Beim Stichwort Kubismus denken die meisten zuerst an die Leinwand – an Picassos kantige Porträts oder Braques fragmentierte Stillleben. Doch die Bewegung griff weit über die Malerei hinaus – in Prag wurde sie zum Bauprinzip. Die tschechische Hauptstadt ist bis heute der Ort, an dem kubistische Ideen am konsequentesten in gebaute Wirklichkeit übersetzt wurden: Nirgendwo sonst verdichtet sich der Stil in einer so dichten, stilhomogenen Architektur wie hier.
Der Kubismus als Kunstrichtung entstand zwischen 1907 und 1910 in den Pariser Ateliers von Pablo Picasso und Georges Braque. Sein Kern: die klassische Zentralperspektive wird aufgebrochen, Objekte aus mehreren Blickwinkeln gleichzeitig dargestellt und zu einer neuen, geometrisch abstrahierten Komposition zusammengesetzt. Der Begriff selbst geht auf eine anekdotische Bemerkung zurück – Henri Matisse soll beim Betrachten eines Landschaftsbildes von Braque von „kleinen Würfeln“ gesprochen haben; der Kritiker Louis Vauxcelles griff dies auf, und ein Stilname war geboren. Was in Frankreich weitgehend eine Angelegenheit der Leinwand blieb, erlebte in Prag eine folgenreiche Verwandlung. Tschechische Architekten machten aus einer Bildsprache eine Bausprache – und schufen damit ein weltweit herausragendes Phänomen.
Dass ausgerechnet Prag zum Zentrum kubistischer Architektur wurde, ist historisch bemerkenswert. Die Stadt lag abseits der großen westeuropäischen Avantgardezentren; gerade dieses Abseits-Wirken ermöglichte eine Form von Experimentierlust, wie sie anderswo selten so konzentriert zu finden ist. Während Maler und Bildhauer des Kubismus vor allem in Frankreich wirkten und der Stil in anderen Ländern eher als Nebenerscheinung auftauchte, entwickelten böhmische Künstler gemeinsam mit Architekten und Kunsthandwerkern den Kubismus zu einer umfassenden Lebensform.
Die ersten architektonischen Spuren des Prager Kubismus entstanden um 1911, zwei Jahre später stand der Stil in seiner Blüte; mit Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 zeigten sich bereits Anzeichen seines Niedergangs. Diese komprimierte Blütezeit macht den Prager Kubismus zu einem der intensivsten, aber auch kurzlebigsten Experimente der Architekturgeschichte. In weniger als einem Jahrzehnt entstand ein stilistisch kohärentes Stadtbild – ein Ensemble, das bis heute im Stadtbild Prags erhalten ist.
Prager Architekten wie Josef Chochol, Pavel Janák und Josef Gočár übertrugen die Prinzipien der kubistischen Malerei in den dreidimensionalen Raum. Sie schufen Fassaden und Bauformen mit markanten Kanten, Facettierungen und geometrischen Ornamenten, die bis heute im Stadtbild zu sehen sind. Diese Bauten fügen sich trotz ihrer radikalen Formensprache erstaunlich harmonisch in die historische Kulisse der Moldaumetropole ein – ein Bruch, der gleichzeitig ein Dialog mit der Tradition bleibt.
Die Meisterwerke und ihre Schöpfer
Unter den kubistischen Architekten Prags ragt Josef Gočár mit dem „Haus zur Schwarzen Muttergottes“ besonders hervor. Zwischen 1911 und 1912 als Kaufhaus erbaut, gilt es als eines der ersten und wichtigsten kubistischen Gebäude Prags. Durch die Dominanz der Fläche entsteht ein klar gegliedertes, kubistischer Baukörper; sowohl die präzise Formulierung von Kanten als auch die stark vereinfachten, aus geometrischen Formen komponierten Dekore verleihen ihm seine markante Präsenz. Das Gebäude trägt seinen Namen nach einer kleinen Statuette an der Gebäudeecke, die bereits das Zeichen des barocken Vorgängerbaus war – eine Kontinuität, die den Bruch mit der Tradition zugleich mildert und unterstreicht. Heute zählt es zu den Nationalen Kulturdenkmalen Tschechiens.
Noch konsequenter radikalisierte Josef Chochol das kubistische Programm. Als Vertreter eines besonders strengen Kubismus verzichtete er weitgehend auf flächige Ornamente und setzte stattdessen auf kristalline und diamantartige Bauformen. Sein Meisterwerk, die Villa Kovařovic in der Libušina 49 direkt an der Moldau, entstand zwischen 1912 und 1913. Chochol, der in Wien bei Otto Wagner studiert hatte, entwarf auch die Inneneinrichtung – ein Gesamtkunstwerk, das die kubistische Idee konsequent bis in den Wohnraum trieb.
Pavel Janák war nicht nur Architekt, sondern auch ein zentraler theoretischer Kopf der Bewegung. 1912 wurde er mit Josef Gočár und Vlastislav Hofmann Mitbegründer der „Prager Kunstwerkstätten“, in denen Ideen für die Gestaltung von Möbeln und Gebrauchskunst aus Keramik, Glas und Metall entwickelt wurden. Bereits 1908 gegründet, vertrieb die Künstlergenossenschaft Artěl kubistisches Kunsthandwerk für den Alltag – von Tapeten und Keramik bis hin zu Möbeln. Zum Inbegriff dieser angewandten Dimension des Stils wurde Janáks Keramikdose von 1911 in Form eines Kristalls – ein System aus Winkeln, Kanten und Flächen, dessen schwarze Linien die Raumdynamik der Oberfläche betonen.
Vom Nationalstil zum Dekonstruktivismus: Nachwirkungen einer kurzen Epoche
Nach dem Ersten Weltkrieg verlor der Prager Kubismus seine avantgardistische Schärfe. In den goldenen Zwanzigern hatte er seine ursprüngliche Reinheit und seine revolutionäre Kraft weitgehend eingebüßt, wurde aber in modifizierter Form zu einem Ausdruck tschechoslowakischer Staats‑ und Nationalkultur. Janák und Gočár überführten ihn in den sogenannten Rondokubismus, der kubistische Formprinzipien mit volkstümlichen Elementen verband. Sichtbarstes Zeugnis dieser Transformation ist der Adria-Palast in Prag, der zwischen 1923 und 1924 errichtet wurde: Karyatiden und dekorierte Pilaster machen aus der einstigen Avantgarde eine repräsentative Staatsarchitektur.
Dennoch wirkte das Gedankengut des Prager Kubismus weiter – tief und überraschend. Wolf D. Prix, Gründer des Wiener Architekturbüros Coop Himmelb(l)au, sah darin einen direkten Vorläufer des Dekonstruktivismus: Der tschechische Kubismus sei mit seinem Raumkonzept revolutionär gewesen und habe in seiner Zerspaltung und Rekonstruktion von Fläche und Körper spätere Strömungen vorweggenommen. Coop Himmelb(l)au verwirklichte von 1983 bis 1988 mit dem berühmten Dachausbau in der Falkestraße 6 in Wien eine der ersten dekonstruktivistischen Architekturen der Welt – eine Linie, die sich, wenn auch indirekt, von den kantigen Fassaden der Prager Moldauufer bis ins späte 20. Jahrhundert zieht. Was in einer kleinen Enklave zwischen 1910 und 1914 entstand, ist damit weit mehr als ein lokales Kuriosum. Tschechien bleibt das einzige Land, in dem der Kubismus als eigenständige, umfassende Architektur‑ und Gestaltungskultur entfaltet wurde – und die erhaltenen Bauten stehen nicht als museale Relikte, sondern als lebendige Stadtarchitektur, die noch heute Flaneure, Architekten und Kunsthistoriker gleichermaßen in ihren Bann zieht.
