Die Gärten von Coimbra und Serralves dokumentieren auf eindrückliche Weise den Wandel gesellschaftlicher Werte und ästhetischer Ideale in Portugal. Der Botanische Garten der Universität Coimbra, angelegt im 18. Jahrhundert, steht für Aufklärung, wissenschaftlichen Fortschritt und koloniale Wissenssysteme. Der Park der Fundação de Serralves in Porto hingegen, gestaltet im 20. Jahrhundert, verbindet Kunst, Architektur und Landschaft zu einem Gesamtkonzept moderner Kulturpolitik. Ihre Erhaltung erfordert heute ein sensibles Zusammenspiel von historischer Authentizität, nachhaltiger Pflege und öffentlicher Zugänglichkeit.
Allerheiligen 1755: die Erde bebt, das Meer zieht sich zurück, dann kommt die Flut. Tausende sterben, Kirchen stürzen ein, Altäre verbrennen. Portugal erlebt nicht nur eine Naturkatastrophe, es erlebt den Verlust seiner metaphysischen Gewissheiten. Noch 1966 schreibt Adorno in seiner Negativen Dialektik, das Beben habe die Vorstellung einer göttlichen, vernünftigen Weltordnung ins Wanken gebracht – die Theodizee sei erschüttert worden. Auch die damalige intellektuelle Elite Europas reagiert: Voltaire spottete über die Idee eines gerechten Gottes, Kant versuchte, das Beben naturwissenschaftlich zu begreifen. Während viele noch nach metaphysischen Erklärungen suchten, zieht der Marquis de Pombal, Premier Portugals und später als der wichtigste portugiesische Staatsmann des 18. Jahrhunderts angesehen, weltliche Konsequenzen: Er lässt Stadt und Staat rational neu planen, leitet die Trennung von Kirche und Politik ein. Die Katastrophe markiert den Eintritt Portugals in die Moderne. In den Ruinen des Ancien Régime sieht er nicht nur Verlust, sondern Spielraum. Er entwirft den modernen, handlungsfähigen Staat – zentralisiert, säkular, kontrollierend. Es ist ein tiefer Eingriff in die Struktur einer vormodernen Gesellschaft: die Kirche, jahrhundertelang sakrosankt, wird entmachtet, ihr Bildungsmonopol zerschlagen. An ihre Stelle setzt Pombal eine neue Ordnung. Schulen entstehen, Universitäten werden neu ausgerichtet, auf Naturwissenschaften, Nützlichkeit, Rationalität. Es ist nicht die große Idee der Aufklärung, die ihn antreibt, sondern der Wille zur Ordnung. Portugal soll funktionieren – ohne metaphysisches Fundament.
Es ist ein Schritt in die Moderne, autoritär, aber mit aufklärerischer Handschrift. Der Bruch mit der alten Ordnung erfolgt nicht aus dem Geist der Freiheit, sondern aus dem Impuls der Katastrophe, weniger Ideal als Instrument.
Der Merkantilismus wird unter Pombal zur Strategie der Stabilisierung. 1756 gründet er beispielsweise die Companhia Geral da Agricultura das Vinhas do Alto Douro – eine staatlich kontrollierte Institution, die den Weinbau im Douro-Tal regulieren und die Qualität sichern soll. Es ist der Grundstein für das, was heute als geschützte Herkunftsbezeichnung bekannt ist. Der Alto Douro ist somit die älteste herkunftsgeschützte Weinregion der Welt, seit 2001 als „evolutive Kulturlandschaft“ sogar UNESCO-Welterbe.
Coimbra: der Botanische Garten als Spiegel einer neuen Zeit
Coimbra, in Zentral-Portugal eingebettet in ein hügeliges Flusstal, im Mittelalter Hauptstadt des Königreichs, gilt als das Oxford Portugals. Es ist das nationale Zentrum für Bildung und Wissenschaft, seit die 1290 in Lissabon gegründete Universität im Jahr 1537 endgültig nach Coimbra verlegt wurde. Erst 1910 soll in Portugal eine weitere Universität gegründet werden.
1772 schlägt auch an der von Jesuiten geleitet Universität die Stunde der Reformen: Im Zuge der vom Marquis von Pombal initiierten Erneuerungen wird offiziell die Anlage eines botanischen Gartens beschlossen, als lebendige Erweiterung des Naturalienkabinetts und Herbarium. Das Herbarium zählt übrigens bis heute zu den bedeutendsten biologischen Sammlungen weltweit und leistet einen wichtigen Beitrag zur Bewahrung und Erweiterung des Wissens über die globale Biodiversität.
Die Idee ist klar: Ein Garten, in dem lebendige Pflanzen, insbesondere Heilpflanzen und Arten aus den portugiesischen Überseeterritorien, gedeihen, erforscht und genutzt werden können.
Die Fläche, auf der der Garten entsteht, ist ursprünglich Teil des Grundstücks des Colégio de São Bento, das die Benediktinermönche der Universität zu Coimbra nicht aus Großzügigkeit, sondern aus Sorge vor Enteignung durch die Reformen umgestalten. Ab 1774 greift die Reform dann auch in die Landschaft ein: Unter Leitung des Italieners Domingos Vandelli und mit Unterstützung von Júlio Mattiazzi aus dem Königlichen Botanischen Garten von Ajuda in Lissabon wird das Gelände neu gedacht, dem Zeitgeist entsprechend modelliert, inspiriert vom Botanischen Garten in Padua. Doch die anfängliche Opulenz des Projekts stößt auf den Widerstand des Marquis von Pombal. Für ihn zählen nicht Prunk und Ansehen, sondern die Zweckmäßigkeit: „Dinge sind nicht gut, weil sie teuer, sondern für den Gebrauch geeignet sind.“ So erfolgt die Umsetzung funktional, weniger verschwenderisch.
Der Jardim Botânico folgt einem klar gegliederten, terrassierten Aufbau mit axialen Wegen, ornamentalen Beeten und strukturierten Pflanzungen, ganz im Sinne des wissenschaftlichen Rationalismus und wird so zu einem herausragenden Beispiel für die Gartenkunst des späten 18. Jahrhunderts. Am Hang unterhalb des historischen Universitätskomplexes gelegen, folgt er einem klaren Aufbau: die obere Terrasse, geometrisch gegliedert, diente der systematischen Anordnung medizinisch und ökonomisch bedeutender Pflanzen. In den tiefer liegenden Bereichen, die zum Teil spätere Erweiterungen sind, entwickelt sich der Garten freier, mit schattigen Alleen, seltenen Bäumen und einem kleinen Teich, ein Übergang zur romantischen Gartenauffassung des 19. Jahrhunderts.
1791 übernimmt Félix Avelar Brotero die Leitung des Gartens. Der Professor für Botanik und Landwirtschaft verdoppelt das Gelände durch den Erwerb eines nahegelegenen Bauernhofs der Marienpriester. Er pflanzt einige noch heute als Naturdenkmäler deklarierte, im Garten vorhandene Arten wie die Magnolia Grandiflora. Auf der Grundlage seiner mehrjährigen Arbeit veröffentlichte Brotero 1804 die erste vollständige portugiesische Flora mit dem Titel „Flora Lusitânica“.
Das große Gewächshaus, die Estufa Grande, 1865 nach den Plänen von Pierre-Joseph Pézerat eröffnet, ist eines der ältesten Zeugnisse hochmoderner Gußeisenarchitektur in Portugal. Die filigrane, symmetrische Konstruktion aus Eisen und Glas gliedert sich in drei Bereiche, die verschiedene klimatische Bedingungen ermöglichen, eine frühe Antwort auf die Herausforderungen, exotische Pflanzen zu kultivieren. Diese Verbindung von Wissenschaft, Architektur und Technologie spiegelt den Geist des modernen 19. Jahrhunderts wider. Auch was seine Bedeutung angeht, wächst der Jardim de Coimbra kontinuierlich weiter: Unter Júlio Henriques öffnet er sich internationalen Pflanzentauschprogrammen und wird zur Drehscheibe botanischer Forschung. Die Sociedade Broteriana entsteht, um die Botanik in Portugal zu fördern.
Geschichte, Wissenschaft, Natur und Fortschritt
Die Magnolia Grandiflora begeistert noch heute und beschattet ein wenig das wunderschöne Tropenhaus. An beiden lassen sich die Auswirkungen des Klimawandels ablesen. Die Blütezeit der Magnolie verschiebt sich immer weiter in den eigentlichen Winter. Das Gewächshaus, 2016 umfangreich renoviert (mit dem Preis für Stadtsanierung in der Kategorie „Beste Maßnahme mit sozialer Wirkung” geehrt), leidet unter der immer stärkeren und länger andauernden Hitze. Aus Gründen des Denkmalschutzes wurden die originalen Gläser des Gewächshauses wieder eingesetzt, die Verwendung von transparentem Laminatglas mit innenliegenden Sonnenschutzsystemen, heute gängige Praxis zur Wärmeregulierung und Vermeidung von Sonnenüberhitzung, war ausgeschlossen. Studien der Universität Coimbra zeigen, dass botanische Gärten wie dieser tagsüber die Umgebungstemperatur um bis zu 6 °C senken und nachts etwa 4 °C kühler bleiben als umliegende urbane Bereiche – dank dichter Vegetation und Verdunstungseffekten.
Die klimatischen Bedingungen in Coimbra mit heißen Sommern und kalten Wintern – meist schneefrei, jedoch mit häufigen Frösten und eisigen Temperaturen – waren stets herausfordernd. Die progredienten Veränderungen des Klimas, wie schnelle Temperaturschwankungen und andere Extreme, stellen die heutige Direktorin Teresa Girão vor komplexe Aufgaben. Der Botanische Garten ist ein integraler Bestandteil der stadtweiten grünen Infrastruktur und wird im Rahmen des UrbanGaia-Projekts, einer europäischen Initiative unter Leitung der Universität Coimbra, gezielt gefördert. Dieses Projekt fokussiert sich auf die Förderung urbaner Biodiversität sowie den Ausbau grüner und blauer Infrastrukturen (Green-Blue Infrastructure, GBI), um die Resilienz von Städten gegenüber Umweltveränderungen zu stärken. Ziel ist ein nachhaltiges Management urbaner Landschaften, das ökologische Qualität und Biodiversität sichert und gleichzeitig die Aufenthaltsqualität durch nature-based solutions zu erhöhen.
Der Botanische Garten dient als Modell für Resilienzkonzepte: seit Mai 2022 speichert ein Retentions-Teich Regenwasser, der Hochwasserschutz bietet und das Mikroklima durch Verdunstung kühlt. Stadtplaner empfehlen, solche grünen „Frischluftzellen“ stärker in Städteplanungen einzubeziehen. Über die elektrisch betriebene „Grüne Linie“ ist der Garten gut in die lokale Infrastruktur eingebunden und fördert nachhaltige Mobilität.
Mit dem Programm „Ideias para Germinar“ fördert der Garten naturwissenschaftliches Bewusstsein bei Kindern und Jugendlichen, während Studierende der Universität Baumpartnerschaften übernehmen. Gesellschaftsoffene Workshops zu Biodiversität, Nachhaltigkeit und ökologischem Fußabdruck sensibilisieren für aktiven Klimaschutz. Als kulturelles Zentrum verbindet der Garten Kunst, Natur und Wissenschaft auf einzigartige Weise.
Heute präsentiert sich der Jardim Botanico de Coimbra als Teil des UNESCO-Welterbes lebendiges Denkmal und kulturelles Zentrum. Ein wunderschönes, gesellschaftsoffenes Ensemble aus Geschichte, Wissenschaft, Natur und Fortschritt. Er ist nicht nur ein botanisches Museum, sondern vielmehr Zeugnis der über 250-jährigen Wissensbegeisterung und des Forschergeistes.
Serralves in Porto: Kunst, Landschaft und Moderne
Rund 200 Kilometer nördlich in Porto, der historischen Hafenstadt an der Atlantikküste, die seit dem Mittelalter als bedeutender Handels- und Wirtschaftsknotenpunkt gilt, liegt ein ganz anderer, wunderbarer Garten: Serralves Parque.
Unweit der Avenida da Boavista, der ehemaligen Prachtstraße, die das Casa da Musica von Rem Kohlhaas schnurgerade mit dem Meer verbindet und übrigens die zweitlängste Straße Portugals ist, liegt der Serralves Parque. Teil der Fundação Serralves, Portugals wichtigstem Zentrum für zeitgenössische Kunst, ist der Park weit mehr als ein dekoratives Umfeld. Er ist ein historisch gewachsener Raum und Zeugnis der portugiesischen Moderne.
Nach dem Ende der Monarchie im Jahr 1910 bleibt die Erste Republik schwach: Über 40 Regierungen in nur 16 Jahren, ökonomische Erschütterungen, soziale Spannungen und das Erstarken autoritärer Kräfte prägen das Land. 1926 putscht das Militär, es ist das Ende des republikanischen Experiments und der Beginn eines langen autoritären Übergangs, der 1933 in Salazars Estado Novo mündet. Das portugiesische Bürgertum orientiert sich indes an den europäischen Avantgarden, vor allem in Architektur, Kunst und Literatur, und zieht sich zunehmend aus dem politischen Raum zurück.
Der Serralves-Park entsteht genau in diesem Spannungsfeld: als kultivierter Rückzugsort, als Modell einer Welt, in der Form und Ordnung ein Gegengewicht zum politischen und sozialen Unruhezustand bilden. Ein Ort, der nicht nur ästhetische Ansprüche erfüllt, sondern auch ein tiefes gesellschaftliches Bedürfnis nach Struktur, Maß und Beständigkeit sichtbar macht.
Carlos Alberto Cabral, 2. Conde de Vizela, frankophil, kunstaffin, erwirbt in den 1920er-Jahren am damaligen Stadtrand von Porto die Quinta „Serralves“, ein landwirtschaftlich genutztes Gut mit verstreuten Wirtschaftsgebäuden und Weideland. Er beauftragt den französischen Landschaftsarchitekten Jacques Gréber, ausgebildet an der École des Beaux-Arts in Paris, mit der Gestaltung des Parks. Er hat maßgeblich an der Stadtplanung Philadelphias mit seinen weitläufigen Parks und Boulevards mitgewirkt, dem Aushängeschild des City Beautiful Movement in den USA. Diese Strömung spiegelt sich in Serralves wider: Gréber überträgt die Idee einer durch Schönheit und Ordnung geprägten urbanen Landschaft auf das private Grundstück. Im Zentrum seines Entwurfs steht eine streng axial gegliederte Komposition: Vom Haupthaus, die später so benannten Casa de Serralves, führt eine monumentale Sichtachse zu einem geometrisch gefassten Wasserbecken. Symmetrie, klare Proportionen und sorgfältig komponierte Sichtlinien mit Rabatten und geschnittenen Hecken prägen die Anlage.
Gréber schafft kein rein dekoratives Arrangement, sondern ein begehbares Manifest einer rationalisierten Naturauffassung; der Park bleibt durchlässig: Übergänge zu offenen Wiesen, Baumgruppen und locker bepflanzten Partien öffnen das Gelände zur umgebenden Landschaft und schaffen ein ausgewogenes Spiel zwischen Kontrolle und Freiheit. Inmitten politischer Umbrüche entsteht hier ein Modell für gesellschaftlichen Idealismus in landschaftlicher Form.
Die Casa de Serralves, entworfen von Charles Siclis und José Marques da Silva, bildet das architektonische Zentrum des Anwesens. Die Villa ist ein frühes Beispiel des portugiesischen Art Déco. Ihr rationalistischer Charakter zeigt bereits Elemente der Streamline Moderne, der 1930er-Jahre in den USA, geprägt durch horizontale Betonung, stromlinienförmige Formen und funktionale Eleganz. Damit markiert die Casa de Serralves und der Serralves Parque den Brückenschlag zwischen klassischer Gartenarchitektur und moderner Baukunst. Die Architektur setzt den Anfangspunkt für die axial gegliederte Gartenanlage, während der Landschaftsraum die Villa inszeniert und in die umgebende Natur überführt.
Eine neue Portugiesische Moderne
Nach der Nelkenrevolution und dem Übergang zur Demokratie wird das Anwesen in den 1980er Jahren zur Grundlage für ein neues Museumskonzept. Der Architekt Álvaro Siza Vieira, führende Figur der portugiesischen Moderne, wird mit dem Bau des Museu de Arte Contemporânea beauftragt. Sein Entwurf fügt sich mit großer Zurückhaltung in die bestehende Landschaft ein. Weiß verputzte Volumen, horizontal gelagert, mit präziser Lichtführung und sorgfältiger Wegführung: Siza schafft einen Museumsbau, der weniger dominiert als vielmehr kommuniziert – mit dem Park, der Kunst und dem Besucher.
Ein Skulpturengarten wird in den Park integriert und über die Jahre sukzessive erweitert. Claes Oldenburgs monumentaler „Plantoir“, eine überdimensionale Gartenkelle, verweist ironisch auf die Idee des kultivierten Naturraums. Es finden sich Werke von Richard Serra, Dan Graham, Olafur Eliasson und Anish Kapoor. La Baigneuse Drapée (La Seine) von Aristide Maillol, 1921, wirkt als einziges Werk im Serralves Parque, als wäre sie seit Anbeginn Teil des dekorativen Programms. Tatsächlich aber ist sie eine Schenkung des ehemaligen Konsuls der Vereinigten Staaten von Amerika in Porto an die Fundação 2011.
Die instandgesetzte Quinta mit ihren regionalen Tierarten, saisonale Anbauformen und einem Kräutergarten dient heute als Bildungszentrum mit nachhaltigem Ansatz und verbindet ländliche Erbe mit dem heutigen Anspruch auf ökologische und kulturelle Bildung.
Ein weiteres, jüngeres Element ist der Treetop Walk. Entworfen vom Architekten Carlos Castanheira in Zusammenarbeit mit Álvaro Siza, ermöglicht er neue Perspektiven auf den Park: den Wechsel der Blickachse, das Spiel mit Höhe und Horizont.
Álvaro Siza setzt mit der Casa dos Jardineiros (2021) ein deutliches Statement zum sozialen Wert von Architektur. Er rückt diejenigen ins Zentrum, die den Park täglich in Stand halten: die Gärtner. Ein diskreter Schritt hin zu einem zeitgemäßen Verständnis von Kultur- und Landschaftspflege, das Funktionalität, Respekt und Ästhetik als gleichwertige Elemente versteht. Die Architektur des multifunktionalen Gebäudes hält sich bewusst zurück: Sandfarbener regionaler Naturstein mit einem begrünten Flachdach, offen einsehbar, bindet sich sanft in die Landschaft ein.
Nachhaltigkeit und Klimabewusstsein im Wandel
Der Serralves-Park versteht sich heute nicht nur als kulturelles, sondern auch als ökologisches Vorbild. Als gesellschaftsoffener und moderner Ort setzt die Fundação Serralves auf nachhaltiges Landschaftsmanagement, das Biodiversität fördert und Ressourcen schont. Im Park werden autochthone Pflanzenarten bewusst gepflegt, Pestizide vermieden und Feuchtgebiete kontrolliert wiedervernässt. Auch die Landwirtschaft auf der Quinta folgt ökologischen Prinzipien. Kompostierung, saisonale Fruchtwechsel und Permakultur-Ansätze werden mit Bildungsarbeit verknüpft und richten sich offen an die Gesellschaft, um konkrete Handlungsmöglichkeiten im Alltag zu vermitteln.
Serralves reagiert damit nicht nur auf die Herausforderungen des Klimawandels, sondern wird selbst zum Instrument kultureller Transformation: Ein Ort, an dem Ästhetik und Verantwortung nicht im Widerspruch stehen, sondern sich gegenseitig stärken. Wo früher Repräsentation das Ziel war, ist heute Resilienz das Prinzip.
Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft
Heute dienen Villa und Park Ausstellungen für zeitgenössiche Künst. Aktuelle ist
die Retrospektive von Zanele Muholi (noch bis Oktober 2025) zu sehen. Sie stellt die Sichtbarkeit schwarzer LGBTQIA+-Personen ins Zentrum und fordert gesellschaftliche Normen heraus. Die Fundação Serralves agiert hier als progressive kulturelle Instanz mit europäischem Anspruch. Sie öffnet Räume für marginalisierte Perspektiven und regt zum kritischen Dialog über Identität, Erinnerung und gesellschaftliche Machtverhältnisse an. So leistet sie einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Reflexion, in Portugal wie im europäischen Kontext.
Serralves steht heute exemplarisch für eine kulturelle Moderne, die nicht allein in architektonischer oder ästhetischer Innovation besteht, sondern sich in einem gesellschaftlichen Anspruch entfaltet: in Nachhaltigkeit, Inklusion und Bildung. Inmitten eines traditionsreichen Ambientes, zwischen Art-Déco-Villa, symmetrischem Garten und zeitgenössischer Architektur, entwickelt sich ein zeitgemäßes Verständnis von Modernität: als offener, kritischer Prozess, der kulturelle Institutionen nicht als Elfenbeintürme, sondern als aktive Lernorte versteht.
In der Zusammenarbeit mit internationalen Institutionen und Partnern wie dem Jardim Botânico de Coimbra wird Serralves zu einem transdisziplinären Forum, das zwischen Generationen, Kulturräumen und Wissensformen vermittelt. Hier werden die Fragen der Gegenwart produktiv mit dem Wissen der Vergangenheit und den Potenzialen der Zukunft verknüpft, bewahrend und gestaltend.
