Der Expressionismus in der Architektur entstand nicht im Vakuum. Er speiste sich aus einer Gemengelage von philosophischen Strömungen, literarischen Impulsen und dem tiefen Misstrauen gegenüber dem Historismus des 19. Jahrhunderts. Entscheidend war die Idee, dass ein Bauwerk Emotionen nicht nur widerspiegeln, sondern aktiv erzeugen kann. Der Dichter und Kulturtheoretiker Paul Scheerbart formulierte in seinem einflussreichen Text „Glasarchitektur“ von 1914 die Vision einer leuchtenden, transparenten Gebäudewelt aus farbigem Glas – eine Utopie, die den Architekten Bruno Taut unmittelbar begeisterte. Taut, einer der produktivsten Vordenker dieser Bewegung, gründete 1919 die „Gläserne Kette“, einen Briefzirkel utopisch gesinnter Architekten, darunter Hans Scharoun und Hermann Finsterlin. In ihren Zeichnungen und Briefen entwarfen sie Gebäude wie lebendige Organismen – Bergkristalle, Muscheln, Stalaktitenformationen. Diese Entwürfe blieben oft Papierarchitektur, also unrealisierte Visionen, doch ihre gedankliche Sprengkraft war enorm. Sie definierten, was Architektur sein könnte, wenn Logik und Ökonomie nicht länger das letzte Wort hätten.