„Epic Iran“ – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

In der großen Ausstellung „Epic Iran“ erzählt das Victoria & Albert Museum in London die bewegte Geschichte der persischen Hochkultur von der Antike bis zur Moderne

„Epic Iran“ ist die erste Ausstellung im Vereinigten Königreich seit über 90 Jahren, welche die iranische Kunst, Kultur und Handwerk aus über 5.000 Jahren präsentiert. Neben selten gezeigten Objekten aus der V&A Sammlung werden dabei hochkarätige Leihgaben aus verschiedenen internationalen Museen gezeigt.

Persien

Hört man den Namen Persien, denkt man direkt an Orient, Tee und gutes Essen. Doch was ist eigentlich mit dem Land Persien? Dasjenige Land, welches zwischen dem Golf von Oman und dem Kaukasus den Orient von Asien trennt und seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. von verschiedensten Völkern bewohnt, erobert und beherrscht wurde und nach der Regentschaft zahlreicher Lokaldynastien unter den Safawiden im 16. Jahrhundert zu einer neuen Größe kam? Im Jahr 1935 verfügte Reza Shah Pahlavi, der letzte persische Kaiser, dass das Land nicht mehr Persien heißen sollte sondern Iran – ein Name aus den ersten Zeiten der Besiedelung dieser landschaftlich herausragenden Region.

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„Epic Iran“

Wohl auch aus diesem Grund hat das Victoria & Albert Museum in London seine neueste Großausstellung „Epic Iran“ genannt. Die Kurator:innen konnten dabei trotz langjähriger Verhandlungen im Vorfeld mit dem Nationalmuseum in Teheran und der eigentlichen Zusage von etwa 50 Objekten für die Ausstellung dabei jedoch nur ihre eigenen Objekte sowie Leihgaben anderer Londoner und internationaler Museen in die Ausstellung einbinden.

Doch auch diese sind absolut sehenswert: Die iranische Sammlung des V&A wurde vor über 150 Jahren begründet und ist heute eine der führenden musealen Sammlungen persischer Kunst und Artefakte aus der Mittelalter- und Neuzeit. Eines der Glanzstücke der Sammlung ist dabei wohl der Ardabil-Teppich, der in der Dauerausstellung des V&A präsentiert wird und den bis dato ältesten und größten Perser-Teppich weltweit darstellt (sein Gegenstück befindet sich im LACMA Los Angeles). Ab den 2000ern erweiterte sich die Sammlung zudem um Werke zeitgenössischer iranischer Künstler:innen und wächst stetig.

Iranische Kultur kennenlernen

Die Ausstellung ist in zehn große „Kapitel“ gegliedert, durch die sich Besucher:innen in chronologischer Reihenfolge bewegen. Der erste Teil führt mit großartigen Landschaftsaufnahmen in die Iranische Kultur ein – die unterschiedlichen geographischen Gegebenheiten von hohen Bergketten, Wüsten, Salzseen, kühlen Wäldern und heißen Küstenabschnitten haben die soziale, wirtschaftliche und politische Geschichte des Landes über die Jahrtausende hin geprägt.

Im Jahr 3200 v. Chr. beginnt dann die historische Reise und zeigt, dass sich das Persische Weltreich mit seiner reichen Zivilisation durchaus mit dem damalgien Ägypten und Mesopotamien messen lassen konnte. Kyros der Großen, König der Meder und Perser, einte Persien um etwa 500 v. Chr. zum ersten Mal politisch und die damalige Hauptstadt Persepolis wurde zu einem florierenden kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum der Region. Aus dieser Zeit stammt ein Highlight der Ausstellung, der sogenannte Cyrus-Zylinder, eine Leihgabe des British Museums: Der walzenförmige Tonzylinder erklärt Kyros als ersten König der Achameniden und beschreibt seine Machtübernahme in akkadischer Keilschrift.

Auch ein Goldarmreif aus dem Oxus Schatz ist in diesem Teil der Ausstellung zu sehen. Im nächsten Abschnitt der Ausstellung wird die Geschichte der kurzen Herrschaft Alexanders des Großen, der Parther und der Sassaniden anhand von Skulpturen, Steinreliefs, Gold- und Silberobjekten sowie zahlreichen Münzen präsentiert. Der Zoroastrismus wird in dieser Zeit zur Staatsreligion und prägte Kunst und Architektur dieser Epoche.

„The Book of Kings“

Dann folgt ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung, „The Book of Kings“ genannt: Hier wird gezeigt, wie die Geschichte Irans auch nach der Islamisierung im 7./.8. Jahrhundert bis heute durch das iranische „Volksepos“ Shahnameh (übersetzt: Buch der Könige) dargestellt wird. Es kann durchaus als das größte und längste Epos der Welt bezeichnet werden und wurde um das Jahr 1010 durch den Dichter Ferdausi fertig gestellt.

Mythen, Legenden und historische Ereignisse werden dabei zusammengewoben und erzählen die Geschichte aller den Iran beherrschenden Könige. Die persische Buchmalerei, die zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert ihre Blütezeit hatte, illustriert dabei mit höchster Präzision und feiner Pinselführung die beschriebenen Szenen. Man kann exklusive Manuskripte aus der Sarikhani Collection ebenso wie aus der British Library, die heute eine der größten Sammlungen persischer Manuskripte besitzt, zu sehen, die bis dato nur selten der Öffentlichkeit in Ausstellungen präsentiert worden sind.

Der Reichtum der safawidischen Herrschaft

Nach 1500 wird der schiitische Islam unter den Safawiden zur Staatsreligion und der arabische Einfluss ist in Kunst, Kultur und Architektur deutlich erkennbar, wie sich in dem nächsten Teil der Ausstellung zeigt: Sehr gut erhaltene Koran- und Manuskript -Illuminationen, detailliert und mit feinen Materialien gearbeitete (Gebets-)Teppiche und kalligraphische Meisterwerke zeigen den Reichtum der safawidischen Herrschaft. Hervorzuheben ist hier das Horoskop des Iskandar Sultan, eine Leihgabe der Wellcome Collection.

„Royal Patronage“

Die folgenden Jahrhunderte werden im Abschnitt „Royal Patronage“ präsentiert, hier ist Isfahan im Fokus, die damals wohl florierendeste Stadt in der Region, die im engen Austausch mit den englischen, niederländischen und französischen Ostindien-Kompanien stand und dadurch die europäische Kultur einen ersten Einblick in die vielfältige Welt des Irans bekam, wie auch anders herum. Anhand von verschiedenen Objekten wie Keramiken, bemalten Fliesen oder Architekturnachbauten (real und digital) wird aufgezeigt, wie Iran die Einflüsse von China bis Europa in die eigene Kultur einfließen ließ. Hierbei sind auch zwei Ölgemälde aus der Königlichen Sammlung von Queen Elisabeth II. zu sehen.

Im 19. Jahrhundert begann für den Iran langsam der Übergang in das moderne Zeitalter, unter den Kadscharen wurde gleichzeitig die alte Geschichte zitiert und neue Errungenschaften und Techniken einbezogen, wie etwa die Fotografie um die 1850er Jahre.

Das 20. und 21. Jahrhundert

Die Ausstellung endet mit dem 20./21. Jahrhundert und zeigt dabei die dynamischen sozialen und politischen Änderungen, die eine ganze Region und deren Bevölkerung umgewälzt haben. Ein Großteil der zeitgenössischen iranischen Künstler:innen muss seit der islamischen Revolution im Jahr 1979 im Exil leben und arbeiten und kann womöglich nie mehr das eigene Heimatland sehen. Von den in dieser Sektion gezeigten Künstler:innen leben nur 14 tatsächlich im Iran, die anderen sind in Europa, UAE oder Nordamerika im Exil. Es werden Werke, die in der westlichen Kategorisierung in die Moderne fallen würden, von Monir Shahroudy Farmanfarmaian oder Parviz Tanavoli gezeigt, um die Zeiten des Modernismus vor 1979 zu unterstreichen, denn danach endete der künstlerische Diskurs abrupt.

Ab etwa 1990 begann die iranische Kunst wieder aktiver und politischer zu werden – eben ein Grund für viele Künstler:innen ins Exil zu gehen. Dies verdeutlichen unter anderem Arbeiten von Shirin Neshat, Fahrhad Moshiri oder Rokni Haerizadeh.

„Epic Iran“ bietet neue Einblicke in eine Hochkultur

Besucher:innen der Ausstellung erhalten einen guten Überblick über die Geschichte dieses besonderen, oftmals auch unbeachteten Landes in Mittelasien und kann neue Einblicke in eine Hochkultur erhalten, die man aus dem bloßen europäischen Blickwinkel kaum fassen kann.

Die umfangreiche Ausstellung sucht daneben auch nach Antworten auf die Frage nach der Identität in einem Land, dessen stolze Bevölkerung so oft erobert wurde und neben ruhigen Zeiten auch Turbulenzen überstanden hat. Dabei ist jedoch auch die Frage, was es in der heutigen Zeit bedeutet, ein/e Iraner:in zu sein, denn die Geschichte ist zwar stets greifbar, jedoch ist nicht nur die Zukunft, sondern auch die Gegenwart im heutigen Iran ungewiss.

Zur Ausstellung erscheint im August ein Katalog, der über die Victoria & Albert Webseite oder im Fachbuchhandel erworben werden kann. Die Ausstellung läuft noch bis zum 12. September 2021 und es gibt neben Vorträgen vor Ort ein Online-Begleitprogramm – mehr Informationen und die aktuellen Öffnungszeiten und Vorgaben finden Sie hier.