Goldene Tafel mit schwingungsisoliertem Sockel

Die Goldene Tafel aus Lüneburg gilt als ein Hauptwerk der europäischen Gotik um 1400. In den vergangenen Jahren wurde das Objekt umfassend restauriert. Im Auftrag des Landesmuseum Hannover konstruierte und berechnete ­Expertin Dr. Kerstin Kracht in Zusammenarbeit mit der Architektin Kerstin Tegeler und der Firma museumstechnik GmbH den objektspezifischen, schwingungsoptimierten Sockel

Die Goldene Tafel aus Lüneburg gilt als ein Hauptwerk der europäischen Gotik um 1400. In den vergangenen Jahren wurde das Objekt umfassend restauriert. Im Auftrag des Landesmuseum Hannover konstruierte und berechnete die Expertin Dr. Kerstin Kracht in Zusammenarbeit mit der Architektin Kerstin Tegeler und der Firma museumstechnik GmbH den objektspezifischen, schwingungsoptimierten Sockel. In der Schau „Zeitwende 1400 – Die goldene Tafel als europäisches Meisterwerk“ ist das Kunstwerk im Landesmuseum Hannover bis Ende Februar 2020 zu bewundern.

Die Goldene Tafel für die Benediktinerabteikirche St. Michaelis zu Lüneburg

In der Zeit um 1400 schufen große Schreiner, Bildschnitzer und Maler ein Hochaltarretabel von herausragender Bedeutung: die Goldene Tafel für die Benediktinerabteikirche St. Michaelis zu Lüneburg – eines der kostbarsten Werke in der renommierten Mittelaltersammlung des Landesmuseums Hannover. Mit der finanziellen Förderung durch die Volkswagenstiftung, die Klosterkammer Hannover und die FAMA Kunststiftung wurde das Retabel in einem groß angelegten interdisziplinären Forschungsprojekt in den Jahren 2012 bis 2016 von Historikern, Kunsthistorikern und Kunsttechnologen intensiv untersucht. Insbesondere wurden die einzigartige Geschichte, der Stil und die Konstruktion sowie die materielle Beschaffenheit des doppelt wandelbaren Altars analysiert.

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In einer offenen Werkstatt konnten Besucher:innen den Fortschritt der Restaurierungsarbeiten verfolgen

Anschließend wurde das Retabel in einem ebenfalls groß angelegten Projekt mit bis zu sechs Restauratorinnen von Anfang 2016 bis März 2019 restauriert. Finanziert wurde das Restaurierungsprojekt von dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, der Klosterkammer Hannover sowie dem Bündnis Kunst auf Lager mit der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Rudolf-August Oetker-Stiftung, der Kulturstiftung der Länder und der VGH Stiftung. Mit größter Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit wurden die Schmutzschichten und verbräunte Überzüge entfernt, alte Retuschen abgenommen und die Fehlstellen geschlossen. Während der Restaurierung legte das Landesmuseum Hannover großen Wert auf Transparenz: In einer offenen Werkstatt konnten Besucher:innen den Fortschritt der Arbeiten verfolgen. Während der öffentlichen Führungen konnten sich die Interessierten über die Arbeit der Restauratorinnen informieren. Außerdem wurde ein Patenschaftsmodell entwickelt. Privaten Förderern wurde es auf diese Weise ermöglicht, sich an einer der umfangreichsten Restaurierungsmaßnahmen der Gegenwart in der deutschen Museumlandschaft zu beteiligen. 

An den empfindlichen Stellen des Retabels hätten dynamische Belastungen zu Schädigungen führen können

Teil des Projektes war auch die Planung und Realisierung eines schwingungsisolierten Sockels für die Neupräsentation der Goldenen Tafel. Dieses Teilprojekt wurde von der Ernst von Siemens Kunststiftung finanziert. Hintergrund war eine bereits vor 25 Jahren erfolgte Einsicht. Wegen seiner fragilen Aufhängungen und des geschädigten Holzes sowie der empfindlichen Goldüberzüge musste dieses opulente Werk vor Stößen und Vibrationen aus der Umgebung geschützt werden. Namenhafte Professoren der Schwingungstechnik von der Technischen Universität Berlin und der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover, Prof. Waldemar Stühler und Prof. Hans Günther Natke, untersuchten damals die Schwingungen des Fußbodens in den Ausstellungsräumen des Landesmuseums Hannover. Sie stellten fest, dass die Schwingungen des Fußbodens durch das Objekt selbst verstärkt werden würden.  An den empfindlichen Stellen des Retabels hätten diese dynamischen Belastungen zu Schädigungen führen können. Eine schwingungsisolierte Aufstellung des Kunstwerkes wurde dementsprechend empfohlen. Die Goldene Tafel wurde im Jahr 2000 in einem Ausschnitt einer Wand installiert. Die Schwingungsisolation wurde mit Hilfe von Elastomeren, die unter dem Objekt eingebracht wurden, bewerkstelligt.

Der schwingungsisolierten Sockel der Goldenen Tafel war eine ingenieurstechnische Herausforderung

Aufgrund neuerer technischer Entwicklungen auf dem Gebiet der Schwingungsreduktion sollte nun bei der Wiederaufstellung nach Restaurierungsabschluss der Goldenen Tafel die Wirksamkeit dieser Methode überprüft werden. Die Maßgaben, den teilweise fragilen Originalzustand der Goldenen Tafel zu erhalten und das Objekt freistehend im Raum neu zu präsentieren, erforderten die Lagerung auf einem schwingungsisolierten Sockel. Diese Aufgabe gestaltete sich als ingenieurstechnische Herausforderung, da die Goldene Tafel mit mehr als 7 Metern Spannweite und einem Gewicht von mehr als 620 kg auf einem 1,20 m hohen aber nur 35 cm tiefen Sockel, der auf Federn gelagert ist, ausgestellt werden sollte. Die Gestaltung des Sockels als transportables Fundament war eine weitere Bedingung, da die Goldene Tafel aufgrund von Sonderausstellung, Umbauarbeiten und schließlich Neugestaltung der Dauerausstellung einige Male würde umziehen müssen. Insgesamt ähnelte die Projektsteuerung der eines großen Bauprojektes. Beteiligte waren seitens des Landesmuseums Hannover die Kuratorin, Dr. Antje-Fee Köllermann, Dipl.-Rest. Kirsten Hinderer, Dipl.-Rest. Eliza Reichel und die Leiterin Zentrale Dienste, Michaela Kuntz.

Auch die Büste der Nofretete hat eine schwingungsisolierten Vitrine

Die Firma museumstechnik GmbH aus Berlin wurde mit dem Bau des Sockels beauftragt. Die museumstechnik GmbH baute bereits seit vielen Jahren Podeste und Vitrinen für Museen, um die wertvollen Kunstwerke und Kulturgüter würdig zu präsentieren. Dementsprechend verfügte die museumstechnik GmbH über weitreichende Erfahrungen im Hinblick auf die gestalterischen Aspekte. Für die ingenieurstechnische Auslegung des Sockels beauftragte die museumstechnik GmbH Dr.-Ing. Kerstin Kracht. Bereits im Jahre 2009 arbeiteten die museumstechnik GmbH und Dr. Kracht bei der Umsetzung der schwingungsisolierten Vitrine für die Büste der Nofretete sehr gut und erfolgreich zusammen.

Gesonderte Betrachtung der Statik war unabdingbar

Wegen der opulenten Abmessungen und des Gewichtes der Goldenen Tafel war die Berechnung die Schwingungsisolation des gesamten Systems, d. h. Objekt samt Sockel, eine Herausforderung. In erster Linie mussten die Statik und eine stabile Gleichgewichtslage garantiert werden. Daher erachtete Dr. Kracht bereits in der Planungsphase eine gesonderte Betrachtung der Statik als unabdingbar und betraute die vorwiegend in der Denkmalpflege tätige Bauingenieurin und Architektin Dipl. Ing. Kerstin Tegeler mit dieser Aufgabe. Das Landesmuseum beauftragte schließlich beide Ingenieurinnen damit, den Bau und die Aufstellung des Sockels in Fragen der Statik und Dynamik beratend zu begleiten. Außerdem hatten sie alle erforderlichen rechnerischen Nachweise für die Standsicherheit und Stabilität zu erbringen. 

Lesen Sie weiter in RESTAURO-Ausgabe 1/2020. 

 

Kleine Schwingungskunde:

Modalanalyse ist eine Methode zur experimentellen oder simulativen Ermittlung der modalen Parameter: Eigenfrequenzen, Eigenformen und modale Dämpfung. Mit diesen Parametern kann das Schwingungsverhalten eines schwingungsfähigen Systems mit linearen Eigenschaften vollständig beschrieben werden.

Eigenformen, auch Eigenmoden genannt, sind das für ein System typische Aussehen, wenn es mit einer bestimmten Eigenfrequenz schwingt.

Betriebsschwingungsanalyse ist die Messung der Antwortschwingungen eines Systems, wenn es sich in einem Betriebszustand befindet. Physikalische Größen zur Beschreibung des Betriebszustandes sind: Amplituden (z. B. der Schwingwege, Schwinggeschwindigkeiten, Schwingbeschleunigungen, Dehnung, Lärmpegel), charakteristische Schwingungsfrequenzen und Schwingungsformen.

 

Zu den Autorinnen

Dr. Ing. Kerstin Kracht
ist als selbständige und unabhängige Ingenieurin für Schwingungstechnik und Strukturdynamik tätig. Seit über 15 Jahren arbeitet sie auf dem Gebiet des Schutzes von Kunstwerken vor Schocks und Vibrationen während des Transportes, der Ausstellung und der Lagerung im Depot. Als Gastprofessorin kehrt Dr.-Ing. Kerstin Kracht mit Beginn des Wintersemesters 2020/2021 an die TU Berlin zurück, an der sie studierte und promovierte. Ein Porträt der Schwingungsexpertin Kerstin Kracht lesen Sie hier.

Kontakt: 

k.kracht@tu-berlin.de

Dipl. Ing. Kerstin Tegeler
ist diplomierte Architektin (Hochschule für Bildene Künste Hamburg) und Bauingenieurin (Universität Hannover). Sie ist selbstständig und arbeitet vorwiegend in der Tragwerksplanung auf dem Gebiet der Denkmalpflege.

Kontakt: 

twp@tegeler-ingenieure.de