Kaum eine Frauengestalt der biblischen Überlieferung hat die Kunst so nachhaltig beschäftigt wie Maria Magdalena. Ihr Bild wandelte sich über die Jahrhunderte immer wieder – von der ersten Zeugin der Auferstehung bis zur reuigen Büßerin. Wie vielschichtig diese Figur bis heute wirkt, zeigt auch eine aktuelle Ausstellung in Frankfurt.
Maria Magdalena, auch Maria von Magdala genannt, wird im Lukasevangelium erstmals namentlich erwähnt: Jesus heilt sie von sieben Dämonen, woraufhin sie ihm mit anderen Frauen folgt. Der Beiname verweist auf ihren Herkunftsort Magdala am See Genezareth in Galiläa und ist damit Teil ihrer biblischen Identität, bevor spätere Legendenbildung ihr Bild zusätzlich prägte. Eine zentrale Rolle erhält Maria Magdalena bei der Kreuzigung und an Ostern, als sie dem auferstandenen Christus begegnet und den Aposteln davon berichtet. Laut Überlieferung fand sie das Grab Jesu verlassen vor. Sie erkannte ihn zunächst nicht, sondern hielt ihn für den Gärtner, den sie nach dem Verbleib des Leichnams befragte. Erst als Christus sie bei ihrem Namen nennt, erkennt sie ihn und versucht ihn zu umarmen oder zu küssen. Dies unterbindet Christus mit dem Verweis darauf, dass er noch nicht zum Vater aufgefahren sei. Diese Begebenheit, als Noli me tangere in die Kunstgeschichte eingegangen, hat zahlreiche Künstler:innen zu Werken inspiriert, die um Nähe und Distanz, Erkennen und Zweifel kreisen. Als erste Zeugin der Auferstehung gilt Maria Magdalena in der Theologie als „Apostelin der Apostel“ – eine Schlüsselrolle gegenüber den männlichen Jüngern.
Von der Apostelin zur Sünderin
Spätere Bibelauslegungen verschmolzen Maria Magdalena mit anderen biblischen Frauen, etwa mit der namenlosen Sünderin bei Lukas und mit Maria von Bethanien. Um das Jahr 600 legte Papst Gregor der Große eine Deutung fest, die aus ihren sieben ausgetriebenen Dämonen die sieben Todsünden machte. In der Folge rückte vor allem die Sünde der Wollust in den Vordergrund, und Maria Magdalena erhielt eine Vergangenheit als Ehebrecherin und Prostituierte, die historisch nicht belegt ist. Mittelalterliche Legenden erzählten weiter, wie sie nach einem Leben in Luxus zur Buße in die Provence gelangte, dort Jahrzehnte in Einsamkeit verbrachte und schließlich in Südfrankreich starb. Diese Legendenbildung prägte das Bild der Maria Magdalena stärker als die vergleichsweise knappen biblischen Berichte über sie.
Aus dieser Verschmelzung von Zeugenschaft und zugeschriebener Sündhaftigkeit entstand ein Motiv, das die Kunst über Jahrhunderte begleitete: die büßende Sünderin, die sich bekehrt und dadurch Heiligkeit erlangt. Besonders im Zuge der Gegenreformation im 16. und 17. Jahrhundert wurde Maria Magdalena zum Musterbeispiel des Bußsakraments. In den Bildern dieser Zeit vermischen sich Reue und religiöse Ekstase häufig auf eine Weise, die auch körperliche und emotionale Aufladung sichtbar macht.
Ein Bild im Wandel der Jahrhunderte
Mit der Säkularisierung Europas im 19. Jahrhundert veränderte sich auch die Darstellung der Maria Magdalena. Andachtsbilder traten zurück, während neue, profane Deutungen entstanden. In der Salonmalerei und im Symbolismus wurde sie zur Femme fatale umgedeutet, die religiöse Ikonografie diente nun oft als historischer Bezugspunkt für weltliche Themen. Bis in die Gegenwart bleibt Maria Magdalena eine Projektionsfläche, an der sich Fragen nach der Rolle von Frauen in Kunst und Gesellschaft verhandeln lassen – von feministischen Perspektiven bis zu popkulturellen Bezügen. Auch als Vorbild für Porträts diente die Figur seit dem Spätmittelalter: Frauen adeliger oder gesellschaftlich gehobener Herkunft ließen sich in der Rolle der Maria Magdalena darstellen, mal aus frommer Identifikation, mal als politisches Statement oder als Mittel der Selbstinszenierung.
Ausstellung im Städel Museum
Diese Bandbreite an Deutungen steht im Zentrum der Ausstellung „Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.“, die das Städel Museum und die Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt vom 17. September 2026 bis 17. Januar 2027 zeigen. Es ist die erste umfassende Schau im deutschsprachigen Raum, die sich der Figur der Maria Magdalena widmet. Über 100 Gemälde, Skulpturen und Grafiken vom Mittelalter bis zur Gegenwart sind vertreten, ergänzt durch Leihgaben unter anderem aus der National Gallery London, der Berliner Gemäldegalerie, dem Metropolitan Museum of Art und dem Louvre. Zu sehen sind Werke von Künstlerinnen wie Lavinia Fontana und Kiki Smith ebenso wie von Albrecht Dürer, Georges de la Tour oder Max Beckmann. Die Ausstellung macht deutlich, wie unterschiedlich Epochen und Kunstschaffende die Gestalt der Maria Magdalena interpretiert haben – als Sünderin, als Heilige, als Zeugin und als moderne Identifikationsfigur. Gerade diese Wandelbarkeit erklärt, warum das Interesse an Maria Magdalena bis heute ungebrochen ist.
