„Ötzi war Opfer eines Tötungsdelikts“

Prof. Dr. med. Oliver Peschel, Oberarzt am Institut für Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München, übernahm 2016 die Tätigkeit als Konservierungsbeauftragter für den Ötzi. Ein Porträt

Die Gewebestruktur des Körpers des Ötzis ist sensibel, der Zustand fragil und die Konservierungsbedingungen entsprechend komplex. Foto: Südtiroler Archäologiemuseum
Die Gewebestruktur des Körpers des Ötzis ist sensibel, der Zustand fragil und die Konservierungsbedingungen entsprechend komplex. Foto: Südtiroler Archäologiemuseum

Zwischen Post- und Grußkarten hängt das Foto einer Brandleiche. Auf dem Stuhl daneben sitzt Rechtsmediziner Oliver Peschel, seit August 2016 neuer Konservierungsbeauftragter des weltweit wohl berühmtesten Toten: Ötzi. Der Mann aus dem Eis, der über 5.000 Jahre alt und seit einem Vierteljahrhundert Forschungsgegenstand von Wissenschaftlern aus Biologie, Medizin, Archäologie und Museologie ist. 

Die Gewebestruktur des Körpers ist sensibel, der Zustand fragil und die Konservierungsbedingungen entsprechend komplex. „Ötzi verändert sich natürlich mit den Jahren. Das bisherige Wissen ist enorm wichtig, um seinen Zustand weiter zu überwachen, zu kontrollieren, Strategien zu erarbeiten, um die Veränderungen so gering wie möglich zu halten“, erklärt Rechtsmediziner Peschel. Neue konservatorische Strategien sind jedoch im Falle Ötzis immer auch mit Risiken verbunden. Um dem Einfluss von Licht, Feuchtigkeit, Trockenheit, Temperatur und der Kontamination durch Bakterien entgegenzuwirken, seien verschiedene Konservierungsvarianten – wie zum Beispiel eine Stickstoffatmosphäre – denkbar.

Die Maßnahmen könnten allerdings nicht oder nur bedingt erprobt werden, ohne einen weiteren Zerfall der Forschungssubstanz zu riskieren, schildert der Rechtsmediziner. Zugleich seien die Maßnahmen an Kriterien gebunden, die in Ötzis magnetischer Anziehungskraft für Touristen gründen. So müsse er einerseits sichtbar, andererseits untersuchbar bleiben. Den ersten Kontakt zur Mumie hatte Peschel im Jahr 2011. Zur Entnahme des Mageninhalts. Die Erkenntnis, dass und was Ötzi vor seinem Tod gegessen hatte, sei also noch gar nicht so lange her, meint der Experte.

Auch die Pfeilspitze, die in der Schulter steckte, entdeckte man erst zehn Jahre nach seinem Fund. Indizien, die auf den kontinuierlichen Wissensgewinn hinweisen und Ötzi als Forschungsgegenstand wohl nie ganz obsolet werden lassen. Wenn Peschel nicht gerade im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen ist, lehrt und arbeitet er am Institut für Rechtsmedizin in München. Dabei lassen sich beide Tätigkeiten oft miteinander verschränken. „Ötzi ist Lehrbeispiel und Forschungsprojekt für so vieles in der Medizin“, meint Peschel.

Das Phänomen Iceman verkörpert das, was Peschel zum Beruf des Rechtsmediziners brachte: das Geheimnis um den Moment des Todes, das Aufspüren unbekannter Hinweise, die Rekonstruktion eines Tathergangs, der retrospektive wie prospektive Erkenntisgewinn. „Ötzi war Opfer eines Tötungsdelikts und ist die älteste und am besten erhaltende Mumie“, sagt Peschel. Die Aufgabe als Konservierungsbeauftragter sei dabei eine spezielle Tätigkeit, die es auf der ganzen Welt nirgendwo sonst gäbe. 

Oliver Peschel studierte in München an der Ludwig-Maximilians-Universität Medizin. Nach Abschluss seines Staatsexamens arbeitete er als Assistenzarzt am Institut für Rechtsmedizin, unter anderem in der Pathologie und Psychiatrie, ehe er seinen Facharzt als Rechtsmediziner absolvierte. Er ist Mitglied der Identifizierungskommission des Bundeskriminalamts und seit 2009 Oberarzt am Institut für Rechtsmedizin der LMU München. Nach seiner Habilitation mit einer Arbeit zur Rekonstruktion von Schussverletzungen wurde er 2015 zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Im August 2016 übernahm er die Tätigkeit als Konservierungsbeauftragter für den Ötzi.