23.06.2026

Branchen-News

Manifesta 16: This is not a church

Die Heilig-Geist-Kirche in Essen-Katernberg ist einer der Veranstaltungsort der Manifesta 16 Ruhr. Foto: © Felix Hemmers

Seit dem 21. Juni bespielt die Manifesta 16 Ruhr zwölf Kirchen in Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und Bochum. Unter dem Titel „This is not a church“ untersucht die europäische Biennale, wie leerstehende Sakralbauten zu Orten neuer Öffentlichkeit, kultureller Produktion und gesellschaftlicher Teilhabe werden können. Dabei richtet sie den Blick auf eine Region, deren Geschichte von Strukturwandel, Migration und dem Verlust gemeinschaftlicher Räume geprägt ist.

Die Manifesta 16 Ruhr bringt ihr Projekt „This is not a church“ im Rahmen von „Urban Visions“ in die Strukturwandelregion Rhein-Ruhr. Leerstehende Kirchen dienen als Ausgangspunkt für die Neuverhandlung sozialer und kultureller Infrastruktur, Gemeinschaft und Erinnerung.
Das Ruhrgebiet, ein polyzentrischer Raum, geprägt von Industrie, Migration und Wandel, entwickelt sich aus einem agrarisch geprägten Gebiet zu einer der dichtesten Industrielandschaften Europas. Im 20. und 21. Jahrhundert erfährt es einen tiefgreifenden Strukturwandel. Seine Geschichte ist bestimmt durch Arbeitsmigration, soziale Verdichtung und die Ausbildung lokaler Gemeinschaften. Deren Infrastrukturen – insbesondere Kirchen – fungieren über lange Zeit als zentrale Orte des Zusammenhalts.
Die Manifesta 16, die am 21. Juni an vier Orten in zwölf Kirchen mit über 100 Kunstschaffenden eröffnet hat, formuliert keine abgeschlossene These. Stattdessen entsteht ein Geflecht von Fragen, das die Rolle von Architektur, Erinnerung und Kultur in der Neuerfindung urbaner Öffentlichkeit zur Diskussion stellt. Im Zentrum steht die Frage, ob aus den Überresten industrieller und religiöser Infrastrukturen eine neue Form urbaner Öffentlichkeit entstehen kann.


12 Kirchen

Die Manifesta 16 Ruhr nutzt ausgewählte Kirchen als Ausstellungsorte und rückt deren unsichere Zukunft in den Fokus. Im Zentrum stehen Fragen nach ihrer heutigen Funktion. Welche Perspektiven bieten sich für ihre Nutzung? Welchen gesellschaftlichen Wert besitzen sie? Wie lassen sich diese Räume erhalten und zugleich an veränderte Lebensrealitäten anpassen? Und welchen Beitrag können sie zu einer gerechteren, pluralistischen Gesellschaft leisten?
Der kuratorische Ansatz nimmt das Bild der Trümmersteine auf: Fragmente einer vergangenen Ordnung, aus denen Neues entsteht. Der Blick richtet sich auf die Gebäude selbst, auf ihre Materialien, ihre verborgenen Räume und ihre Spuren der Zeit. Kunstschaffende greifen auf ausgediente Elemente zurück, etwa Kirchenbänke, beschädigte Fenster oder verstummte Orgelpfeifen, und entwickeln daraus neue Ausdrucksformen. Wie die Mauern der Gethsemane-Kirche entstehen auch ihre Entwürfe aus den Relikten der Vergangenheit.
Kirchen werden zu Orten der Auseinandersetzung mit Geschichte. Kunstwerke, Archivmaterialien, Dokumentarfilme und fotografische Installationen verbinden sich zu einer vielschichtigen Darstellung des Ruhrgebiets und seiner Bewohnenden. Thematisch reicht das Spektrum von der Rolle der sogenannten „Gastarbeiterinnen“ beim Wiederaufbau über die Arbeitswelten des Bergbaus bis hin zu Fragen des Strukturwandels und des Verlusts öffentlicher Räume. Popkulturelle Ausdrucksformen und handwerkliche Traditionen migrantischer Communities sowie der jüngste Zuzug ukrainischer Geflüchteter werden einbezogen.


Kirchen als kulturelle Identitätsanker

Kirchen im Deutschland der Nachkriegszeit fungieren als Orte sozialer Integration. Sie prägen die Werteordnung und die ideologische Neuorientierung Westdeutschlands nach dem Nationalsozialismus. Zugleich tragen sie zur Demokratisierung und zum Wiederaufbau von Gemeinschaftsstrukturen bei.
Sie übernehmen praktische Aufgaben, die staatliche Institutionen zunächst nicht leisten können: die Versorgung mit Lebensmitteln und Kleidung ebenso wie die Unterstützung von Flüchtlingen und Vertriebenen. Die Pfarrgemeinde bildet dabei ein zentrales lokales Netzwerk, auch über Organisationen wie Caritas Deutschland und Diakonie Deutschland.
In einer gesellschaftlich und moralisch destabilisierten Situation bieten Kirchen Orientierung und Halt. Religiöse Praxis erfährt zunächst einen Aufschwung, doch seit den 1960er-Jahren verstärken sich Säkularisierungstendenzen. Sie entstehen aus dem Zusammenwirken struktureller und kultureller Veränderungen. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und dem Ausbau sozialstaatlicher Sicherungssysteme verringert sich die existenzielle Abhängigkeit von religiösen Institutionen. Gleichzeitig führt die Ausweitung von Bildung und Wissenschaft zu einer rationaleren, kritischeren Denkweise.
Auch das Fernsehen wirkt in den 1960er-Jahren als beschleunigendes Medium gesellschaftlicher Veränderung. Die ARD sendet seit 1952; zunächst verfügen nur wenige Haushalte über ein Gerät. Bereits um 1960 sind es etwa 10 bis 15 Prozent der Haushalte; gegen Ende der 1960er-Jahre ist das Fernsehen in der Mehrzahl der Haushalte angekommen.


Entwicklung des Kirchenbaus im Ruhrgebiet 

Das Ruhrgebiet ist nach Kriegsende in weiten Teilen zerstört. In Städten wie Essen sind rund 70 bis 80 Prozent der Kirchen beschädigt oder vernichtet, in Dortmund über 60 Prozent. Insgesamt ist mehr als die Hälfte des Kirchenbestands unbrauchbar.
Der Wiederaufbau, der sich bis in die 1970er-Jahre erstreckt, erfolgt unter Bedingungen knapper Ressourcen. Gleichzeitig verändern sich die Anforderungen an den Kirchenbau. Sakralräume werden zunehmend als multifunktionale Gemeindezentren gedacht. Neue liturgische Konzepte beeinflussen die architektonische Gestaltung grundlegend. Kirchen sind in diesem Sinne gebaute Liturgie. Architekten wie Rudolf Schwarz und Dominikus Böhm schaffen nicht nur neue Räume, sondern prägen auch veränderte Formen religiöser Praxis.
Maria Schwarz erinnert sich: „Es sind sehr viele Kirchen in den 50er Jahren gebaut worden. Da gibt es zwei grundlegend verschiedene Anlässe. Einmal waren die Kirchen zerstört, und zum anderen kamen die Menschen nach Hause (…) Die wollten zusammen sein.“
Eine originalgetreue Rekonstruktion zerstörter Gebäude ist meist weder technisch noch finanziell möglich. Materialmangel, fehlende Fachkräfte und begrenzte Mittel erzwingen pragmatische Lösungen. Zugleich wendet sich die Architektur der Nachkriegsmoderne von historistischen Formen ab und bevorzugt reduzierte, funktionale Gestaltungen. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil erfolgt eine grundlegende Neuorientierung der Liturgie. Die Konstitution Sacrosanctum Concilium (1963) verlagert den Fokus vom Baukörper auf die versammelte Gemeinde. Der Raum organisiert sich um zentrale liturgische Orte wie Altar, Ambo und Vorstehersitz. Traditionelle, streng axiale Strukturen werden zugunsten offener, partizipativer Anordnungen aufgegeben. Das Prinzip der „edlen Einfachheit“ führt zu einer Reduktion der Ausstattung und betont Klarheit sowie gemeinschaftliches Handeln.

In Bochum ist u. a. die Gethsemane-Kirche einer der Veranstaltungsort. Foto: © Daniel Sadrowski

Gemeinde als Raumgestalt 

Mit dem Ausbau neuer Wohnsiedlungen entstehen zahlreiche Pfarrkirchen als identitätsstiftende Zentren. Der Architekturhistoriker Martin Bredenbeck bezeichnet sie als „Pantoffelkirchen“, Gebäude, die bequem zu Fuß erreichbar sind.
Trümmer sind eines der wichtigsten Baumaterialien der Nachkriegszeit. Im Ruhrgebiet werden Millionen Kubikmeter Material gesichtet und geräumt. Diese körperlich belastende Arbeit leisten sogenannte „Trümmerfrauen“, aber auch ehemalige NSDAP-Mitglieder im Rahmen von Strafarbeit, Arbeitslose im Tausch gegen Lebensmittelrationen sowie professionelle Bauarbeiter:innen. Nicht wiederverwendbare Materialien werden zu Zuschlagstoffen für Beton verarbeitet.
Der Wiederaufbau basiert damit unmittelbar auf den materiellen Überresten der zerstörerischen Vergangenheit, ein Vorgriff auf das, was heute als zirkuläres Bauen verstanden wird. Trümmerziegel, wiederverwendete Bauteile und einfache Konstruktionen prägen viele dieser Bauten. Gleichzeitig werden industrielle Materialien wie Beton und Stahl eingesetzt, oft in reduzierter, funktionaler Formensprache. Die Verbindung von Wiederverwendung und neuen Baustoffen führt zu einer hybriden Baupraxis, die zwischen Improvisation und beginnender Standardisierung steht.
Die Gethsemane-Kirche beispielsweise wird im Rahmen des Notkirchenprogramms auf den Fundamenten eines zerstörten Gemeindehauses errichtet. Eine kirchliche Hilfsorganisation stellt einen vorgefertigten Bausatz mit zentralen Konstruktionselementen aus Holz und Metall bereit. Die Gemeinde baut das Gebäude in Eigenleistung auf und verwendet wiederverwendete Backsteine aus den Trümmern des früheren Gemeindezentrums.
Ansätze, die Barbara Busers zentrale Prinzipien des zirkulären Bauens, also Wiederverwendung, lokale Ressourcen und Anpassungsfähigkeit, vorwegnehmen. Während Buser Zirkularität bewusst entwirft und organisiert, entsteht sie im Wiederaufbau der Ruhrgebietskirchen aus der Situation heraus.


Proximität, Transformation und Kuration 

Die künstlerische Auseinandersetzung mit diesen Kirchen erfolgt auf der Basis von drei konzeptuellen Aspekten:
Der Begriff der Proximität bzw. Nähe soll nicht nur im räumlichen Sinne verstanden werden, sondern auch als politischer und sozialer Zustand. Dabei geht es nicht um eine Romantisierung von Nachbarschaften, sondern um eine Wiederaneignung eines identitätsstiftenden Handlungsraumes in einer von Entfremdung geprägten Zeit.
„Der öffentliche Raum und der Raum für Kunst sind für ein freiheitliches und regimekritisches Denken in den Ländern auf der Ostseite des Eisernen Vorhangs grundlegend. Sie tragen überdies maßgeblich dazu bei, während und nach der politischen Transformation eine neue, andere Realität zu schaffen. Diese Ausgabe der Manifesta befasst sich mit einer wichtigen Region in einem Land, das im Mittelpunkt der Europäischen Union steht und das sich gegenwärtig mit radikalen Veränderungen konfrontiert sieht.“ (Anda Rottenberg und Krzysztof Kościuczuk, eines der Kuratorentandems)
Manifesta 16 Ruhr will diese ehemaligen Kirchen nicht zu Monumenten überhöhen. Vielmehr steht die Frage im Mittelpunkt, wie diese Gebäude als offene, partizipatorische Plattformen neu konzipiert und transformiert werden können: als Orte, an denen bürgerschaftliches Engagement, interkultureller Dialog und kollektives Schaffen stattfinden. Interdisziplinäre künstlerische Praktiken sind in diesem Transformationsprozess von entscheidender Bedeutung und gehen über einfache Ausstellungsmodelle hinaus.
Kuration als Form der geopolitischen Intervention verweist auf den geschichtlichen Kontext der Biennale selbst: von der optimistischen Grundstimmung nach dem Ende des Kalten Krieges und der europäischen Einigungspolitik bis zum gegenwärtigen Zeitalter der Polykrisen, von Klimawandel und Desinformation bis zu einem erstarkenden Populismus und einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf dem europäischen Kontinent. Während sich Europa mit den Brüchen seiner Vergangenheit und den Ungewissheiten der Zukunft auseinandersetzt, bietet das Ruhrgebiet als fragmentierte, vielfältige und im Wandel begriffene Region den Raum für kulturelle Perspektivwechsel.
„Dies bedeutet in erster Linie, dass Anwohner:innen und jungen Künstler:innen die Aneignung dieser wertvollen Architekturen ermöglicht wird.“ (Hedwig Fijen, Gründungsdirektorin Manifesta)
Eine aktuelle Studie des ifo Instituts zeigt, dass die Bevölkerung Deutschlands bis 2070 um rund 10 Prozent schrumpfen wird. Bereits bis 2050 wird ein Rückgang von etwa 5 Prozent erwartet (auf circa 79 Millionen). Gleichzeitig sinkt die Erwerbsbevölkerung um etwa 12 Prozent, während die Zahl der Rentner um rund 20 Prozent steigt. Regionale Prognosen für das Ruhrgebiet gehen bis 2050 von einem Bevölkerungsrückgang von etwa 3 bis 7 Prozent aus.
Diese Entwicklungen verstärken den Druck zur Umnutzung bestehender Infrastrukturen. Die Transformation kirchlicher Räume verweist damit über ihre konkrete Nutzung hinaus auf eine grundlegende Veränderung urbaner Öffentlichkeit. Umgenutzte Kirchen nehmen eine besondere Stellung ein: Sie verbinden historische Bedeutung, räumliche Qualität und soziale Offenheit, was sie zu „Vierten Orten“ macht.


Vierte Orte 

Projektionen der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz gehen davon aus, dass sich die Zahl der Kirchenmitglieder von rund 45 Millionen im Jahr 2017 bis 2060 auf etwa 22 bis 23 Millionen halbieren wird.
Dennoch wird 2022 das Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart an der Philipps-Universität Marburg geschlossen. Seit 1966 erforschte es interdisziplinär den zeitgenössischen Kirchenbau sowie die religiöse Kunst der Gegenwart. Im Mittelpunkt stand die Analyse sakraler Architektur, die Wechselwirkungen zwischen Theologie und Ästhetik sowie der Wandel und die Nutzung kirchlicher Räume. Ziel war es, aktuelle Entwicklungen wissenschaftlich zu erfassen und Impulse für Praxis und Diskussion in Kirche und Öffentlichkeit zu geben. Die Schließung erfolgt infolge der eingestellten Finanzierung durch die Evangelische Kirche in Deutschland und ist vor dem Hintergrund begrenzter Ressourcen nachvollziehbar, bildet aber nicht den Bedarf ab.
Ausgehend vom Konzept des „Dritten Ortes“ bei Ray Oldenburg, einem US-amerikanischen Soziologen und Stadtforscher, verschieben sich im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert die einst klar getrennten Sphären von Zuhause, Arbeit und informeller Öffentlichkeit. Technologische Entwicklungen, veränderte Arbeitsformen und Urbanisierungsprozesse lösen die eindeutige Zuordnung von Orten zunehmend auf. Der „Vierte Ort“ entsteht aus dieser Verschiebung: Arbeiten, Konsum, Freizeit und Kommunikation überlagern und verdichten sich in digital vernetzten Räumen wie Co-Working-Spaces, Kulturzentren oder Transiträumen.
Damit verändert sich auch die soziale Praxis. Während der „Dritte Ort“ durch informelle, gleichrangige Begegnung im lokalen Raum geprägt ist, zeichnet sich der „Vierte Ort“ durch situative, oft medial vermittelte Interaktion aus; Zugehörigkeit wird variabel, stabile Gemeinschaften weichen temporären, projektbezogenen Verbindungen. Der „Vierte Ort“ bezeichnet weniger einen eindeutig bestimmbaren Ort als eine Nutzungskonstellation. Die umgenutzte Kirche ist ein solcher „Vierter Ort“: ein hybrider sozialer und kultureller Stadtraum, der nicht auf Konsum ausgerichtet ist und deshalb Aufenthalt ohne Zweckbindung, Rückzug und Begegnung ermöglicht.


12 Kirchen, 4 Teams, 100+ Kunstschaffende 

Die Manifesta 16 Ruhr greift diese Entwicklung auf, aktiviert Kirchen gezielt als hybride Räume und macht ihre gesellschaftlichen Potenziale sichtbar.
Heute braucht es Initiativen wie den Heilig-Geist-Kunstraum in Essen und die Manifesta 16 Ruhr, die sichtbar machen, dass kirchliche Räume im Kontext des Strukturwandels nicht nur bewahrt, sondern als „Vierte Orte“ neu konfiguriert werden können, die aktiv an einer Neudefinition urbaner Öffentlichkeit mitwirken.
Welche Perspektiven, Möglichkeiten und Hoffnungen die kuratorischen Teams gemeinsam mit den über 100 Kunstschaffenden in den zwölf Kirchen entwerfen werden, zeigt sich vom 21. Juni bis zum 4. Oktober 2026 in Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und Bochum.

 

Weitere Informationen zur Manifesta 16 Ruhr sind hier zu finden.

 

Dies ist eine gekürzte Fassung des Beitrags. Die ungekürzte Originalfassung erschien erstmals in der Restauro 4/26. Die Ausgabe kann hier bestellt werden: https://shop.georg.de/

Vorheriger Artikel

Nächster Artikel

das könnte Ihnen auch gefallen

Scroll to Top