11.02.2025

Ausstellungen

Lucia Moholy – Exposures: Retrospektive in Winterthur

Lucia Moholys Fotografien haben entscheidenden Einfluss darauf, wie wir heute das Bauhaus wahrnehmen, Sie setzte Objekte wie hier aus der Metallwerkstatt in Szene. Der Entwurf stammte von Marianne Brandt. © 2025, ProLitteris, Zürich
Lucia Moholy, Metallwerkstatt, Entwurf: Marianne Brandt, Bauhaus Dessau, 1924 © 2025, ProLitteris, Zürich

Die Fotostiftung Schweiz präsentiert vom 8. Februar bis 9. Juni 2025 die Ausstellung „Lucia Moholy – Exposures“ in Winterthur. Diese umfassende Retrospektive würdigt das vielseitige Werk der renommierten Fotografin Lucia Moholy (1894–1989), einer Schlüsselfigur der Fotografie des 20. Jahrhunderts.

Lucia Moholy ist vor allem für ihre präzisen Architekturaufnahmen und ausdrucksstarken Porträts aus ihrer Zeit am Bauhaus in Dessau bekannt. Ihre Arbeiten haben die visuelle Wahrnehmung des Bauhauses nachhaltig geprägt und gelten heute als Ikonen der Fotografiegeschichte. Die Ausstellung „Lucia Moholy – Exposures“ bietet erstmals in der Schweiz einen umfassenden Überblick über das Schaffen der Künstlerin von den 1910er- bis in die 1970er-Jahre.
Die Ausstellung beleuchtet verschiedene Facetten von Moholys Leben und Werk. Sie beginnt mit ihrer Jugend in Prag und führt über ihre redaktionelle Tätigkeit in Deutschland zu ihrer Arbeit als Porträtfotografin in London. Besondere Aufmerksamkeit wird ihrem Engagement in der frühen Mikrofilmtechnik in England und der Türkei gewidmet. Schließlich wird ihre Verbindung zu Zürich thematisiert, wo sie die letzten dreißig Jahre ihres Lebens verbrachte und eine enge Beziehung zur damals jungen Fotostiftung Schweiz pflegte.

Lucia Moholy, Werkstattflügel, Architektur: Walter Gropius, Bauhaus Dessau, um 1926 © 2025, ProLitteris, Zürich
Zu Lucia Moholys bekanntesten Arbeiten gehören Architekturfotografie sowie Porträts,
Lucia Moholy, Florence Henri, Bauhaus Dessau, 1927 © 2025, ProLitteris, Zürich
die sie während ihrer Zeit am Bauhaus anfertigte. © 2025, ProLitteris, Zürich

Multitalent zwischen Kunst, Exil und Innovation

Lucia Moholy war nicht nur eine herausragende Fotografin, sondern betätigte sich auch Kunstkritikerin, Autorin und Wissenschaftlerin. Ihr Lebensweg, geprägt von politischen Umbrüchen und Exil, spiegelt sich auch in der Vielseitigkeit ihres Werkes wider. Ihre Arbeiten stehen exemplarisch für die Verbindung von ästhetischer Klarheit und technologischer Innovation.
Lucia Moholy wurde am 18. Januar 1894 in Prag geboren und verstarb am 17. Mai 1989 in Zürich. Als Tochter eines Rechtsanwalts wuchs sie im Prager Vorort Karolinenthal auf. Obwohl laut Geburtsurkunde jüdischen Glaubens, erhielt sie eine eher atheistische Erziehung.
Nach ihrem Studium der Philosophie, Philologie und Kunstgeschichte in Prag arbeitete Moholy zunächst als Redakteurin und Lektorin. 1921 heiratet sie den ungarischen Künstler László Moholy-Nagy. Ihre fotografische Ausbildung begann sie 1923 mit einem Praktikum und Fotografie-Unterricht in Leipzig. Von 1923 bis 1928 war sie gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann László Moholy-Nagy am Bauhaus in Weimar und Dessau tätig.
Moholy gilt als Pionierin der Neuen Sachlichkeit in der Fotografie. Ihre Arbeiten umfassen Sachfotografien von Werkstattarbeiten, Porträtserien von Bauhaus-Lehrern und Freunden sowie die berühmten Aufnahmen der Dessauer Bauhausbauten. Ihr revolutionärer Ansatz betrachtete Fotografie und Malerei als gleichwertig.
Nach ihrer Emigration 1933 arbeitete Moholy in London als Porträtfotografin, Autorin und Dozentin für Fotografie. Später leitete sie Projekte zur Verfilmung von Dokumentationen und setzte sich im Auftrag der UNESCO für den Erhalt nationalen Kulturguts im Nahen und Mittleren Osten ein.
Ende der 1950er Jahre zog Moholy in die Schweiz, wo sie sich wieder verstärkt der Kunstkritik und -pädagogik widmete. Ihr Lebenswerk umfasst nicht nur Fotografie, sondern auch publizistische Tätigkeiten und soziales Engagement.

Hans Peter Klauser, Lucia Moholy in ihrem Atelier in Zollikon, 1972 © Hans Peter Klauser / Fotostiftung Schweiz
Seit Ende der 50er Jahre lebte Moholy in der Schweiz. © Hans Peter Klauser / Fotostiftung Schweiz

Konflikt mit Gropius

Als Lucia Moholy 1933 vor den Nationalsozialisten nach London floh, musste sie ihre umfangreiche Sammlung von 500 bis 600 Glasnegativen zurücklassen. Diese Negative, die viele ikonische Aufnahmen des Bauhauses enthielten, gelangten in den Besitz von Walter Gropius, der 1937 an die Harvard University berufen wurde.
Gropius verschwieg und verneinte jahrelang, dass er im Besitz der Negative war. Er ließ Moholy in dem Glauben, ihre Arbeiten seien im Krieg zerstört worden. Währenddessen nutzte er ihre Fotografien für Publikationen und gab sie zur Verwendung frei, ohne Moholys Urheberschaft zu erwähnen.
Diese Situation hatte schwerwiegende Folgen für Moholy. In einem Brief an Gropius beschrieb sie die prekären Auswirkungen seiner Handlungen: Sie wurde daran gehindert, Aufträge anzunehmen und Projekte durchzuführen, was zu erheblichen finanziellen Einbußen und einem Verlust ihres professionellen Ansehens führte.
Erst 1954, nach Jahren der Ungewissheit, gab Gropius zu, dass er die Negative besaß. Moholy war erschüttert über diesen Vertrauensbruch und bezeichnete es als eine „erschütternde Erfahrung“ mit jemandem, den sie für einen ihrer „wahrsten Freunde“ gehalten hatte.
Es folgte ein dreijähriger Rechtsstreit, an dessen Ende Moholy 1957 einen Teil ihrer Negative zurückerhielt. Allerdings waren zu diesem Zeitpunkt 330 Negative verschwunden, und die entscheidende Nachkriegszeit, in der Moholy um beruflichen Anschluss bemüht war, war bereits verstrichen.
Diese Auseinandersetzung hatte weitreichende Folgen für Moholys Karriere und Anerkennung. Während ihre Bilder um die Welt gingen und maßgeblich zur Wiederentdeckung und Verbreitung des Bauhaus-Stils beitrugen, blieb Lucia Moholy selbst lange Zeit eine wenig bekannte Fotografin. Erst in jüngerer Zeit wird ihr Beitrag zur visuellen Identität des Bauhauses und zur Moderne in der Fotografie angemessen gewürdigt.

Lucia Moholy, Walter Gropius, Bauhaus Dessau, 1926 © 2025, ProLitteris, Zürich
Mit Walter Gropius stritt sich Moholy drei Jahre vor Gericht, um ihre Fotonegative zurück zu erhalten. Den Vertrauensbruch bezeichnete sie als "erschütternde Erfahrung". © 2025, ProLitteris, Zürich

Umfangreiches Begleitprogramm

Die Lucia Moholy Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz wird von einem umfangreichen Programm begleitet. Zum einen präsentiert der Künstler Jan Tichy parallel zur Hauptausstellung vom 8. Februar bis zum 2. März 2025 zeitgenössische Kunstwerke in den oxyd-Kunsträumen in Winterthur, die in einen Dialog mit Moholys Vermächtnis treten.
Desweitern gibt es eine Reihe von weiteren Veranstaltungen. Renommierte Expertinnen und Experten halten Vorträge, die tiefe Einblicke in Moholys Leben und Werk gewähren. In Diskussionsrunden tauschen sich Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker über die Bedeutung und Nachwirkung von Moholys Schaffen aus. Praktisch orientierte Workshops bieten zudem die Möglichkeit, Moholys fotografische Techniken kennenzulernen und auszuprobieren. Ein besonderes Highlight ist die Premiere des Dokumentarfilms „Lucia Moholy, die Bauhaus-Fotografin“ aus dem Jahr 2024, der neue Perspektiven auf die Künstlerin und ihre Leben eröffnet.


Einblicke in die Geschichte der Fotografie

Die Lucia Moholy Ausstellung bietet Interessierten eine einzigartige Gelegenheit, das facettenreiche Werk dieser Pionierin neu zu entdecken und ihre bedeutende Rolle in der Avantgarde des 20. Jahrhunderts zu würdigen. Besonders wertvoll sind die erstmals zugänglichen historischen Dokumente und unveröffentlichten Fotografien, die neue Perspektiven auf ihr Schaffen eröffnen.
Die Ausstellung „Lucia Moholy – Exposures“ ist ein Meilenstein in der Neubewertung dieser außergewöhnlichen Künstlerin und ein Muss für alle, die sich für die Geschichte der Fotografie und die Avantgarde des 20. Jahrhunderts interessieren.

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