Ort ihrer Entführung gilt).

 


Ikonografie und Darstellung in der Kunst

Die künstlerische Darstellung von Persephone ist ebenso vielschichtig wie ihre mythologische Rolle. In der archaischen und klassischen Kunst erscheint sie häufig als junge Frau von ernster Würde, oft in Begleitung von Demeter oder Hades. Besonders eindrucksvoll ist das sogenannte Relief von Eleusis, das Demeter und Persephone gemeinsam zeigt und ihre enge Verbindung im Rahmen des Kultes betont. Auch in der attischen Vasenmalerei ist das Motiv der Entführung weit verbreitet. Rotfigurige Vasen des 5. Jahrhunderts v. Chr. zeigen dramatische Szenen, in denen Hades Persephone auf einem Wagen in die Unterwelt führt. Diese Darstellungen verbinden narrative Spannung mit symbolischer Tiefe und verdeutlichen die emotionale Dimension des Mythos. In der römischen Kunst wird Persephone – nun Proserpina – zunehmend als eigenständige Herrscherin der Unterwelt dargestellt. Aber auch nach der Antike ist die Figur der Persephone/Proserpina ein beliebtes Motiv. Ein prominentes Beispiel bietet Gian Lorenzo Berninis Skulpturengruppe „Raub der Proserpina“ (1621–1622) in der Galleria Borghese in Rom, die den Moment der Entführung mit barocker Dramatik, dynamischer Bewegung und großer physischer Intensität inszeniert. Eine der bekanntesten Darstellung dürfte von Dante Gabriel Rossetti stammen. Sein Gemälde „Proserpina“ (ab 1871, Fassung 1874, Tate Britain, London) ist ganz im Stil der Präraffaeliten gestaltet. Es zeigt Proserpina mit einem Granatapfel als Attribut in melancholischer, entrückter Pose zeigt und dabei symbolisch auf ihre Doppelrolle zwischen Ober- und Unterwelt verweisend.

 


Rezeption und kulturelle Wirkung

Die Figur der Persephone/Proserpina hat weit über die Antike hinaus eine bemerkenswerte Rezeptionsgeschichte erfahren. In der Literatur, etwa bei Ovid in den Metamorphosen, wird der Mythos poetisch ausgestaltet und emotional vertieft; die doppelte Rolle zwischen Opfer und Herrscherin eröffnet vielfältige Interpretationsspielräume. Im 19. Jahrhundert greifen Künstler der Präraffaeliten den Stoff erneut auf. Dante Gabriel Rossettis Gemälde „Proserpina stellt Persephone/Proserpina als melancholische, introvertierte Gestalt dar und verbindet das antike Thema mit zeitgenössischen Vorstellungen von Weiblichkeit, Innerlichkeit und psychologischer Komplexität. Auch in der modernen Kulturwissenschaft wird Persephone als Symbolfigur analysiert – etwa für Übergänge, Schwellenzustände und duale Identitäten. Ihre Geschichte wird häufig im Kontext von Gender Studies oder psychoanalytischen Deutungen gelesen, etwa als Narrativ des Erwachsenwerdens oder als Metapher für Verlust und Wiederkehr. Darüber hinaus bleibt der Mythos in der Gegenwartskunst präsent. Installationen, Fotografien und Performances greifen die Motive von Unterwelt, Transformation und zyklischer Zeit auf und übersetzen sie in zeitgenössische Ausdrucksformen. Die anhaltende Relevanz zeigt, dass Persephone/Proserpina nicht nur ein Relikt antiker Religion ist, sondern eine lebendige kulturelle Chiffre, die immer wieder neu interpretiert werden kann.
Die Figur der Persephone, in der römischen Welt Proserpina, vereint zentrale Themen menschlicher Existenz: Leben und Tod, Verlust und Wiederkehr, Licht und Dunkelheit. Ihre mythologische Erzählung prägte nicht nur religiöse Praktiken und Kultlandschaften wie Eleusis, sondern inspirierte eine reiche Bildtradition von antiken Reliefs und Vasen über barocke Skulpturen bis hin zu präraffaelitischen und zeitgenössischen Kunstwerken. So bleibt Persephone/Proserpina eine Projektionsfläche für existenzielle Fragen und kulturelle Deutungen – eine Mittlerin zwischen den Welten, deren Symbolkraft bis in die Gegenwart fortwirkt.

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