Mammut-Stoßzahn restaurieren Studierende in Wien

Studierende des Instituts für Konservierung und Restaurierung der Angewandten in Wien untersuchen und restaurieren einen Mammut-Stoßzahn für die kommende Dauerausstellung im neuen Wien-Museum unter Leitung von Prof. Gabriela Krist 

Ende 2023 soll das Wien Museum nach dem Umbau wiedereröffnet werden. Während der Bauzeit werden Objekte für die Neuaufstellung restauriert. Eines der markanten künftigen Schaustücke der Dauerausstellung: Der Stoßzahn eines Mammuts aus der Eiszeit. Eine Studierende des Instituts für Konservierung und Restaurierung der Universität für angewandte Kunst Wien unter Leitung von Prof. Gabriela Krist untersuchte den Zahn im Rahmen eines Vordiploms. Danach startete die Restaurierung des Objekts durch eine weitere Studentin. Die Stabilisierung seiner losen Bruchstücke stellt die Studierende vor eine knifflige Aufgabe.

1903 wurde der Stoßzahn des Wollhaarmammuts in 14 Metern Tiefe in Wien gefunden

Die Gründerzeit in Wien um 1900 gestaltete die Stadt nicht nur maßgeblich um, sondern förderte durch die vielen Grabungen auch zahlreiche Funde von Stoßzähnen oder Knochen zutage. So auch den Stoßzahn eines Wollhaarmammuts, der 1903 beim Umbau der in der Wiener Innenstadt gelegenen Hohen Brücke (Tiefer Graben) in 14 Metern Tiefe gefunden wurde. Wollhaarmammuts bildeten die vorherrschende Mammutart in Europa während der späten Eiszeit. Ende des Pleistozäns vor rund 11700 Jahren starb diese Tierart aus.

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Der Mammut-Stoßzahn ist für die Neuaufstellung des Wien Museums gedacht

Heute ist dieser Stoßzahn im Besitz des Wien Museums. Als frühes Dokument der Geschichte Wiens ist der Stoßzahn für die Neuaufstellung des Wien Museums gedacht, das 2023 nach dem Umbau wieder zu besuchen sein wird. Für diese Neuaufstellung hat das Museum schon jetzt das Institut für Konservierung und Restaurierung der Wiener Angewandten mit der Restaurierung des Objekts beauftragt. Dort widmen sich zwei Studierende dem tausende Jahre alten Zeugnis der Eiszeit in Wien: Maleen Schalk erforschte zunächst im Zuge eines Vordiploms den Stoßzahn, Marlene Krischen begann danach als Semesterprojekt seine Restaurierung.

Erdmaterialien färbten den Zahn braun

Die einzigen Informationen zum Objekt stammten von zwei Zetteln, die dem Objekt beigefügt waren. Darauf vermerkt waren Objektbezeichnung, Jahreszahl, der Fundort Hohe Brücke, die Fundtiefe, sowie der Verweis, dass es sich um ein Leihgabe des heute zum Wien Museum gehörenden Römischen Museums der Stadt Wien handelt. Wie die konservatorische Bestandsaufnahme unter anderem zeigte, liegt bei dem Fund aus Elfenbein eigentlich nur das mittige Bruchstück eines Wollhaarmammut-Stoßzahnes vor. Gut erkennbar bei dem Mammut-Stoßzahn ist ein Teil der Zahnhöhle und der in Schichten aufgebaute Querschnitt, der durch Wachstumsschübe entsteht. Durch die Bodenlagerung ist die Oberfläche des Zahnes braun verfärbt. Diese Verfärbungen sind durch die Einlagerung von Erdmaterialien wie Kupfer- und Eisenverbindungen entstanden.

Handschrift legt Vorrestaurierung im Naturhistorischen Museum nahe

Paläontologische Funde wie der Mammut-Stoßzahn waren damals in der Gründerzeit begehrt, den Bauarbeitern wurden dafür auch Prämien ausbezahlt. Wie Maleen Schalk im Zuge der Untersuchungen herausfand, wurde der Stoßzahn vermutlich sofort nach der Bergung konserviert, um das empfindliche Elfenbein zu erhalten. Dazu wurde der Zahn in einem natürlichen Harz getränkt und die einzelnen Bruchstücke mit einem Öl-Kreide-Kitt aneinandergefügt und geklebt. Abschließend erfolgte eine Kittung und Retusche (mit Ölfarbe) von Fehlstellen und die Aufbringung eines Schellacküberzugs. Diese Maßnahmen entsprachen dem damals aktuellen Forschungsstand und werden in der zeitgenössischen frühen Fachliteratur zur Erhaltung von Altertumsfunden erwähnt. Viele Wirbeltierfunde gelangten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an das Naturhistorischen Museum Wien. Dank der Recherchen der Studentin bei der dort tätigen Mammut-Expertin Dr. Ursula Göhlich konnte die Handschrift auf den beiliegenden Zetteln des Stoßzahnes einer Sekretärin der Geologisch-Paläontologischen Abteilung zugeordnet werden, die ab 1879 im Museum tätig war: der Mammut Stoßzahn könnte also im Naturhistorischen Museum Wien konserviert worden sein.

Neuverklebung und Reduktion des Schellacks als knifflige Aufgabe

Ziel der auf die Bestandsaufnahmen folgenden und derzeit durchgeführten Konservierung und Restaurierung durch die Studentin Marlene Krischen ist die Stabilisierung des Stoßzahnes und die Erhaltung der historischen Konservierungsmaßnahmen, die zur Geschichte des Objektes zählen. Diese bereits über 100 Jahre alten Maßnahmen befinden sich heute in einem schlechten Zustand: Der Öl-Kreide-Kitt verliert seine Haftung, wodurch Bruchstücke des Zahnes lose sind oder nicht mehr ausreichend haften. Gleichzeitig platzen kleinere Bruchstücke der gekitteten Fehlstellen und der darüber liegenden Retusche ab. Der Schellacküberzug ist unregelmäßig aufgetragen und glänzt sehr stark. Der Schwerpunkt der praktischen Arbeit liegt daher auf der Entfernung des Öl-Kreide-Kittes und einer Neuverklebung der Bruchstücke. Die Kittmasse der gekitteten und retuschierten Fehlstellen soll gefestigt werden. Um das ästhetische Erscheinungsbild zu optimieren, soll dabei der Schellacküberzug reduziert werden. Eine knifflige und zeitintensive Arbeit.

Als Mammut und Mensch nebeneinander „in Wien“ lebten

Den Schlusspunkt der Restaurierung werden Empfehlungen zur konkreten Umsetzung der Präsentation im Wien Museum ab Ende 2023 bilden. Dann wird der Stoßzahn von der Hohen Brücke einen kleinen Teil von Wiens Geschichte neu erzählen. Ausgestellt sein in der neuen Dauerausstellung des Wien Museums wird der Mammut Stoßzahn im ersten Kapitel „Vom Naturraum zum Stadtraum“ – Tierwelt der eiszeitlichen Terrassenlandschaft – im Kontext mit frühen Kulturen, da Mammuts damals zur gleichen Zeit wie die Menschen der Altsteinzeit in Wien lebten.

Lesetipp: Gemeinsam mit der Silpakorn University in Bangkok hat das Institut für Konservierung und Restaurierung an der Universität für angewandte Kunst Wien unter der Ägide von Prof. Dr. Gabriela Krist den Master-Studiengang „Cultural Heritage Conservation and Management“ ins Leben gerufen. Lesen Sie hier mehr.