Fünftausend Zeichnungen. Jahrzehntelange Forschungsarbeit. Und ein einziger Klick – der ab sofort genügt, um auf den weltweit ersten digitalen Catalogue Raisonné der Zeichnungen Gustav Klimts zuzugreifen. Die Albertina in Wien hat mit dem Launch ihres Online-Werkverzeichnisses einen Meilenstein in der Kunstwissenschaft gesetzt, der weit über die österreichischen Grenzen hinausstrahlt. Was einst nur in Archiven und schwer zugänglichen Folianten schlummerte, ist nun für Forscher, Sammler und Kunstinteressierte rund um den Globus abrufbar – kostenlos, jederzeit, ortsunabhängig.
Das Online-Werkverzeichnis Klimt ist kein gewöhnliches Digitalisierungsprojekt. Es ist das Ergebnis eines wissenschaftlichen Marathons, der bereits in den 1980er-Jahren begann: Die Kunsthistorikerin Alice Strobl legte damals den Grundstein, indem sie ein vierbändiges Druckwerkverzeichnis im Verlag Galerie Welz veröffentlichte. Marian Bisanz-Prakken führte diese Pionierarbeit, zunächst als enge Mitarbeiterin Strobls ab den 1990er-Jahren fort. Sie war maßgeblich an der chronologischen Einordnung der bis dahin größtenteils undatierten Blätter beteiligt – eine detektivische Leistung, die Hunderte von Einzelwerken erstmals in einen zeitlichen Zusammenhang brachte.
Nun hat ALBERTINA-Chefkuratorin Elisabeth Dutz den Staffelstab übernommen und das Werkverzeichnis in die digitale Gegenwart überführt. Der erste freigeschaltete Teil umfasst rund 1.800 Werke aus Klimts Schaffensjahren bis einschließlich 1903 – eine Periode, in der der Wiener Jugendstilkünstler seinen unverkennbaren Stil entwickelte und verfeinerte. Weitere Werkgruppen sollen in den kommenden Jahren schrittweise folgen. Das Online-Werkverzeichnis Klimt wird dabei laufend um neue Werke und Erkenntnisse erweitert.
Was das digitale Format wirklich verändert
Der entscheidende Unterschied zum gedruckten Katalog liegt nicht allein in der Zugänglichkeit, sondern in der Vernetzung von Wissen. Das Online-Tool der Albertina verknüpft Provenienzen, Ausstellungsgeschichten und Literaturangaben interaktiv miteinander – und macht dadurch Zusammenhänge sichtbar, die im gedruckten Format schlicht nicht darstellbar waren. Wer etwa einer bestimmten Zeichnung folgt, kann nun auf einen Blick sehen, durch welche Hände das Werk gegangen ist, wo es ausgestellt wurde und welche wissenschaftliche Literatur es begleitet. Hinzu kommt ein praktischer Vorteil für die laufende Forschung: Neu identifizierte Zeichnungen oder aktuelle Erkenntnisse lassen sich unmittelbar einpflegen. Das Werkverzeichnis ist kein abgeschlossenes Monument, sondern ein lebendiges Forschungsinstrument.
Drei Künstler, ein digitaler Aufbruch
Klimts Werkverzeichnis ist dabei nur der bekannteste Teil einer umfassenderen digitalen Offensive der Albertina. Parallel wurden zwei weitere Online-Werkverzeichnisse lanciert: eines für die Wiener Künstlerin Florentina Pakosta (geb. 1933) und eines für den österreichischen Maler und Zeichner Max Weiler (1910–2001). Pakotas Werkverzeichnis, wissenschaftlich von Melissa Lumbroso erarbeitet, dokumentiert erstmals digital rund 3.000 Zeichnungen, Druckgrafiken und Gemälde aus mehr als sieben Jahrzehnten künstlerischer Tätigkeit. Die thematische Gliederung erlaubt einen strukturierten Zugang zu einem Werk, das trotz seiner Bedeutung international noch zu wenig bekannt ist. Bei Max Weiler, dessen über 1.600 Gemälde und rund 3.500 Zeichnungen ihn zu einem der wichtigsten österreichischen Künstler des 20. Jahrhunderts machen, war der digitale Ansatz kein Novum: Bereits 2015 hatte die Albertina ein digitales Werkverzeichnis zu seinen Arbeiten auf Papier veröffentlicht. Dieses wird nun technisch modernisiert und auf den neuesten Stand gebracht – Struktur und Inhalte bleiben dabei erhalten.
Die Institution als Knotenpunkt der Forschung
Hinter all dem steht eine bewusste strategische Entscheidung. Die Albertina versteht sich nicht nur als Aufbewahrungsort von Kunst, sondern als aktiven Knotenpunkt eines internationalen Forschungsnetzwerks. Generaldirektor Ralph Gleis betont ausdrücklich, dass Expert:innen eingeladen sind, ihre Erkenntnisse und Fragen in den laufenden Forschungsprozess einzubringen. Das Online-Werkverzeichnis ist damit auch ein Kommunikationsinstrument – eine offene Plattform, die Wissen nicht nur verteilt, sondern einsammelt. Aber auch Sammler:innen sind eingeladen an dem Projekt mitzuarbeiten.
Um diese Strategie strukturell zu untermauern, hat die Albertina eine eigene Abteilung für „Sammlungs- und Kunstdatensoftware“ gegründet. Aufgaben, die früher extern vergeben wurden, werden nun intern entwickelt. Das schafft nicht nur nachhaltige Strukturen, sondern erlaubt auch schnellere Innovation: Spielerische Funktionen wie ein Zufallsgenerator zur Erkundung des Bestands oder die Möglichkeit, die „Historische Klebebände“ virtuell zu durchblättern, sind erste sichtbare Früchte dieser Eigenentwicklung.
Was als Nächstes kommt
Die Albertina hat weitere Werkverzeichnisse in Arbeit – darunter zum druckgrafischen Werk von Arnulf Rainer und Alex Katz. Das Klimt-Verzeichnis selbst soll in den nächsten Jahren etappenweise auf alle rund 5.000 Arbeiten anwachsen. Das Online-Werkverzeichnis Klimt ist somit kein Endpunkt, sondern ein Anfang: der Beginn einer neuen Art, Kunstwissenschaft zu betreiben – offen, vernetzt, und für alle zugänglich. Wer die Zeichnungen Klimts bisher nur aus Büchern kannte, findet nun eine Ressource, die in ihrer Tiefe und Interaktivität ihresgleichen sucht.
Die Online-Werkverzeichnisse sind kostenfrei zugänglich unter: gustavklimt.albertina.at | maxweiler.albertina.at | florentinapakosta.albertina.at
Weiterlesen: Der Jugendstil in Malerei und Skulptur.
