Inklusion und Museen

Längst haben sich Deutschlands Kunstmuseen auf den Weg zur Barrierefreiheit gemacht. Aufzüge und Rampen für Rollstuhlfahrer:innen, Führungen mit Gebärdensprachendolmetscher:innen für Gehörlose und von Menschen mit Beeinträchtigungen geführte Museumscafés gehören zu den Angeboten. Vier Städte der Arbeitsgemeinschaft Leichter Reisen – Emden, Rostock, Magdeburg, Erfurt – präsentieren die barrierefreie Kunstmuseen und ihre Sonderausstellungen im Winter 2021 – RESTAURO über Inklusion in Museen

„Ich habe immer nur gesammelt, was Lust in mir erweckt hat – oder, was mich bis unter die Haut schmerzte – was mich freute, aber auch wütend machte“, beschrieb Henri Nannen, Gründer des Magazins „Stern“, seine Leidenschaft für die Kunst. 1986 gründete er gemeinsam mit seiner späteren Ehefrau Eske die Kunsthalle Emden in seiner Geburtsstadt und stiftete seine Sammlung der Klassischen Moderne. Heute gehört das nach „Reisen für Alle“ zertifizierte Haus zu den wichtigsten Museen Norddeutschlands. Sein Bestand umfasst 1500 Arbeiten vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Bis zum 30. Januar 2022 sind parallel vier Ausstellungen zu sehen, die vor allem Werke aus der eigenen Sammlung präsentieren, darunter Bilder von Josef Scharl und Hanns Ludwig Katz sowie Franz Marc, August Macke und Lyonel Feininger. Im Museum können sich Rollstuhlfahrer:innen weitestgehend ungehindert bewegen. Der Besucherservice hält einen Leih-Rollstuhl, einen Leih-Rollator sowie mobile Sitzgelegenheiten bereit. Führungen werden auch in Gebärdensprache angeboten.

Alle Ebenen des Kulturhistorischen Museums in Rostock sind für Rollstuhlfahrer:innen zugänglich

In Rostocks Innenstadt verbirgt sich hinter den dicken Mauern des ehemaligen Klosters zum Heiligen Kreuz aus dem Jahr 1270 das Kulturhistorische Museum der Stadt. Herausragend ist die Sammlung zur niederländischen Kunst des 16. bis 19. Jahrhunderts mit Gemälden von Jan Brueghel d. J. oder Willem Kalf sowie Grafiken von Rembrandt und van Dyck. Mittelalterliche Kunst aus Rostocks Klöstern wird im historischen Refektorium gezeigt. Zudem ist ein Bestand aus Werken, die während der NS-Zeit als entartete Kunst beschlagnahmt wurden und 2009 dem Museum übertragen wurden, zu sehen. Die Sonderausstellung „Made in Rostock – Rostocker Unternehmen und ihre Produkte aus 200 Jahren“ vom 19. November 2021 bis 27. Februar 2022 widmet sich legendären Produkten aus der Hansestadt, wie Spielkarten aus der Tiedemannschen Steindruckerei, Liköre von Kranstöver oder Jeanshosen vom VEB Jugendmoden Shanty. Alle Ebenen des Museums sind über Fahrstühle für Rollstuhlfahrer:innen zugänglich. Auch die Führungen sind rollstuhlgerecht.

Advertorial Artikel

Parallax Article

Das im 11. Jahrhundert gegründete ehemalige Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg ist das älteste erhaltene Bauwerk der Stadt, ein eindrucksvolles, romanisches Ensemble mit dreischiffiger Basilika und einem malerischen Kreuzgang – und der wichtigste Ausstellungsort für Gegenwartskunst und Skulptur in Sachsen-Anhalt. Der Kontrast der Epochen macht den besonderen Reiz dieses Museums aus. Auszüge seiner umfangreichen Sammlung zeigt es auf fünf Etagen. Für Rollstuhlfahrer:innen ist das Museum über Rampen und Aufzüge gut zugänglich. Ein Audioguide mit Hörstücken und Videos ist per App sowie zum Ausleihen vor Ort als Multimediaguide verfügbar. Die Sonderausstellungen „Dieter Goltzsche, Landschaft mit Litfaßsäule“ bis 20. Februar 2022 und „Hans-Wulf Kunze, Fischfabrik“ bis 6. Januar 2022 rücken zwei ostdeutsche Künstler und genaue Beobachter ihrer Zeit in den Fokus.

Inklusion: Exponate können im Angermuseum Erfurt ertastet werden

Ausschließlich der zeitgenössischen Kunst widmet sich die nach Reisen für Alle zertifizierte Kunsthalle in Erfurt. Das prächtige, im Stil der Renaissance umgebaute Patrizierhaus aus dem Jahr 1562 in der Altstadt präsentiert auf 750 Quadratmetern in Wechselausstellungen Werke von der Moderne bis in die Gegenwart. Über einen Aufzug gelangen Rollstuhlfahrer:innen in alle Etagen des Museums. Ein Schwerpunkt liegt bei der künstlerischen Fotografie. So beschäftigen sich auch die noch bis 23. Januar zu sehenden Sonderausstellungen mit dieser Darstellungsform: In „Kontinent – Auf der Suche nach Europa“ befassen sich die Fotografen der renommierten Berliner Agentur Ostkreuz und der Akademie der Künste mit dem Thema Miteinander in Europa. „Dokumentarfotografie Förderpreise 12“ zeigt die Arbeiten der vier Gewinner des Dokumentarfotografie-Förderpreises der Wüstenrot-Stiftung. Das nur 500 Meter entfernt gelegene Angermuseum hat in einem barocken Stadtpalast aus dem frühen 18. Jahrhundert seinen Platz. Das Kunstmuseum der Landeshauptstadt beherbergt die wohl bedeutendste Sammlung Erfurter und Thüringer Kunst des Mittelalters sowie eine Sammlung Deutscher Malerei vom 18. Jahrhundert bis heute, eine umfangreiche Sammlung von Grafik und Zeichnungen aus fünf Jahrhunderten und eine kunsthandwerkliche Sammlung. Höhepunkt ist der Erich-Heckel-Raum mit den in den 1920ern geschaffenen Wandmalereien des Künstlers. Sie gehören zu den wichtigsten erhaltenen Wandbildern des deutschen Expressionismus. Für Rollstuhlfahrer:innen ist das Museum stufenlos zugänglich. Auf Voranmeldung werden Führungen für Menschen mit Seh- und Hörbehinderungen sowie für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen angeboten. Dabei können Exponate ertastet werden. Gebärdensprachendolmetscher vermitteln Gehörlosen Wissenswertes zur Ausstellung.

Auf der Website der Arbeitsgemeinschaft Leichter Reisen www.leichter-reisen.info gibt es weitere barrierefreie Kulturangebote. Zehn deutsche Urlaubsregionen und Städte haben sich seit 2008 zur Arbeitsgemeinschaft Barrierefreie Reiseziele in Deutschland (seit 2018: Leichter Reisen) zusammengeschlossen. Gemeinsam leisten sie Pionierarbeit bei der Entwicklung von Reiseangeboten für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, mit Hör-, Seh- und Lernbehinderungen, für Gehörlose und Blinde sowie für Familien und Senioren. Zu den Mitgliedern gehören die Regionen Eifel, Ostfriesland, Sächsische Schweiz, Südliche Weinstraße, das Fränkische, Lausitzer und Ruppiner Seenland, außerdem die Städte Erfurt, Magdeburg und Rostock.

 

Lesetipp: Den Leitfaden zum inklusive Museum vom Deutschen Museumsbund finden Sie hier.

Um Blinden und Sehbehinderten Bilder zugänglicher zu machen, bietet das Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen ein 3D-Modell eines Selbstaktes der Künstlerin an. Mehr dazu hier