07.04.2026

Porträts

Jakob Wiedmer-Stern: Archäologe, Erfinder und rastloser Geist

Jakob Wiedmer-Stern (1876–1928): Schweizer Archäologe, Institutionsgründer und Tausendsassa – ein Leben zwischen wissenschaftlichem Pioniergeist und persönlichem Scheitern. Foto: Bernisches Historisches Museum, Gemeinfrei, via: Wikimedia Commons
Jakob Wiedmer-Stern (1876–1928): Schweizer Archäologe, Institutionsgründer und Tausendsassa – ein Leben zwischen wissenschaftlichem Pioniergeist und persönlichem Scheitern. Foto: Bernisches Historisches Museum, Gemeinfrei, via: Wikimedia Commons

Jakob Wiedmer-Stern war einer der bedeutendsten Schweizer Archäologen des frühen 20. Jahrhunderts – und zugleich einer der rätselhaftesten. Ohne Universitätsabschluss leitete er eine der wichtigsten keltischen Ausgrabungen der Schweiz und stieg zum Direktor des Bernischen Historischen Museums auf. Sein Leben oszillierte zwischen wissenschaftlichem Glanz und persönlichem Absturz – ein Schicksal, das kaum dramatischer hätte entworfen werden können.

Wer die Geschichte der Schweizer Urgeschichtsforschung aufschlägt, stößt unweigerlich auf einen Namen, der aus dem Rahmen fällt: Jakob Wiedmer-Stern, geboren am 10. August 1876 in Bern als Sohn eines Zuckerbäckers aus Herzogenbuchsee. Kein Studium, keine akademische Laufbahn im klassischen Sinne – und dennoch hinterließ er Spuren, die die Wissenschaft bis heute beschäftigen. Sein Leben war alles andere als geradlinig: Kaufmann, Archäologe, Hotelier, Erfinder, Schriftsteller, Diplomat – die Aufzählung allein lässt erahnen, welche Energie und welcher Eigensinn diesen Mann antrieben. Felix Müller, langjähriger Leiter der Archäologischen Abteilung am Bernischen Historischen Museum und Honorarprofessor an der Universität Bern, hat diesem außergewöhnlichen Leben 2020 im Chronos Verlag eine akribisch recherchierte Biografie gewidmet: Rastlos – ein Titel, der treffender kaum sein könnte.


Der autodidaktische Aufstieg: Von Herzogenbuchsee nach Athen und zurück

Schon als Knabe grub Jakob Wiedmer-Stern im Dorfteich von Herzogenbuchsee nach Pfahlbauerresten und kommentierte seine Funde in der Berner Volkszeitung – zur Verblüffung der Dorfbewohner und zur Begeisterung von Redakteur Ulrich Dürrenmatt, dem Großvater des späteren Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt. Trotz glänzender Schulleistungen verweigerte ihm sein Vater die höhere Bildung; eine kaufmännische Ausbildung musste genügen. Mit 21 Jahren zog Wiedmer-Stern nach Athen und war vermutlich im Exportgeschäft tätig, doch in seiner Freizeit betrieb er mit großem Eifer das, was ihn wirklich beschäftigte: Er fertigte nächtelang Münzabdrücke an, knüpfte Kontakte zum Griechischen Nationalmuseum und lernte Neugriechisch mit einer Methode, die für ihren Erfindungsreichtum typisch war – er lud Nachbarn zum Konversationsabend ein. Zwischen 1899 und 1902 vermittelte er einen umfangreichen Tauschhandel zwischen Athen und Bern, bei dem rund 200 Antiken – Tonstatuetten, Gefäßkeramiken – in den Besitz des Bernischen Historischen Museums gelangten. Zurück in Bern, heiratete er die Hotelbesitzerin Marie Stern, deren Namen er fortan trug, und organisierte neue Ausgrabungen.


Münsingen-Rain: Eine Ausgrabung verändert die Keltenforschung

Das Gräberfeld bei Münsingen-Rain im Kanton Bern, 1904 beim Kiesabbau entdeckt, wurde ab 1906 unter der Leitung von Jakob Wiedmer-Stern systematisch untersucht. Was dieser dreißigjährige Mann ohne Hochschulabschluss dort leistete, war nach den Maßstäben seiner Zeit außerordentlich: Über 200 Gräber aus der frühen bis mittleren Latènezeit – grob zwischen 450 und 150 vor Christus – wurden mit einer Sorgfalt dokumentiert, die seinesgleichen suchte. Ein 90-seitiger Grabungsbericht mit exakten Lageplänen, Skizzen und Aquarellen zu jedem einzelnen Fundstück entstand. Entscheidend war dabei nicht nur die handwerkliche Genauigkeit, sondern ein methodischer Weitblick: Jakob Wiedmer-Stern erkannte das Potenzial einer neuen Datierungsmethode, die sich aus der Anlage des Gräberfelds ergab – die sogenannte Kombinationsstatistik.
Der Archäologe Paul Reinecke bezeichnete den Gräberfund in Münsingen schon 1908 als den wissenschaftlich wertvollsten seiner Art. Sechs Jahrzehnte später, 1968, wertete Frank Roy Hodson vom University College London die Befunde mit modernen kombinationsstatistischen und horizontalstratigrafischen Methoden neu aus – und bestätigte die Ergebnisse vollumfänglich. Münsingen-Rain gilt bis heute als das bedeutendste Schweizer Flachgräberfeld der jüngeren Eisenzeit und als ein Markstein der keltischen Archäologie überhaupt. 1907, unmittelbar nach der Ausgrabung, wurde Jakob Wiedmer-Stern zum Direktor des Bernischen Historischen Museums ernannt. Im selben Zeitraum gründete er die Schweizerische Gesellschaft für Urgeschichte, heute bekannt als Archäologie Schweiz – eine Institution, die bis heute besteht.


Glanz und Absturz: Erfinder, Schriftsteller und das Ende einer Karriere

Doch das rastlose Temperament, das seinem Aufstieg Flügel verliehen hatte, wurde ihm auch zum Verhängnis. Bereits 1910 legte Jakob Wiedmer-Stern sein Direktorenamt nieder – formal infolge einer Amtspflichtverletzung und interner Personalstreitigkeiten, tatsächlich aber wohl auch begünstigt durch eine schwere Krankheit: Die Biografie von Felix Müller legt nahe, dass es sich nicht, wie lange behauptet, um Rheuma handelte, sondern um Syphilis, die er wohl aus Griechenland mitgebracht hatte und die ihn schließlich an den Rollstuhl fesselte. Was folgte, war ein Leben im Zeichen des Scheiterns bei ungebrochener Kreativität. Über 30 Patente meldete er an – für Buchdruckfarbwalzen, Schreibmaschinenhilfen, elastische Räder und Kunststeinverfahren –, doch keines erbrachte nennenswerten Gewinn. Als Schriftsteller hatte er mit seinem Roman Die Flut (1905), einer kritischen Auseinandersetzung mit dem aufkommenden Bergtourismus im Berner Oberland, durchaus Anerkennung gefunden; der Bund pries ihn gar als möglichen Nachfolger Jeremias Gotthelfs. Sein posthum veröffentlichter Roman Kyra Fano(1940), der die griechische Freiheitsbewegung zum Thema hat, sollte ursprünglich verfilmt werden – mit einem jungen Alfred Hitchcock als Regisseur, ein Projekt, das im Sande verlief. Diplomatisch engagierte sich Jakob Wiedmer-Stern noch im Rollstuhl für die griechisch-schweizerischen Beziehungen und war Mitgründer der Vereinigung Hellas – Schweizerische Vereinigung der Freunde Griechenlands. Er starb am 3. August 1928, enttäuscht und vereinsamt, im Diakonissenheim Villa Favorite in Bern.


Ein Pionier, dessen Werk größer ist als seine Bekanntheit

Das Lebenswerk von Jakob Wiedmer-Stern entzieht sich jeder einfachen Kategorisierung. Er war Wissenschaftler ohne akademischen Titel, Institutionsgründer ohne institutionelle Geborgenheit, Schriftsteller ohne Lesepublikum und Erfinder ohne Erlös. Gerade darin aber liegt die eigentümliche Modernität seiner Biografie: Sie erzählt von einem Menschen, der die Grenzen seiner Herkunft überwand, den Kanon der Facharchäologie bereicherte und dennoch im Raster der bürgerlichen Erfolgsgeschichte scheiterte. Felix Müllers Biografie hat das Verdienst, diesen vielschichtigen Charakter aus dem Schatten zu holen. Für die Wissenschaftsgeschichte der Schweiz ist das nicht nur eine willkommene Ergänzung – es ist eine längst überfällige Korrektur.

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