Der Archäologe als Schatzjäger und Abenteurer: Die Indiana-Jones-Filme prägten das Bild der Disziplin weltweit. Doch was ist Mythos, was Realität? Welche Inhalte und Herausforderungen erwarten Studierende der Archäologie? Und welche Fähigkeiten sollten sie mitbringen?
Abenteuerliches Image
Archäologen hatte sie sich als „komische kleine Männer, die nicht von dieser Welt sind“ vorgestellt. Umso mehr überrascht es Indiana Jones‘ Film-Partnerin, als sich der von Harrison Ford verkörperte Archäologieprofessor als draufgängerischer Actionheld erweist. „Indy“ schwingt sich rasant durch jeden Urwald-Parcour, entgeht heimtückischen Fallen, enträtselt kryptische Zeichen, erkundet geheime Kammern und Gänge und spürt nebenbei die unwahrscheinlichsten Schätze auf. Sein mitreißend forsches Forscherleben war ein riesiger Publikumshit an den internationalen Kinokassen.
Im realen Leben soll Hiram Bingham Pate für die Filmfigur gestanden haben. Der amerikanische Archäologe entdeckte 1911 die Ruinenstadt Machu Picchu und weitere Ruinenstätten der Inka in Peru. Neben Heinrich Schliemann, dem Entdecker Trojas, oder dem Briten Howard Carter, der 1922 im ägyptischen Tal der Könige das Grab des Pharaos Tutanchamun fand, gehört Bingham zu jenen Pionieren der Altertumsforschung, denen bis heute das Image von Schatzjägern und Abenteurern anhaftet.
Indiana-Jones-Filme lösen Studienboom aus
Der Erfolg der Indiana-Jones-Filme brachte dem Berufsbild des Archäologen viel Aufmerksamkeit ein. Seit die erste Folge im Jahr 1981 über die Leinwand lief, stiegen die Immatrikulationen für Archäologie weltweit. Allein in Westdeutschland waren es im Zehnjahreszeitraum, in dem die ursprüngliche Trilogie lief, rund 85 Prozent. Während es im Wintersemester 1980/81 knapp 1.300 Studierende der Archäologie gab, stieg die Zahl gemäß den Daten des Statistischen Bundesamtes 1989/90 bereits auf über 2.400.
Allerdings haben sich seit den Expeditionen von Bingham oder Carter die Ziele und Methoden der Archäologie grundlegend geändert. Zwar forschen auch die heutigen Archäologen – teils in entlegenen Winkeln der Welt – nach den Relikten der Vergangenheit, doch nutzen sie dazu moderne Technologien wie Drohnen und KI. Sie kämpfen auch nicht mit feindlichen Mächten, sondern gehen internationale Kooperationen ein. Und zudem steht nicht die Trophäenjagd im Vordergrund, sondern die wissenschaftliche Erschließung und die Bewahrung des historischen Erbes der Menschheit.
Dass Archäologie mit Wissenschaft und nicht mit Schatzgräberei zu tun hat, davon war laut Drehbuch anfangs auch Indiana Jones überzeugt. Seinen Studenten legte er nahe: „Archäologie ist die Suche nach Fakten. Nicht nach der Wahrheit. Wenn Sie an der Wahrheit interessiert sind, Dr. Tyries Philosophiekurs ist am Ende des Ganges. Also vergessen Sie diese Geschichten von verborgenen Städten. Wir folgen keinen alten Karten, entdecken keine vermissten Schätze, und noch nie hat ein X irgendwann irgendwo einen bedeutenden Punkt markiert.“ Freilich, genau diese Geschichten lebt der Film im Folgenden dann genüsslich und unterhaltsam aus.
Archäologie-Studiengänge: große Bandbreite
Archäologie ist auch ohne Comic-Action spannend und vielfältig. Heute gibt es 52 Bachelor-Studiengänge für Archäologie in Deutschland, drei in Österreich und drei in der Schweiz. Die archäologischen Studiengänge sind in Bezug auf Regionen, Epochen oder Kulturen unterschiedlich ausgerichtet. Spezialgebiete sind etwa der Alte Orient oder die Römische Antike. Eingangs werden die Studierenden in die Theorie und Methodik der Archäologie eingeführt. Dazu zählt etwa die Luftbildarchäologie oder die geophysikalische Prospektion, mit deren Hilfe sich im Boden verborgene Strukturen visualisieren lassen. In den Spezialarchäologien steht die Kultur- und Sozialgeschichte eines Raumes sowie die Darstellung der Haupt- und wichtigsten Nebensprachen im Fokus.
Später erlernen die Studierenden naturwissenschaftliche Methoden wie etwa die Experimentalarchäologie, die Archäometrie sowie die Bio- und Geoarchäologie. „Was früher mit Bleistift auf Millimeterpapier dokumentiert wurde, wird heute über elektronische Vermessungssysteme erledigt, deren Software man ebenso beherrschen muss wie die Auswertung der Daten und im Weiteren die 3-D-Visualisierung der kostbaren Funde“, beschreibt Karin Fischer Ausserer, Leiterin der Stadtarchäologie Wien, die Entwicklung. Zusätzlich zur Theorie erlernen die Studierenden das Handwerk der wissenschaftlichen Grabungstechnik – in der Regel als Praktikant „im Feld“.
Restauratoren bei Grabungen
Auch das Hochschulstudium der Konservierung und Restaurierung ermöglicht eine Spezialisierung auf archäologisches Kulturgut. 1989 führte die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart (ABK) den Diplom-Studiengang „Restaurierung archäologischer, kunsthandwerklicher und volks- und völkerkundlicher Objekte“ ein. Es folgten Studiengänge in Erfurt, Berlin und München. Zusammen mit den Restaurierungswerkstätten des Römisch-Germanischen Zentralmuseums bietet die Johannes Gutenberg-Universität Mainz 2007 den dualen BA-Studiengang „Archäologische Restaurierung“. Zudem gibt es am CICS – Cologne Institute of Conservation Sciences – die Studienrichtung „Restaurierung und Konservierung von Textilien und Archäologischen Fasern“.
Die Aufgaben der Restauratoren für archäologisches Kulturgut bestehen im Dokumentieren, Bergen, Konservieren, Restaurieren und Magazinieren von Boden- und Unterwasserfunden. Bei Ausgrabungen stabilisieren sie vor der Bergung zusammen mit Grabungstechnikern die Funde. Diese Erstversorgung ist wichtig, denn archäologische Objekte, die im Boden lagern, sind in der Regel verhältnismäßig schlecht erhalten.
Einige Restauratoren sind auf die Nassholzkonservierung oder archäologische Textilien spezialisiert. Da sie häufig eine Masse an Funden vorfinden, ist ein präzises Fundmanagement das A und O. Der Dokumentation kommt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle zu. Andernfalls wären alle nicht festgehaltenen Aspekte der Fundstelle nach Beendigung der Grabung verloren, denn jede Ausgrabung stellt immer auch eine planmäßige Zerstörung des Kulturgutes dar. Die Restauratoren erfassen daher alle im archäologischen Objekt und umgebenden Erdreich enthaltenen Informationen mittels Zeichnungen oder Fotografien. Neben der Mikroskopie röntgen sie die Objekte oder nutzen andere bildgebende Verfahren wie 3D, und Neutronencomputertomographie oder Laserscan.
Der Archäologie als Universalgenie
Absolventen des Studiums Archäologie oder der Konservierung und Restaurierung werden beruflich vor allem in der archäologischen Forschung tätig, aber auch in Museen, Archiven und Bibliotheken. Ein großer Beschäftigungsbereich liegt zudem in der Denkmal- und Bodendenkmalpflege. Auch private Grabungsfirmen suchen nach Experten der Archäologie, ebenso Prospektionsfirmen, deren Ziel es ist, archäologische Stätten in einem bestimmten Gebiet zerstörungsfrei zu erkunden und zu erfassen. „Es gibt auch kuriose Karrieren, die im Endeffekt nichts mit Archäologie zu tun haben, die aber die Fähigkeiten des ‚Spezialisten für eh alles‘ gut einsetzen können“, berichtet Karin Fischer Ausserer, für die der Archäologe ein „Universalgenie“ ist: „Denn wer auf einer Grabung arbeitet, sollte von Materialwissenschaften ebenso viel Ahnung haben wie von Geologie, Zoologie und Anthropologie.“
Der Archäologie als Universalgenie
Absolventen des Studiums Archäologie oder der Konservierung und Restaurierung werden beruflich vor allem in der archäologischen Forschung tätig, aber auch in Museen, Archiven und Bibliotheken. Ein großer Beschäftigungsbereich liegt zudem in der Denkmal- und Bodendenkmalpflege. Auch private Grabungsfirmen suchen nach Experten der Archäologie, ebenso Prospektionsfirmen, deren Ziel es ist, archäologische Stätten in einem bestimmten Gebiet zerstörungsfrei zu erkunden und zu erfassen. „Es gibt auch kuriose Karrieren, die im Endeffekt nichts mit Archäologie zu tun haben, die aber die Fähigkeiten des ‚Spezialisten für eh alles‘ gut einsetzen können“, berichtet Karin Fischer Ausserer, für die der Archäologe ein „Universalgenie“ ist: „Denn wer auf einer Grabung arbeitet, sollte von Materialwissenschaften ebenso viel Ahnung haben wie von Geologie, Zoologie und Anthropologie.“
Kino-Legende im Reality Check
Für Konstantin Kárpáty wie auch für viele seiner Kommilitonen waren die Indiana-Jones-Filme tatsächlich ausschlaggebend für die Studienentscheidung, wie er in einem Interview mit der Berliner Morgenpost berichtet. „Allerdings hören viele Studierende auch gleich in den ersten zwei Wochen auf, weil sie begreifen: Oh, Indiana Jones ist tatsächlich nur ein Science-Fiction-Held und hat mit der Realität nicht viel zu tun.“ Kárpáty selbst jedoch hat seinen Enthusiasmus für das Fach auch nach dem „Reality Check“ nicht verloren. Er promovierte im Bereich Frühgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München und arbeitet als Ausgräber und Grabungsleiter für private und öffentliche archäologische Ausgrabungen. Auf dem Social-Media-Kanal „Excavation Time“ und im Podcast „Ausgegraben“ informiert er regelmäßig über Neuigkeiten aus der Fachwelt.
In den Vorlesungen und Seminaren an der LMU sei Indiana Jones durchaus ein Thema gewesen – jedoch als Negativbeispiel. „Es geht dort immer nur um diesen einen Fund“, erklärt Kárpáty den Plot der Indiana-Jones-Filme. Der geschichtliche Kontext drumherum – ein Grab etwa oder Siedlung – werde hingegen zerstört. Der Kontext jedoch sei wesentlich, um die Bedeutung eines Fundes auszuwerten.
Doch der Archäologe hat nicht nur Kritik an der Figur des Indiana Jones. So sei der Ausspruch „Das gehört in ein Museum“ eine Kernaussage der Archäologie, denn „Denkmalpflege bedeutet in erster Linie: Gar nicht erst ausgraben.“ Aber bei allen Bodenfunden ticke die Uhr, und es bestehe die Gefahr, dass sie zerfallen. Kárpáty ist überzeugt: „Das gehört dann nicht verschlossen in irgendein Depot, sondern in ein Museum.“
„Knochenharte Arbeit, kein Abenteuer“
Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und studierter Archäologe, räumt mit dem Mythos auf, Archäologen entdeckten täglich Schätze. „Spätestens nach der ersten Vorlesung an der Universität verliert man dieses Bild“, schreibt er im Juni 2021 in Die Welt. Archäologie sei „knochenharte Arbeit, kein Abenteuer“. Statt Gold und Mumien hinterherzujagen, habe er sich meist durch die Müllhalden vergangener Jahrtausende gewühlt. Mit Ausnahmen: „Ich selbst hatte das sagenhafte Glück, orientalische Tempel (1982 als Student im anatolischen Bogazköy-Hattusa), Goldschätze (2001 in Tuva) und Mumien (2006 im mongolischer Altai) zu entdecken, aber es war Zufall oder Glück, weil der Archäologe immer etwas anderes findet, als er erwartet.“ Niemand, so Parzinger, hingegen jage wie Indiana Jones mit stets gut gebügeltem Hemd einem Kristallschädel hinterher.
Thomas Lucker kann die Euphorie, die die Indiana-Jones-Filme für den Beruf des Archäologen hervorgerufen haben, durchaus nachvollziehen. Lucker ist gemeinsam mit Jan Hamann Inhaber des Berliner Studios „Restaurierung am Oberbaum GmbH (RAO)“: „Seit es die Figur Indiana Jones gibt, denken die Leute, an archäologischen Grabungen in exotischen Ländern zu arbeiten, wäre das große Abenteuer – und sie haben recht. Es ist einfach großartig!“
Und doch gibt es auch das Indy-Feeling
Eine nahezu vergessene Hochkultur erschloss sich Lucker 2000 bei einem Grabungsprojekt in Naga. Die Stadt im heutigen Sudan war einst Zentrum des antiken Königreichs Kusch. Der Auftrag Luckers und Hamanns bestand darin, ein Konzept zur Konservierung und Restaurierung der Architektur und Artefakte zu erstellen und umzusetzen.
Überwältigt vom einzigartigen Erhaltungszustand der Ruinenstätte, gerät Lucker noch heute ins Schwärmen: „Die Tempel standen da im roten Wüstensand wie vor zweitausend Jahren und waren keine Fata Morgana.“ Die Herausforderungen bei Grabungen jedoch seien andere als im Indiana-Jones-Film: „Tatsächlich kämpft man weniger mit Nazi-Schurken und religiösen Fanatikern als vielmehr mit Visa-Problemen, schwieriger Materialbeschaffung und einer heiklen Verdauung.“ All die Käfer, Spinnen, Schlangen und Skorpione gebe es allerdings wirklich. Lucker ist dankbar für die Erfahrung, die er in Naga machen durfte, zeigt sich aber auch sehr besorgt angesichts der aktuellen Lage im Sudan. Dass aufgrund des blutigen Machtkampfes sämtliche Grabungen eingestellt wurden, erscheint fast schon wie eine Nebensache angesichts der derzeit größten humanitären Krise der Welt.
Weiterlesen: Die Denkmalpflege und Restaurierung befinden sich im technologischen Wandel.
