05.02.2026

Historismus II: Malerei und Skulptur

Das Porträt der Anna (Nanna) Risi entspricht ganz dem Zeitgeschmack des Historismus'. Foto: Anselm Feuerbach, Kunsthalle Karlsruhe, Gemeinfrei, via: Wikimedia Commons
Das Porträt der Anna (Nanna) Risi entspricht ganz dem Zeitgeschmack des Historismus'. Foto: Anselm Feuerbach, Kunsthalle Karlsruhe, Gemeinfrei, via: Wikimedia Commons

Der Historismus prägte im 19. Jahrhundert nicht nur die Baukunst, sondern auch Malerei und Skulptur entscheidend. Künstler griffen bewusst auf historische Vorbilder zurück, um Werke zu schaffen, die Tradition, Symbolik und moderne Ausdrucksformen miteinander verbanden. In der bildenden Kunst eröffnete der Historismus einen faszinierenden Spielraum zwischen Detailtreue und kreativer Interpretation.

Als Stilrichtung der bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts umfasste der Historismus den Zeitraum etwa von 1848 bis 1910. Er war geprägt vom konzeptionellen Rückbezug auf vergangene Epochen, der sowohl Nachahmung als auch Neuschöpfung umfasste. Häufig spricht man vom Eklektizismus, also der bewussten Kombination verschiedener historischer Stile in einem Werk. Zu den wichtigsten Stilarten zählen Neugotik, Neorenaissance, Neobarock, Neorokoko sowie ein orientalisierender Historismus.
In einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche – Industrialisierung, Nationalstaatsbildung und dem Aufstieg eines gebildeten Bürgertums – suchten Künstler nach Ausdrucksformen, die Vergangenheit und Gegenwart verbunden. Historische Themen, Epochenstile und klassische Kompositionen wurden bewusst aufgegriffen – nicht als exakte Kopien, sondern als Ausgangspunkt für kreative Neuinterpretationen. Charakteristisch ist darüber hinaus das wachsende Interesse an der eigenen Nationalgeschichte, das sich besonders in den Werken deutscher, britischer und französischer Künstler widerspiegelt. Zu den Gruppierungen, die dem Historismus zugeordnet werden können, zählen neben der Münchner Schule auch die britischen Präraffaeliten, die sich an den Idealen der Frührenaissance orientierten und eine neue Wahrhaftigkeit in Bildkomposition und Farbigkeit anstrebten.


Historismus in der Malerei: Historische Themen neu erzählt

In der Malerei des Historismus dominieren Darstellungen historischer, literarischer oder mythologischer Sujets. Künstler wie Anselm Feuerbach oder Wilhelm von Kaulbach nutzten die Vergangenheit als Bühne für dramatische, ästhetisch durchkomponierte Szenen. Feuerbachs „Bildnis der Nanna Risi“ (1861–1865) etwa greift auf die klassische Antike zurück und interpretiert Ideale von Schönheit, Harmonie und Melancholie in zeitgemäßer Form. Auch Wilhelm von Kaulbach ist an dieser Stelle zu nennen, er setzte diverse Gemälde um, die die Verdienste u. a. Ludwigs I. von Bayern darstellten.
Der Historismus zeichnete sich durch sorgfältige Detailarbeit, narrative Klarheit und technisches Können aus. Maler orientierten sich an Renaissance- und Barockvorbildern, ohne deren Stil unreflektiert zu kopieren. Es entstand ein Spannungsfeld zwischen Bewunderung der Vergangenheit und individueller Handschrift. Farbkomposition, Lichtführung und Perspektive wurden gezielt eingesetzt, um historische Stoffe lebendig und ästhetisch überzeugend zu vermitteln. Neben heroischen Historiengemälden entstanden im Historismus auch Genreszenen, die mittelalterliche oder frühneuzeitliche Motive aufgreifen. Künstler wie Ferdinand Georg Waldmüller oder Franz von Defregger thematisierten Alltagsszenen der Vergangenheit, die als Idealbilder einer geordneten, moralisch geprägten Welt verstanden werden konnten. So verband der Historismus dokumentarisches Interesse mit künstlerischer Inszenierung. In diesem Kontext galt das Historienbild als die höchste Gattung der Kunst, während Landschafts- und Stilllebenmalerei als nachrangig angesehen wurden. Die intensive wissenschaftliche Erforschung alter Kunst – von der Romanik über Gotik, Renaissance, Barock bis Rokoko – ermöglichte es den Künstlern, sich auf stilistisch präzise Vorbilder zu beziehen und diese neu zu interpretieren.


Historismus in der Skulptur: Zwischen Tradition und Monumentalität

Auch die Skulptur des Historismus griff auf historische Modelle zurück, insbesondere auf Antike, Renaissance und Barock. Bildhauer wie Christian Daniel Rauch, Reinhold Begas oder Ludwig Schwanthaler entwickelten Werke, die historische Figuren, mythologische Gestalten oder allegorische Themen darstellen. Ein herausragendes Beispiel ist Schwanthalers „Bavaria“ (1857–1864) in München, die klassizistische Formen mit nationalem Symbolgehalt kombiniert und monumentale Präsenz mit kunsthistorischer Referenz verbindet. Rauch schuf zahlreiche Porträt- und Denkmalskulpturen, etwa die preußischen Generäle im Berliner Zeughaus, die den historischen Geist in politischer und ästhetischer Form vergegenwärtigten. Auch hier verbindet sich Vorbildtreue mit kreativer Anpassung: Antike und Renaissance dienten als Vorbilder für Proportion, Drapierung und Ausdruck, doch die Werke wurden den Erwartungen des zeitgenössischen Publikums angepasst. Skulpturen des Historismus hatten somit nicht nur ästhetische, sondern auch gesellschaftliche Funktion: Sie vermittelten moralische Botschaften, nationale Identität und künstlerische Virtuosität – besonders im öffentlichen Raum, wo sie unmittelbar erfahrbar waren.


Rezeption und Wirkung: Kritische Debatten und nachhaltiges Erbe

Zeitgenössische Kritiker begegneten dem Historismus teils ambivalent. Sie lobten seine handwerkliche Meisterschaft, bemängelten aber oft die eklektische Kombination historischer Stile und einen vermeintlichen Mangel an Originalität. Die intensive Orientierung an Vorbildern galt manchen als überladen oder intellektualisiert. Trotz dieser Kritik prägte der Historismus nachhaltig das Kunstverständnis des 19. Jahrhunderts. Historische Gemälde und Skulpturen dienten der Bildung, moralischen Orientierung und nationalen Selbstvergewisserung. Werke wie Feuerbachs „Nanna“ oder Schwanthalers „Bavaria“ sind heute nicht nur Zeugnisse einer Stilrichtung, sondern auch Spiegel gesellschaftlicher Erwartungen, kultureller Identität und künstlerischer Innovationskraft.
Mit dem Aufkommen des Impressionismus in Frankreich trat schließlich eine Malweise auf, die das Zeitgenössische, Alltägliche und Flüchtige in den Vordergrund rückte. Themen wie Licht, Atmosphäre und subjektive Wahrnehmung verdrängten zunehmend die historisch-moralischen Sujets des Historismus.


Historismus zwischen Tradition und zeitgenössischer Rezeption

In der bildenden Kunst lässt sich der Historismus als Spannungsfeld zwischen Bewahrung und Neuschöpfung beschreiben. Malerei und Skulptur nutzten historische Vorbilder nicht nur als dekoratives Element, sondern als Medium, um gesellschaftliche, moralische und ästhetische Botschaften zu vermitteln. Künstler interpretierten die Vergangenheit, um in der Gegenwart zu wirken – und einen Dialog zwischen Tradition und moderner Ästhetik zu ermöglichen.
Heute dienen Werke des Historismus nicht nur als Gegenstand kunsthistorischer Forschung, sondern auch als Inspirationsquelle für Restauratoren, Kuratoren und zeitgenössische Künstler. Die Auseinandersetzung mit Stil, Komposition und historischer Erzählung eröffnet neue Perspektiven auf den Umgang mit kulturellem Erbe. Malerei und Skulptur des Historismus bleiben somit lebendige Zeugnisse einer Epoche, in der die Vergangenheit künstlerisch reflektiert und kreativ transformiert wurde.

 

Weiterlesen: Die Architektur des Historismus. 

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