05.01.2016

Museum

Krieg – eine Spurensuche

von Uta Baier
1632

 

Das Landesmuseum Halle zeigt mit der Ausstellung „Krieg. Eine archäologische Spurensuche“, was vom kämpfenden Menschen bleibt.

Es ist eine Ausstellung, die so passgenau unserer  Zeit entspricht, dass es fast unheimlich wirkt. Obwohl klar ist, dass die Hallenser Ausstellung „Krieg“ seit langem vorbereitet wurde und eine „archäologische Spurensuche“ ist, wie es im Untertitel heißt, trifft ihr Thema bedrückend genau das Tagesgeschehen. „Es ist für mich als Museumsmann traurig, aktuell zu sein. Ich wollte, alle Kriege wären im Museum. Aber da das nun mal nicht so ist, wollen wir es so gut als möglich erklären“, sagt Museumsdirektor Harald Meller.

Und das tut er. „Krieg“ wird hier nicht als ferne Bedrohung behandelt, sondern anhand seiner Ergebnisse ausgestellt. Das eindrucksvollste „Ergebnis“ steht im Zentrum der Ausstellung: es ist das 2011 auf dem Schlachtfeld von Lützen bei Leipzig gefundene, im Block geborgene, restaurierte, wissenschaftlich untersuchte und aufgerichtet ausgestellte Grab von 47 toten Kämpfern. Obwohl auf dem Schlachtfeld bei Lützen am 6. November 1632 ganze 6.500 Kämpfer ihr Leben ließen, ist dieses Massengrab das einzige Grab, das dort gefunden wurde.

 

In dreijähriger Arbeit restauriert und erforscht steht es nun hoch aufragend und dramatisch beleuchtet am Beginn und im Zentrum der Ausstellung im Lichthof des Hallenser Landesmuseums für Vorgeschichte. Um auch einen Einblick von unten zu bekommen, wurden auf der (heutigen) Rückseite vier Fenster geöffnet. Im Katalog beschreiben Christine Leßmann und Denis Dittrich vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt die Restaurierung, die nach der Blockbergung in der Restaurierungswerkstatt des Museums stattfand. Dabei wurden nicht nur zahlreiche Proben entnommen und der gesamte Block so gefestigt, dass er in einem Metallrahmen aufrecht gezeigt werden kann, sondern auch „90 Prozent der Skelette nicht bewegt“, sagt Chefrestaurator Christian-Heinrich Wunderlich. „Das ist auch eine Frage von Würde und Pietät.“

Vor dem Grab liegen in einer großen Vitrine – fein säuberlich geordnet, wie in den Tablettenregalen von Damien Hirst – Kugeln vom Lützener Schlachtfeld. Auch wenn es nur ein kleiner Teil der 2.700 gefundenen Kugeln ist – es sind bedrohlich viele, die da in Reih und Glied angeordnet wurden. Wie überall in der Ausstellung wirkt die Inszenierung als ästhetisch-künstlerisches Arrangement, das von ausführlichen Erklärungen begleitet wird. Dieses Konglomerat aus Fundstücken, Texten, Bildern, Filmen und Grafiken ist Konzept.

Schlachtverlaufskarten und Statistiken mit der Altersverteilung getöteter Kämpfer – sonst eher langweilige Statistik-Zutaten – bekommen durch die kluge Präsentation und die Nähe zu den realen Opfern einen erhellenden Wert. Unter großen Lupen, die in ein Vitrinenband im Lichthof rings um das Massengrab eingelassen sind, liegen kleinste Fundstücke, die sonst leicht übersehen werden. Hier haben sie den Status von Sensationen. Knöpfe etwa, die bei den Skeletten gefunden wurden oder ein paar Kleidungsfasern. Dem Krieger, der mit ausgebreiteten Armen scheinbar wie der gekreuzigte Christus über alle anderen Toten gelegt wurde, haben die Ausstellungsmacher zwar nicht seinen Namen, aber doch, durch moderne Rekonstruktionsverfahren, sein Gesicht zurück geben können.

Detail des Degens Wallensteins, Foto: Juraj Liptak
Hoernerhelme der Viksoe aus dem Nationalmuseum Dänemark, Foto: L. Larsen

 

Nach der Fokussierung auf Lützen weitet sich das Thema zuerst zum 30-jährigen Krieg – in welchem im benachbarten Magdeburg zum Beispiel von 30.000 Einwohnern 449 übrig blieben – zu Kriegen in Altsteinzeit, Jungsteinzeit, Bronzezeit aus. Immer tiefer gerät der Besucher anhand spektakulärer Leihgaben wie dem ersten Golddolch oder dem Schädel des frühsten bekannten Mordopfers (mehr als 400.000 Jahre alt) aus der spanischen „Knochengrube“ in die Menschheitsgeschichte hinein – die allerdings die längste Zeit friedlich war, wie Museumsdirektor Meller betont.

Es mag schöne Waffen geben, geniale Kriegsherren, prächtige Rüstungen – letztendlich bleibt vom Krieg der Schädel mit dem tödlichen Einschussloch, der Berg namenloser Skelette voller Verletzungen. Nach der Schau in Halle und weiteren Ausstellungsstationen wird das Grab wahrscheinlich wieder zurück nach Lützen kommen, um nahe dem Ort, wo es einst gefunden wurde, dauerhaft präsentiert zu werden. Eine nachhaltige Ausstellung nennt es Harald Meller – es ist das Gegenteil von Krieg.

Die Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte ist noch bis 22. Mai 2016 in Halle zu sehen.
Der ergänzende Begleitband ist im Theiss Verlag erschienen und kostet 39,95.

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