Vor rund 40 Jahren galt Zement als langlebige Lösung für historische Bauwerke. An der evangelischen Stadtkirche Schönau im Odenwald zeigt sich heute jedoch, dass diese Einschätzung nicht immer zutrifft. Zementhaltige Fugen führten zu Spannungen, Feuchteschäden und Schäden am Naturstein. Bei der aktuellen Sanierung setzten die Restauratoren deshalb wieder auf historische Kalkmörtel und traditionelle Handwerkstechniken, um die denkmalgeschützte Kirche langfristig zu erhalten.
Die Stadtkirche Schönau zählt zu den bedeutendsten mittelalterlichen Bauwerken in Baden-Württemberg. Sie ist das größte erhaltene Gebäude des Zisterzienserklosters, das der Wormser Bischof Burkhard II. im Jahr 1142 gründete. Bis zum Jahr 1400 diente das Kloster als Hauskloster und bevorzugte Grablege der Pfalzgrafen bei Rhein. Entsprechend hoch waren die Anforderungen an die Mauerwerksrestaurierung, bei der historische Bausubstanz erhalten und gleichzeitig langfristig geschützt werden sollte.
Rund vier Jahrzehnte nach der letzten großen Sanierung hatten sich deutliche Schäden am Natursteinmauerwerk entwickelt. Ursache waren überwiegend zementhaltige Fugenmörtel, die in den 1980er-Jahren als dauerhaft und widerstandsfähig galten. Heute weiß man jedoch, dass Zement für historisches Natursteinmauerwerk häufig ungeeignet ist. Seine hohe Festigkeit und geringe Diffusionsfähigkeit verhindern den natürlichen Feuchtigkeitsaustausch zwischen Stein und Fuge. Dadurch entstehen Spannungen, Feuchtigkeit staut sich im Mauerwerk und Frostschäden nehmen zu. Die Folge waren Risse, Ausbrüche, Absandungen und umfangreiche Feuchteschäden an rund 97 Prozent der Fassade.
Ziel der aktuellen Mauerwerksrestaurierung war deshalb die vollständige Entfernung der schadhaften Zementfugen und deren Ersatz durch historische Trasskalkmörtel. Gleichzeitig sollte die Natursteinfassade gereinigt und beschädigte Bereiche fachgerecht ergänzt werden. Bauherr war die Kirchengemeinde Steinachtal, während die Stiftung Schönau die Finanzierung des Projekts übernahm. Mit der Ausführung wurde die auf Denkmalpflege spezialisierte Firma Dengel-Bau aus Schöntal beauftragt. Bereits im Vorjahr war das Dach der Kirche durch einen Fachbetrieb saniert worden.
Historische Materialien statt moderner Standardlösungen
Bevor die eigentlichen Arbeiten beginnen konnten, analysierten die Restaurierungsexperten zunächst historische Mörtelproben aus unterschiedlichen Bereichen der Kirche. Untersucht wurden Bindemittel, Zuschläge und Kornverteilungen, um die ursprünglichen Rezepturen möglichst exakt nachzubilden. Besonderes Augenmerk galt rötlich eingefärbten Fugen, die vermutlich auf einen Umbau aus dem Jahr 1882 zurückgehen. Diese jüngere Bauphase sollte bewusst sichtbar bleiben und wurde daher ebenfalls bei der Materialentwicklung berücksichtigt. Auf Basis der Untersuchungen entstanden vier verschiedene Kalkmörtelrezepturen. Verwendet wurden regional verfügbare Sande, Trasskalk als Bindemittel sowie Ziegelmehl zur Erzeugung der charakteristischen rötlichen Farbgebung einzelner Fugenbereiche. Vor Beginn der großflächigen Arbeiten erfolgte eine umfangreiche Bemusterung direkt am Bauwerk. Erst nachdem Farbwirkung, Oberflächenstruktur und Einbindung in den Bestand überzeugten, wurden die endgültigen Mischungen freigegeben.
Eine besondere Herausforderung bestand darin, dass die Kirche aus drei unterschiedlichen Mauerwerksarten aufgebaut ist. Das Quadermauerwerk besitzt extrem schmale Knirschfugen und erforderte besonders feinkörnige Kalkmörtel. Im Schichtenmauerwerk kamen mittlere Kornabstufungen zum Einsatz, während das Bruchsteinmauerwerk deutlich gröbere Zuschläge benötigte, um größere Fugen spannungsarm zu schließen. Diese materialgerechte Abstimmung ist ein wesentliches Merkmal professioneller Mauerwerksrestaurierung und trägt entscheidend zur Langlebigkeit historischer Bauwerke bei.
Die eigentlichen Arbeiten an der Fassade wurden systematisch von oben nach unten ausgeführt. Zunächst reinigten die Fachleute die Natursteinoberflächen sorgfältig. Anschließend entfernten sie sämtliche schadhaften Zementfugen und verfugten das Mauerwerk neu mit den abgestimmten Trasskalkmörteln. Ergänzend wurden größere Fehlstellen durch Natursteinvierungen geschlossen, beschädigte Kanten mit Restauriermörtel ergänzt und Risse mittels Injektionen stabilisiert. Hohlstellen im Mauerwerk hinterfüllten die Restauratoren sorgfältig, um die Konstruktion dauerhaft zu sichern.
Präzise Handwerksarbeit bis ins kleinste Detail
Auch zahlreiche Natursteindetails erforderten höchste handwerkliche Präzision. Am historischen Rosettenfenster restaurierten die Steinmetze beschädigte Bereiche und ergänzten fehlende Werkstücke behutsam. Besonders anspruchsvoll war die Rekonstruktion verwitterter Konsolenköpfe, bei denen Blattwerk und Voluten nach historischem Vorbild ergänzt wurden. Ziel war es stets, möglichst viel Originalsubstanz zu erhalten und gleichzeitig die historische Gestaltung nachvollziehbar zu bewahren. Eine außergewöhnliche Aufgabe stellte der Austausch des beschädigten Giebelsteins am Dach dar. Durch eindringendes Wasser und korrodierte Metallverbindungen war der Naturstein im Bereich der Wetterfahne gesprengt worden. In der Werkstatt fertigten die Steinmetze einen neuen Giebelstein aus Odenwälder Buntsandstein originalgetreu nach. Mithilfe eines Kettenzugs wurde der schwere Stein anschließend auf das Dach gehoben und eingebaut – nahezu nach denselben Prinzipien wie im 12. Jahrhundert. Auch die historischen Metallverbindungen standen im Fokus der Restaurierung. Viele der jahrhundertealten Eisenklammern konnten gereinigt und konserviert werden. Stark beschädigte Exemplare mussten jedoch ersetzt werden. Da die ursprünglich verwendete Eisenqualität heute nicht mehr verfügbar ist, entschieden sich die Fachleute für maßgefertigte Edelstahlklammern, die ein Schmied nach historischem Vorbild einzeln anfertigte. So blieben Konstruktion und Erscheinungsbild des Bauwerks erhalten.
Ein besonderer Abschluss der Arbeiten war der traditionelle Bleiverguss der Klammerfugen. Diese historische Technik wird heute nur noch von wenigen Spezialisten beherrscht. Nach sorgfältiger Reinigung der Fugen modellierten die Handwerker seitliche Begrenzungen aus Ton und erhitzten Hüttenblei direkt auf dem Gerüst. Das flüssige Metall musste anschließend innerhalb weniger Sekunden präzise in die vorbereiteten Fugen eingebracht werden, bevor es wieder erstarrte. Nach dem Abkühlen wurde das Blei bündig zur Steinoberfläche abgearbeitet. Diese historische Technik trägt zur dauerhaften Abdichtung und Stabilisierung der Konstruktion bei.
Denkmalgerechte Mauerwerksrestaurierung für kommende Generationen
Die Arbeiten an der Stadtkirche Schönau zeigen, wie wichtig eine fachgerechte Mauerwerksrestaurierung für den langfristigen Erhalt historischer Bauwerke ist. Statt einzelne Schäden zu beheben, wurden die schadhaften Bereiche der Fassade umfassend instandgesetzt. Dabei kamen historische Materialien, sorgfältig abgestimmte Mörtelrezepturen und traditionelle Handwerkstechniken zum Einsatz. Die Sanierung verbindet moderne Schadensanalyse mit historischem Wissen und handwerklicher Erfahrung. Sie zeigt, welchen Beitrag eine materialgerechte Mauerwerksrestaurierung zum Erhalt denkmalgeschützter Bauwerke leisten kann. Gleichzeitig macht das Projekt deutlich, dass vermeintlich langlebige Baustoffe wie Zement nicht immer die richtige Wahl für historische Bausubstanz sind. Mit der konsequenten Rückkehr zu Kalkmörteln orientiert sich die Mauerwerksrestaurierung wieder an den Materialien und Bauweisen, die sich über Jahrhunderte bewährt haben und den Anforderungen historischer Natursteinfassaden besser gerecht werden.
Weiterlesen: Die Restaurierung der Schlosskirche Buch.
