Lyonel Feininger: Verworfen und erforscht

 

Der Künstler Lyonel Feininger wollte sein misslungenes Gemälde „An der Seine, Paris“ vernichten, doch es überlebte. Jetzt ist das Bild in Halle erforscht worden – mit vielen neuen Erkenntnissen zur Malweise Feiningers.

Ein neues, unbekanntes Gemälde von Lyonel Feininger (1871–1956) zu entdecken ist eine große Sache. Doch ist es auch eine große Sache, wenn der Künstler selbst das Bild verworfen hat? Vor dieser Frage stand das Kunstmuseum Moritzburg in Halle (Saale). „Ende der 1990er Jahre erhielt ich Kenntnis von einem unbekannten Gemälde Lyonel Feiningers in Dessauer Privatbesitz. Es schien zunächst wenig glaubwürdig, dass in der DDR über Jahrzehnte ein solches Bild unentdeckt existiert haben sollte“, sagt Gemäldekurator Wolfgang Büche. Doch er wusste: Feininger hatte sich zwischen 1926 und 1933 Lehrer am Bauhaus in Dessau aufgehalten, daher war das Zurückbleiben eines Bildes dort durchaus möglich.

Hinweise auf seine Echtheit gab es lange nicht, weder in Ausstellungskatalogen noch in der Korrespondenz. Den entscheidenden Hinweis fand Büsche im Archiv des Busch-Reisinger-Museums in Cambridge. Ein Glasnegativ zeigt das Gemälde, und auf der Rückseite eines Papierabzugs hatte Feininger notiert: „Lyonel Feininger 1912/An der Seine, Paris/(Bild vernichtet).“ Damit war das fragmentarisch erhaltene Bild identifiziert und umfangreiche Forschungen konnten in Halle beginnen.

Verworfen und ausgestellt

Die sind jetzt Thema einer Ausstellung mit dem Titel „Lyonel Feininger: Paris 1912. Die Rückkehr eines verlorenen Gemäldes“ geworden. Doch die Zweifel, ob ein vom Künstler verworfenes und nur durch Zufall erhaltenes Gemälde als Teil des Werks behandelt werden sollte, bestanden bis zuletzt und sind das große Thema von Ausstellung und Katalog. Letztendlich kommen alle Beteiligten – Museumsdirektor Thomas Bauer-Friedrich, Restaurator Albrecht Pohlmann, Kurator Wolfgang Büche und auch der Kunsthändler und Feininger-Spezialist Achim Moeller – zu dem Schluss, dass Forschungen an einem so wichtigen Bild öffentlich gemacht werden müssen. Denn: „Das Bild von 1912 befindet sich sozusagen am Gelenkpunkt von Feiningers Werk. Durch das Scheitern bei diesem Gemälde, das noch viel von den alten Mummenschanz-Figuren enthält, erkannte Feininger, dass er in seiner Malerei neu anfangen musste“, sagt Wolfgang Büche.

Und eben das tat der Künstler, der damals bereits eine Karriere als Karikaturist und Comiczeichner hinter sich hatte. Seine Fertigkeiten und die neuen avantgardistischen Bildvorstellungen entwickelten sich auf der Grundlage der Zeichnungen und in Auseinandersetzung mit dem französischen Kubismus, Fauvismus, Orphismus sowie den Ideen der Künstlergruppen Blauer Reiter und Brücke. Diese Auseinandersetzungen lassen sich am Hallenser Bild – nach aufwendiger Reinigung und der Festigung lockerer Malschichtpartien – hervorragend studieren. Denn Restaurator Albrecht Pohlmann hat aufgrund der Untersuchungen von Kerstin Riße und Ivo Mohrmann von der Hochschule für Bildende Künste in Dresden (Röntgen, IR-Reflektografie, Malschichtquerschliffe) nicht nur fünf übereinander liegende Malschichten nachweisen können, sondern auch erstaunliche Erkenntnisse über die Suche Feiningers nach einer neuen Maltechnik gewonnen. „Feininger war ein absoluter Perfektionist“, sagt Pohlmann und ergänzt: „Die spätimpressionistische, pinselstrichbetonte Textur ist im heutigen Erscheinungsbild durch den beschriebenen Änderungsprozess (Anlösen mit Terpentinöl und Abkratzen der Malschicht mit dem Malmesser) getilgt.“

Überlebt und erforscht

Diese Ergebnisse sind überaus wertvoll, „weil Feiningers Werk in technologischer Hinsicht weitgehend unerforscht ist. Es lässt sich somit nicht bestimmen, ob die Übermalung eines Gemäldes in fünf oder mehr Schichten um 1912 ein übliches Verfahren Feiningers war“, sagt Restaurator Pohlmann. Auf dem Bild seien fünf farblich verschiedene Bilder vereint, deren komplette Rekonstruktion allerdings schwer möglich sei. „Sonst müssten wir an mehreren hundert Stellen Malschichtquerschliffe anbringen“, sagt Pohlmann. Für ihn ist der Einblick in den Schaffensprozess Feiningers die wichtigste Erkenntnis seiner Untersuchungen.

Die Hallenser Ausstellung zeigt ergänzend zum Gemälde und den restauratorischen Erläuterungen zahlreiche Studienblätter, die Feiningers Weg vom Karikaturen-Zeichner zum Avantgarde-Maler illustrieren. Mit den Untersuchungsergebnissen des Pariser Bildes ist dieser Weg zur kristallinen Motivaufspaltung, zu den Meisterwerken wie den Halle-Ansichten „Roter Turm“ und „Dom in Halle“, nachvollziehbarer geworden.

Das Bild wird als Dauerleihgabe im Kunstmuseum Moritzburg bleiben, Teil der Dauerausstellung wird es nach heutigen Planungen jedoch nicht werden.

Halle, Kunstmuseum Moritzburg, 24.10. bis 29.01.2017, Katalog: 15 Euro (im Museum) 19,80 Euro (im Buchhandel)