07.07.2025

Ausstellungen

„Netzwerk Paris“: Widerstand in Linien und Farben

Robert Delaunay, Cercles simultanés, 1934 – ein Hauptwerk der farbdynamischen Abstraktion, zu sehen in der Ausstellung Netzwerk Paris. Abstraction-Création 1931–1937 im Arp Museum Bahnhof Rolandseck. Foto: Ville de Grenoble / Musée de Grenoble – J.L. Lacroix
Robert Delaunay, Cercles simultanés, 1934 – ein Hauptwerk der farbdynamischen Abstraktion, zu sehen in der Ausstellung Netzwerk Paris. Abstraction-Création 1931–1937 im Arp Museum Bahnhof Rolandseck. Foto: Ville de Grenoble / Musée de Grenoble – J.L. Lacroix

Mit der Ausstellung „Netzwerk Paris. Abstraction-Création 1931–1937“ zeigt das Arp Museum Bahnhof Rolandseck die revolutionäre Kraft der ungegenständlichen Kunst in politisch aufgeladener Zeit. Ein künstlerisches Netzwerk formiert sich gegen den Faschismus – und bringt historische wie zeitgenössische Positionen in einen sowohl in ästhetischen als auch in einen ideellen Dialog.

Die Ausstellung „Netzwerk Paris“ eröffnet nicht nur einen kunsthistorischen Rückblick, sondern setzt ein klares gesellschaftliches Zeichen: Sie würdigt jene Künstlerinnen und Künstler, die sich in den 1930er-Jahren zu einer internationalen Bewegung zusammenschlossen, um für künstlerische Freiheit, Internationalität und Vielfalt einzutreten.
Das „Netzwerk Paris“, gegründet 1931 unter dem programmatischen Namen „Abstraction-Création“, stellte sich gegen die dominierenden Strömungen der Zeit – politisch wie künstlerisch. Während der Surrealismus das Pariser Kunstgeschehen beherrschte und autoritäre Ideologien europaweit an Boden gewannen, setzten über 90 Mitglieder aus rund 20 Ländern auf Abstraktion, Gleichberechtigung und Selbstorganisation. Ihre Werke, ihr Engagement und ihre Botschaft sind aktueller denn je.

Blick in die Ausstellung „Netzwerk Paris. Abstraction-Création 1931–1937“ im Arp Museum Bahnhof Rolandseck: Im Zentrum Werke von Sophie Taeuber-Arp, deren geometrisch-konstruktive Bildsprache exemplarisch für die Vision der Künstlergruppe steht. Foto: Helmut Reinelt
Blick in die Ausstellung „Netzwerk Paris. Abstraction-Création 1931–1937“ im Arp Museum Bahnhof Rolandseck: Im Zentrum Werke von Sophie Taeuber-Arp, deren geometrisch-konstruktive Bildsprache exemplarisch für die Vision der Künstlergruppe steht. Foto: Helmut Reinelt

Ein Panorama der Moderne: 70 Werke – 90 Namen – 20 Nationen

Das Arp Museum präsentiert in „Netzwerk Paris“ rund 70 Werke von Vertreterinnen und Vertretern der historischen Gruppe, darunter international bedeutende Namen wie Hans Arp, Sophie Taeuber-Arp, Barbara Hepworth, Piet Mondrian, Alexander Calder, Robert Delaunay, Theo van Doesburg, Max Bill, László Moholy-Nagy und Georges Vantongerloo.
Diese Vielfalt spiegelt nicht nur das internationale Selbstverständnis der Gruppe wider, sondern auch ihre doppelte Zielsetzung: Sie wollte die ungegenständliche Kunst einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen und gleichzeitig eine kosmopolitische, kunstbasierte Gegenkultur zu Faschismus, Rassismus und Nationalismus etablieren.


Zwei Wege der Abstraktion – ein gemeinsames Ziel

Der programmatische Titel „Abstraction-Création“ verweist auf die zwei Hauptströmungen innerhalb des Netzwerks: Einerseits die Abstraktion von Formen aus der Natur – etwa in den organischen Arbeiten Hans Arps – und andererseits die Kreation streng geometrischer Kompositionen, wie sie Piet Mondrian oder Marlow Moss verfolgten. Beide Richtungen stehen für eine Abkehr vom Illusionismus und suchen nach einer neuen, universellen Bildsprache.
Diese stilistische Bandbreite des Künstler:innen-Netzwerks wird in der Ausstellung deutlich: Von den schwingenden Mobiles Alexander Calders über die statisch-dynamischen Ordnungen Sophie Taeuber-Arps bis zu László Moholy-Nagys fotografischen Experimenten bildet Netzwerk Paris das breite Spektrum moderner Formfindung ab.

 


Unabhängig, vernetzt, visionär: Die Selbstorganisation der Avantgarde

Eine der bedeutendsten Errungenschaften von „Netzwerk Paris“ war seine selbstorganisierte Struktur. Die Künstlerinnen und Künstler betrieben nicht nur eigene Ausstellungsräume – etwa in der Nähe des Arc de Triomphe – sondern veröffentlichten zwischen 1932 und 1936 auch fünf Ausgaben der Cahiers „Abstraction-Création. Art non-figuratif.“ Diese Zeitschrift wurde zum internationalen Forum für Ideen, Manifestationen und künstlerischen Austausch.
Die Beiträge stammten direkt von den Mitgliedern, wurden redaktionell kaum verändert und trugen maßgeblich zur Netzwerkbildung über nationale Grenzen hinweg bei. Dokumente, Drucksachen und Fotografien aus dieser Zeit geben in der Ausstellung eindrucksvoll Einblick in diese Phase künstlerischer Selbstermächtigung.


Im Zentrum der Bewegung: Sophie Taeuber-Arp und Hans Arp

Zwei zentrale Figuren der Ausstellung und der Gruppierung sind Sophie Taeuber-Arp und Hans Arp. Als Mitgründer:innen prägten sie das Selbstverständnis von „Netzwerk Paris“. Sophie Taeuber-Arp, die 1929 ihre Lehrtätigkeit in Zürich aufgab, entwickelte in Paris eine neue Bildsprache: geometrisch konstruiert, farblich klar gegliedert und doch voller Dynamik. Ihre Komposition „Plans et triangles pointe sur pointe“ von 1931 zählt zu den Schlüsselwerken der Schau.
Hans Arp wiederum entwarf in den 1930er-Jahren mit seinen „bewegten Ovalen“ eine neue skulpturale Sprache, die sich in der Dreidimensionalität seiner Konstellationsreliefs voll entfaltet. Seine Grenzgängerschaft zwischen Abstraktion und Surrealismus machte ihn zu einer singulären Figur der Moderne – und zu einem der wenigen Künstler, der parallel in beiden Bewegungen ausstellte.

Angela Bullochs „Heavy Metal Stack of Five: Sky Frame“, 2024, in der Ausstellung Netzwerk Paris. Abstraction-Création 1931–1937 im Dialog mit Werken der Avantgarde der 1930er-Jahre – eine zeitübergreifende Gegenüberstellung historischer und zeitgenössischer Positionen. Courtesy of the artist & Esther Schipper, Berlin, Paris, Seoul | Foto: Andrea Rossetti
Angela Bullochs „Heavy Metal Stack of Five: Sky Frame“, 2024, in der Ausstellung Netzwerk Paris. Abstraction-Création 1931–1937 im Dialog mit Werken der Avantgarde der 1930er-Jahre – eine zeitübergreifende Gegenüberstellung historischer und zeitgenössischer Positionen. Courtesy of the artist & Esther Schipper, Berlin, Paris, Seoul | Foto: Andrea Rossetti

Dialog mit der Gegenwart: Sieben zeitgenössische Positionen

Die Ausstellung „Netzwerk Paris“ ist jedoch nicht allein retrospektiv gedacht. Kuratorin Astrid von Asten bringt sieben internationale Gegenwartspositionen mit den historischen Werken in Verbindung. Künstlerinnen und Künstler wie Angela Bulloch, Daniel Buren, Imi Knoebel, Rana Begum, Timo Nasseri, Kai Schiemenz und Beat Zoderer zeigen, wie aktuell die Anliegen der frühen Abstrakten geblieben sind. Ihre Werke setzen sich mit Geometrie, Licht, Raum und Materialität auseinander – und führen das utopische Denken der 1930er-Jahre mit heutigen Mitteln fort.


Ein Ort der Erinnerung und des Weiterdenkens

Mit „Netzwerk Paris“ schließt das Arp Museum eine kunsthistorische Lücke: Die letzte umfassende Schau zu „Abstraction-Création“ fand 1977 im MoMA New York statt, 1978 im Westfälischen Landesmuseum in Münster und im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris. Die aktuelle Ausstellung vereint bedeutende Leihgaben mit historischen Dokumenten, Cahiers und selten gezeigten Exponaten. Damit wird die bislang wenig erforschte Geschichte dieser Bewegung neu kontextualisiert und in ihrer Relevanz für die Gegenwart sichtbar gemacht.
Staatssekretär Prof. Dr. Jürgen Hardeck betont zur Ausstellung: „Die geistige Freiheit als Grundlage eines vernetzten europäischen Gedankens ist eine einigende Idee, die es unbedingt zu verteidigen gilt.“ Genau das leistet „Netzwerk Paris“ – mit künstlerischen Mitteln und intellektuellem Anspruch.

Titel:
Netzwerk Paris. Abstraction-Création 1931–1937

Ort:
Arp Museum Bahnhof Rolandseck
Hans-Arp-Allee 1
53424 Remagen
www.arpmuseum.org

Laufzeit:
5. Juli 2025 bis 11. Januar 2026

Highlights der Ausstellung:

  • 70 Werke von über 30 historischen Künstlerinnen und Künstlern
  • 7 internationale Gegenwartspositionen
  • Umfangreiches Begleitprogramm: Führungen, Workshops, Audioguide, Familienangebote
  • Ausstellungskatalog (232 Seiten, dt./engl.), Hirmer Verlag, 38 €
  • Öffentliche Führungen sonntags 15 Uhr | Kosten: 5 € zzgl. Eintritt

Eintritt:
12 € / ermäßigt 9 €
Dienstags ermäßigter Eintritt für alle, Studierende frei

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